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30.5.2006 | Von:
Jan Knopf

Brecht im 21. Jahrhundert

Nicht für das gute Alte, sondern für "Ford-Schritt"

Die Brecht-Rezeption in Deutschland und damit auch die öffentliche Debatte in den Feuilletons, wenn da von Brecht überhaupt noch die Rede ist, hat sich in den vergangenen - sagen wir: zehn - Jahren ungeheuer polarisiert, und zwar so, als ob es die welthistorischen Ereignisse von 1989/90 nicht gegeben hätte.

Die alte Brecht-Garde der DDR, zu der sich nun auch einige Jüngere aus den westdeutschen Bundesländern gesellt haben, kommt immer mehr zu der Überzeugung, Brechts kritisches Potenzial lasse sich nur dadurch erhalten, dass für ihn und sein Werk weiterhin das Banner des Marxismus hochgehalten wird.

Der Regisseur und langjährige Intendant des Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm, Manfred Wekwerth, von 1986 bis 1989 Mitglied des Zentralkomitees der SED und seit 2001 im Ältestenrat der PDS, pocht in seiner jüngsten Rezension zu Ernst Schumachers Buch "Mein Brecht" mit stolzgeschwellter Brust auf den Dichter der Arbeiterklasse und rühmt den Autor, dass er die Dinge endlich wieder beim Namen nennt, also von Arbeiterklasse und Revolution spricht. Schumacher hatte schon 1955 ein dickes Buch (600 Seiten) geschrieben, in dem er Brecht bis 1933 Stück für Stück vorrechnete, wie wenig die Arbeiter in ihnen vorkamen. Brecht hat Schumacher dann den Gefallen getan, in die späte Fassung von Trommeln in der Nacht wenigstens einen Arbeiter (namens Paule), den aber auch nur nach dem Hörensagen, hineinzuschmuggeln.

Dass Brecht marxistisches Vokabular benutzt hat - das er aber weniger der Lektüre (von Studium kann keine Rede sein), sondern mehr seinen, z.T. auch kommunistischen, Freunden verdankte -, gehört zu den Widersprüchen, die noch zu klären sind. Dass Brecht aber gleichzeitig - nämlich ebenfalls in den zwanziger Jahren - um die einschneidenden Veränderungen des Kapitalismus Bescheid wusste, ist inzwischen in aller Klarheit erarbeitet, wird aber eben von der Brecht-Rezeption weitgehend ignoriert.

Ich habe schon vor fast zwei Jahrzehnten nachgewiesen, dass es sich bei der Wirtschaftshandlung der Heiligen Johanna der Schlachthöfe, die als "Umsetzung" der Marx'schen Zyklentheorie (im "Kapital") gedeutet worden ist, um eine - sehr "westliche", aus den USA kommende - Cornerspekulation handelt. Sie funktioniert weitgehend nur mit lebensnotwendigen Waren, die bei einem Überangebot von Spekulanten vollständig aufgekauft und dann "in die Ecke gestellt" (gecornert) werden. Ist der Markt leer, kann der Spekulant die Preise ziemlich beliebig nach oben treiben, weil er immer nur wenig Ware auf den Markt wirft und damit die Nachfrage nach oben treibt. (Weizencorner waren schon Ende des 19. Jahrhunderts in den USA sehr beliebt und lösten weltweit Hungersnöte aus.)

Die Zeitungsausschnitte und weiteres Material, das Walter Brecht 1925 bei einem Aufenthalt in den USA im Auftrag seines Bruders Bertolt sammelte, sind im Bertolt-Brecht-Archiv ausreichend dokumentiert, ganz abgesehen davon, dass der Begriff "Corner" bzw. "cornern" zweimal im Stück selbst vorkommt. Es ging in der Heiligen Johanna eben gerade nicht um die Darstellung eines Geschichtsgesetzes (wie Marx beanspruchte), sondern darum, auf ästhetische Weise vorzuführen, mit welcher Skrupellosigkeit die kapitalistischen Geschäfte gemacht werden, über Leichen gehend. Damit ist der bisherige Hauptbeleg für Brechts Marxismus in seinem Werk hinfällig geworden.

Der "theoretische" Hauptbeleg für den Beginn von Brechts Marx-"Studium" (ab 1926) stammt von 1935 und ist eine derart alle Daten durcheinander wirbelnde, rückblickende Schrift (GBA 22,138 - 140), dass ihre Windigkeit bei genauerer Lektüre geradezu ins Auge sticht (freilich ist sie sehr gut formuliert). Weitere Äußerungen Brechts, etwa, Marx sei sein erster Zuschauer gewesen, oder er habe erst nach dem Lesen des "Kapitals" seine eigenen Stücke verstanden, sind typische Brecht-Jokes, denen man in den Schriften der zwanziger Jahre ständig begegnet. Brecht hat immer wieder davor gewarnt, ihn zu ernst zu nehmen - aber Humor war schon immer so eine Sache.

