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30.5.2006 | Von:
Jan Knopf

Brecht im 21. Jahrhundert

Nicht für Meinungen, sondern für Geschmacklosigkeiten

1998 hatte sich das deutsche Feuilleton nach der Feier des 100. Geburtstags entschlossen, Brecht endgültig zu Grabe zu tragen, nachdem es nach der "Wende" meinte, er sei mit dem Untergang des Sozialismus ohnehin gleich mit erledigt. Dieser Untergang aber fand nur in den Hirnen der hiesigen Tuis statt; die Künstler und ihr Publikum weigerten sich, den ideologischen Trends hinterherzulaufen.

Hartnäckig (und vorsätzlich) wird immer wieder behauptet, Brecht würde nicht gespielt; doch ein Anruf beim Suhrkamp Verlag kann das Gegenteil belegen. Dass Sänger wie Max Raabe (1999), Robbie Williams (2001) oder jetzt Campino von den "Toten Hosen" (2006) Brecht/Weill neu interpretieren, hat ebenso wenig mit Sozialismus oder Marxismus zu tun wie die Tatsache, dass er neben oder nach William Shakespeare der meistgespielte Autor auf unseren Bühnen geblieben ist. Zwischen 1971 und 1979 lagen beide mit je 12 000 Aufführungen vorn; Goethe 5 000, Henrik Ibsen als bester Ausländer 6 000 Aufführungen (neuere Vergleichszahlen liegen leider nicht vor).

Die Brecht-Feierlichkeiten, die in diesem Jahr zum 50. Todestag vorgesehen sind, und zwar weltweit (einschließlich Korea und Japan), lassen sich nicht mehr zählen, alles in allem, wie es aussieht, werden sie die Zahl von 1998 weit übersteigen. Dass unsere Zeit für Marxismus besonders anfällig sei, lässt sich indes wohl kaum behaupten. Es muss folglich andere Gründe dafür geben, dass Brecht neu einstudiert wird und die Ergebnisse vom Publikum mit Vergnügen und in Massen abgenommen werden.

Beim Musiktheater fällt die Antwort vermutlich leichter als für Brechts "klassisches" Theater. Für die Lieder, vor allem die mit Kurt Weill, und das heißt da vor allem die Songs aus der Dreigroschenoper, aus Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny und aus Happy End von Elisabeth Hauptmann, könnte man sagen, dass sie dahin zurückgekehrt sind, woher sie ursprünglich stammten: ins imaginäre Dixieland, durch dessen Jazz Weill die Anregung zu seiner Musik erhielt. Sie sind zu anonymem Liedgut geworden, das weltweit präsent ist.

Dies liegt nicht zuletzt auch am Text, der vulgär, frech, humorvoll, z. T. falsch ist, aber zur Musik so passt, dass er mit ihr eine widersprüchliche Einheit bildet. (Dadurch, dass die Texte "einfach" sind, lassen sie sich auch gut übersetzen, z.B.: "Ja, mach nur einen Plan! / Sei nur ein großes Licht! / Und mach dann noch 'nen zweiten Plan / Gehn tun sie beide nicht." GBA 11,145) Diese Einheit ist deshalb immer wieder neu herausfordernd, weil Text und Musik sich aneinander reiben und vielfache Interpretationen ermöglichen, die übrigens z.B. durch Max Raabe oder neuerdings durch die Gruppe "Slut" so klingen, als habe man die Lieder zuvor noch nie gehört.

Die Beliebtheit der "klassischen" Stücke wiederum hängt einerseits mit den häufig damit verbundenen hoch attraktiven Rollen für die Schauspielerinnen und Schauspieler zusammen, andererseits aber auch damit, dass sie große Geschichten erzählen, also traditionell eine Fabel aufweisen.

Die neuere Forschung zu Brecht hat diese Tatsache dazu benutzt, Brecht z.B. gegen Heiner Müller oder auch Harold Pinter als "vormodernen Dichter" auszuspielen, dabei aber nicht bemerkt, dass Brecht - auch in seinen theoretischen Äußerungen - am Primat des Historischen festhielt, weil er dessen Beliebigkeit schon bei den Nationalsozialisten als verhängnisvoll einschätzte: Wenn es "Sinn" gibt, dann geschichtlichen, also von Menschen gemachten und vertretenen. Die "modernen" Sinn- und Geschichtslosigkeiten waren Folgen der Ost-West-Konfrontation, wonach jede Veränderung des Status quo die Gefahr einer Weltkatastrophe in sich barg. Diese Zeit ist jedoch vorbei.

Dass Stücke mit Fabeln für die Spielbarkeit, aber auch für das Schauvergnügen der Betrachter mehr hergeben, zeigt der Vergleich mit Samuel Beckett oder Eugène Ionesco, die weitgehend von den Bühnen verschwunden sind: Die Zeit für Leere und Sinnlosigkeit (die hat die Spaßkultur übernommen) ist erst einmal vorbei. Und die Geschmacklosigkeiten der Massen wurzeln allemal tiefer in der Wirklichkeit als der Geschmack der Intellektuellen.