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29.6.2006 | Von:
Levent Tezcan

Interreligiöser Dialog und politische Religionen

Einleitung

Wie man auch immer zur umstrittenen Zeitdiagnose vom "Kampf der Kulturen" stehen mag - gegenwärtig kann man diesem Diskurs kaum entkommen. Das Gegenkonzept, der "Dialog der Kulturen", scheint nur die Stoßrichtung jenes Schlagwortes zu ändern. Die Vorstellung von kulturellen Einheiten, die gewissermaßen als Subjekte handeln, wird übernommen. Doch es geht nicht nur um eine intellektuelle Debatte, die an der Realität vorbeiginge. Wenn sich Menschen als Repräsentanten von Kulturen begegnen und sich das politische Handeln darauf einstellt, gewinnt "Kultur" als neues Paradigma an gesellschaftlicher Realität.






Doch "Kultur" ist schwer greifbar. Mit Blick auf kollektive Identitäten und die politische Operationalisierbarkeit verdichtet sie sich im Begriff "Religion". Die Religion mit klarer Dogmatik, ansprechbaren Akteuren, erkennbaren Zeichen und heiligen Orten und Plätzen dominiert folglich zunehmend den Dialog der Kulturen. Es verwundert keineswegs, dass die Frontlinien des "Kampfes der Kulturen" auch beim Namensgeber Samuel Huntington letztlich entlang religiösen Zivilisationsmarkierungen verlaufen. Auch lokale Kulturdialoge laufen mehr und mehr auf interreligiösen Dialog hinaus. Es ist die Religion, die den Diskurs des Multikulturalismus für gesellschaftspolitisches Handeln operationalisierbar macht.

Meine Grundthese lautet: Religion avanciert zum Vehikel, mit dem die multikulturelle Gesellschaft regierbar gemacht werden soll. Diese wird gegenwärtig, gekoppelt an die Integrationspolitik, in zunehmendem Maße über den interreligiösen Dialog kommuniziert. Im Folgenden werde ich vor dem Hintergrund einer laufenden empirischen Untersuchung[1] einige Züge des christlich-islamischen Dialogs (fortan CID) in Deutschland darstellen. Eine systematische Analyse des interreligiösen Dialogs, dessen Praxis oder theologischer Begründungen kann hier nicht geleistet werden.

Fußnoten

1.
"Macht und kulturelle Selbstbehauptung in der interreligiösen Kommunikation. Konflikt im Dialog? Eine empirische Analyse christlich-islamischen Dialogs in Deutschland", IKG Bielefeld. Auf dieses Projekt beziehen sich die Hinweise auf Gesprächspartner im Text. Die Vorarbeiten wurden im von der DFG geförderten Projekt "Transnational Political Practices of Migrants" geleistet.