Schwerwiegender ist freilich, dass Brecht die amerikanische kapitalistische Ideologie, auf ökonomischer Seite vertreten durch Henry Ford (Fordismus), auf psychologischer Seite vertreten durch John B. Watson (Behaviorismus), recht gut kannte und auch in seinen Werken verarbeitete.

Mit dem Fordismus war verbunden, dass nach der Erfindung des Fließbands die industrielle Massenproduktion möglich wurde. Diese hatte jedoch nur Sinn, wenn sich damit auch ein Massenkonsum verband. Also benötigte man Käufer, und dafür konnte man verelendete Arbeiter nicht brauchen. Fords Idee war, die Waren billig zu machen und gleichzeitig die Arbeiter besser zu entlohnen, was er mit einem Schlagwort der Zwanziger Jahre die "Entfeudalisierung des Daseins" nannte. Den Profit machte man vor allem damit, dass man sich das Geld über die Waren wieder zurückholte.

Das war - auch in Europa spätestens nach dem Ersten Weltkrieg - das Ende der Arbeiterklasse, auch wenn Wekwerth sie weiterhin hochgehalten haben möchte. Die Arbeiter definierten sich nicht mehr über ihre Arbeit, sondern über ihren Konsum und die Freizeit, ihn, den Konsum, genießen zu können, denn ohne mehr Freizeit für alle wäre Massenkonsum nicht möglich gewesen. Damit war die Marx'sche Verelendungstheorie, aber auch die Zyklentheorie, erledigt. Nicht mehr der "starke Arm" des Arbeiters trieb die Räder (besser: die Fließbänder) an, sondern der Konsum. Der Behaviorismus sekundierte, indem er die Mittel dafür bereitstellte, die Konsumption psychologisch anzutreiben, etwa durch Verpackungen und Reklame, die dafür sorgten, dass die Leute sich auch das kauften, was sie nicht brauchten - und so ist es noch heute.

Brecht hat u.a. im Dreigroschenprozeß (1931) Fordismus und Behaviorismus als "revolutionär" beschrieben (verbunden freilich mit der Hoffnung, dass auch diese Revolution einmal über die Leiche des Kapitalismus gehen werde; GBA 21,478). Ausdrücklich thematisiert ist der Fordismus u.a. in seinem satirischen Gedicht 700 Intellektuelle beten einen Öltank an. Auch die Tuis, so kurz sein Inhalt, haben endlich die neuen Realitäten erkannt und beschlossen, die technischen Errungenschaften zu ihren neuen Göttern zu machen, freilich in den alten Formen und "Im Namen der Elektrifizierung / Des Fordschritts und der Statistik" (GBA 11,176). Fortschritt schrieb sich von da an mit "d".

Obwohl die Angebote vorliegen, wird weiterhin hartnäckig an Brecht und seinem Werk "Weltanschauung" exekutiert. Die Forschungslage zu Brecht hat sich nämlich inzwischen einschneidend verändert. Da ist zunächst die "Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe" (GBA), die 1988 noch als deutsch-deutsche Ausgabe (in der Bundesrepublik: Suhrkamp Verlag, in der DDR: Aufbau-Verlag) in textgleichen Bänden begonnen und 1998 (bzw. 2000 mit dem Erscheinen des Registerbands) abgeschlossen wurde.

Erstmals zeigten sich nicht nur der immense Umfang und die Vielseitigkeit von Brechts Werk, sondern auch die Unhaltbarkeit des traditionellen "Brecht-Bilds", das durch die alten Ausgaben liebgewonnen worden war. Diese waren nach dem bürgerlichen Erbrecht als Editionen "letzter Hand" herausgebracht worden, wonach der letzte Wille des Autors gilt. Es waren also prinzipiell die späten Texte als Grundlagen gewählt worden (so z.B. der Baal von 1918 in einer Fassung von 1955). Viele Fragmente erschienen so, als seien sie abgeschlossene Werke (z. T. von Elisabeth Hauptmann "zu Ende" geschrieben bzw. geordnet), die Schriften waren zu Themenkomplexen vereint, die Geschlossenheit und Systematik suggerierten.

Die GBA dagegen hat die Texte in ihre Zeit zurückgestellt, indem die Textgrundlagen gewählt wurden, die zeitgenössisch wirksam waren. Zugleich löste sie alle Komplexe auf, die nicht unmittelbar auf Brecht zurückgingen, ordnete chronologisch und brachte die Fragmente als solche, sodass z.B. die theoretischen Schriften nun einen bunt gemischten Haufen aller möglichen Themen darstellen und zeigen, dass die meisten Überlegungen an der praktischen Arbeit orientiert waren, hauptsächlich zur Selbstvergewisserung dienten, keine Weltanschauung formulierten und keine geschlossene Theorie ergaben. Dazu gehört auch die kollektive Arbeit Brechts, der sich zunehmend nicht mehr als Dichter verstand, der zur Schaffung seiner Werke nur Griffel und Papier benötigte, sondern zum Organisator eines Arbeitsteams wurde, in dem Spezialisten tätig waren, die zugleich die ersten Kritiker wurden.

Nichts blieb dem Zufall überlassen. Auch das "Plagiat" hat ausgedient; es figuriert in der Wissenschaft inzwischen als "Intertextualität" und gilt als ein Merkmal für hohe Qualität. Kronzeuge dafür ist Johann Wolfgang Goethe, der gegenüber dem Franzosen Friedrich Soret (überliefert in Eckermanns Gesprächen) äußerte, er habe sich für seine Werke überall und bei jedem bedient, und so sei denn sein Werk das "eines Kollektivwesens", das halt den Namen Goethe trage.

Auch die Behauptung, die Frauen hätten die Werke für Brecht geschrieben, ist nicht haltbar. Sie stammt von "Forschern", die kein einziges Original in der Hand gehalten haben, denn Brechts Hand ist in den rund 200 000 Blättern des Nachlasses überall präsent. So ist beispielsweise übersehen worden, dass Ruth Berlau (Brechts "Lai-tu") Dänin war und nur bedingt - sowohl orthographisch als auch in der Syntax und Wortwahl - die deutsche Sprache beherrschte (was keineswegs gegen sie spricht). Sie konnte also sprachlich zu Brechts Werk kaum etwas beitragen (angeblich stammt ja Brechts poetischstes Werk, Der kaukasische Kreidekreis, weitgehend von ihr, wobei nicht in Frage gestellt sein soll, dass sie ihm verwertbare Ratschläge gab).

So sehr ich Hans Bunge, der das gleichnamige Buch herausgegeben hat, schätze, doch es handelt sich um eine Verfälschung, wenn Bunge so tut, als gebe er Berlau im Original wieder (dies ist Hochdeutsch); auch die Gedichte und weitere Texte hat Bunge stillschweigend ins Hochdeutsche übersetzt. Umgekehrt stammen die Texte von Berlaus Buch "Jedes Tier kann es" von Brecht; dieser brachte ihre Vorlagen auf das notwendige sprachliche Niveau.

Auf der neuen Textgrundlage der GBA, die viele Texte Brechts erstmalig zugänglich machte, entstand das fünfbändige "Brecht-Handbuch" (2001 - 2003) an der Arbeitsstelle Bertolt Brecht (ABB) in Karlsruhe, an dem 68 Forscherinnen und Forscher aus acht Ländern mitgearbeitet haben. Darin wird versucht, den Blick auf einen "neuen" Brecht, ohne Ideologie, zu lenken. Über den ideologischen Debatten war nämlich vergessen worden, dass Brecht ein großer Künstler, auch Sprachkünstler, war und eine völlig neue, dem Stand der damaligen technologischen Entwicklung angemessene Ästhetik ausgebildet hatte, die nicht nur noch der Entdeckung harrt, sondern auch (indirekt, sozusagen unbewusst) dafür gesorgt hat, dass sein Werk "standhält".

Brecht vertrat mit Friedrich Schiller die Auffassung, dass der Mensch erst dann wirklich Mensch sei, wenn er spielt, und dass alle Künste dazu da seien, zur größten aller Künste, der Lebenskunst, beizutragen. Einen solchen Mann auf den finsteren Bierernst des nie real existiert habenden Sozialismus der DDR noch heute festnageln zu wollen, ist der reine Hohn. Die DDR war der kleinbürgerlichste Staat, den sich die Deutschen bisher geleistet haben.

Für Brecht dagegen gilt: Nachdem nach 1989/90 Informationsquellen zugänglich wurden, die vorher - aus "guten Gründen" - versteckt waren, wissen wir heute, dass der Kulturfunktionär Wilhelm Girnus im Mai 1951 von Walter Ulbricht persönlich den Auftrag erhielt, "Brecht Hilfe zu leisten", was so viel hieß, ihn zu bespitzeln. 1954 begründete Girnus die Überlassung des Theaters am Schiffbauerplatz mit den Worten: Man müsse Brecht "nicht irgendeine kleine Quetsche, sondern ein richtiges Theater geben, damit er seinen Primitivismus und Puritanismus nicht durch mangelnde Technik entschuldigen kann". Girnus versprach, im "Neuen Deutschland", dem "Zentralorgan der SED", "entsprechende Kritiken" der Aufführungen des BE zu veranlassen. Das war dann auch der Fall, wenn nicht einfach Brechts Theaterarbeit gleich ganz verschwiegen wurde. Auch Brechts Haltung zum 17. Juni 1953 bedarf einer grundlegenden Revision (dazu aber ist hier nicht der Ort).