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30.5.2006 | Von:
Jan Knopf

Brecht im 21. Jahrhundert

Nicht für Innerlichkeit, sondern für Haltungen

Die Sonderausgabe der GBA und das neue "Brecht-Handbuch" wurden im September 2003 in der Berliner Akademie der Künste der Öffentlichkeit vorgestellt. Versammelt war auch die alte und neue orthodoxe Brecht-Garde, die auch in der Diskussion die Meinung vertrat, dass die neue Ausgabe zu "unübersichtlich" (um es vornehm auszudrücken) und wenig benutzerfreundlich sei und dass das alte - mein - Brecht-Handbuch völlig ausreiche (ich hatte als Allein-Autor 1980 und 1984 ein zweibändiges "Brecht-Handbuch" herausgebracht). Tatsächlich hatten sich auch potenzielle Beiträger zum neuen Handbuch aus diesen Kreisen geweigert, die GBA zu benutzen (was dazu führte, dass ich ihnen die Verträge gekündigt habe).

Da aber die alten Verhältnisse nicht restaurierbar sind, muss der alte Marxismus mit neuem Glauben verbunden werden, denn die neue deutsche Gläubigkeit liegt offenbar ganz im Trend. Das begann 2002, als auf den Brecht-Tagen in Berlin - die Fortsetzung der Brecht-Tage der DDR - "Brechts Glaube" auf dem Programm stand. Philosophen, Theologen, Publizisten und Literaturwissenschaftler hörten sich - weitgehend zustimmend - an, wie der Chefredakteur von "Sinn und Form", Sebastian Kleinschmidt, ausführte, dass Brecht in der "Geschichtsphilosophie des Marxismus" das "geistige Mittel" zur Weltveränderung gefunden habe. In der "Verheißung", die "Antagonismen der menschlichen Existenz zu überwinden", liege gar "der theologische Glutkern der Lehre" (nach Ernst Bloch): "An dieser Glut hatte auch sein [Brechts] Denken ideologisch Feuer gefangen." Dieses aufgeblasene Pathos, vermischt mit theologischem Vokabular, ist so "unbrechtisch", wie man es sich nur denken kann. Aber es musste einmal gesagt sein, dass Brecht eben doch kein Ungläubiger war.

2003 folgte Friedrich Dieckmann mit dem Buch "Wer war Brecht?", das den Anspruch erhebt, den Autor dort gefunden zu haben, "wo er am verborgensten ist: in den Stücken, in denen er, in theatralisch verwandelter Gestalt, sein Innerstes preisgibt". Dass zu Marx notwendig Hegel gehört, hatte Brecht seinen Ziffel in den Flüchtlingsgesprächen ausführen lassen. Schon bei Hegel in der Vorrede zur "Phänomenologie" wäre nachzulesen gewesen, dass, wer "sich auf das Gefühl, sein inwendiges Orakel, beruft", "dem weiter nichts zu sagen habe, der nicht dasselbe in sich finde und fühle: mit anderen Worten, er tritt die Wurzel der Humanität mit Füßen. Denn die Natur dieser ist, auf die Übereinkunft mit anderen zu dringen." Auch die Linguistik hat längst erwiesen, dass mit Sprache "Inneres" nicht mitteilbar ist, weil die Sprache intersubjektiv und nicht subjektiv ist. (Thomas Manns Spätwerk etwa ist ohne das ironische Spiel mit dieser Tatsache nicht zu denken.)

Das könnte noch gerade durchgehen, leben wir doch wieder in Zeiten von Befindlichkeiten und "Anliegen" (letzteres Wort führte auch die Hitliste von Dolf Sternbergers "Wörterbuch des Unmenschen" an). Schlimmer wird es, wenn die Texte Brechts interpretatorisch verstümmelt werden, wenn etwa zu beweisen ist, dass zumindest die Homoerotik (wenn nicht die Homosexualität) zu Brechts "Innerstem" gehört habe. Da in solchen Zusammenhängen Frauen störende Faktoren sind, werden sie in der Maßnahme, das natürlich ein "Passionsspiel" ist, einfach beseitigt. In Klammern merkt Dieckmann an: "Eine Frau, die den vier Agitatoren am Ende der ersten Szene beigesellt ist, verschwindet spurlos, ehe sie ein Wort hat sagen können." Denn zu beweisen war: "Die Liebe zum Tode, die hier [bei der Tötung des jungen Genossen, J. K.] aus einer Welt voller Schmerzen hilft, findet unter jungen Männern statt." Tatsächlich verschwindet die Dame im Stück nicht, denn schon in der 2. Szene erhält sie einen Namen: "Anna Kjersk aus Kasan", und nach der Spielanleitung des Stücks ist die Frau bis zum Ende dabei (sie gehört zu den vier Agitatoren), denn sie hat, wie es im Personenverzeichnis heißt, "die vier Agitatoren, nacheinander auch als: Der junge Genosse", also auch den jungen Genossen, zu spielen (was zur raffinierten Spielanlage des Stücks gehört), ganz abgesehen davon, dass die späteren Szenen ohne sie nicht mehr gespielt werden könnten: Es fehlte eine Person!

Meine These lautet: Brecht hat den Untergang des Sozialismus deshalb überlebt, weil sein Werk sich darauf nicht festlegen ließ - bei allem Bemühen der orthodoxen Brecht-Rezeption. Mit dem Untergang der DDR ist ihr der Boden entzogen worden, und der Versuch, auf traditionelle Positionen modische Innerlichkeiten zu pfropfen, zeigt seine Unhaltbarkeit schon in der Manipulation der Begründungen.

Da Brecht kein Gläubiger, sondern ein gesellschaftskritischer Realist war - nicht ohne Widersprüche, die hier aber nicht Thema sein konnten -, bleibt sein Werk schon ganz vordergründig aktuell: als Kapitalismuskritik.

Der global siegreiche Kapitalismus hat Brechts These, dass Kapitalismus immer auch und immer wieder Krieg bedeute, durchaus nicht widerlegt. Die Kriege, die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks geführt worden sind und auch heute geführt werden, beweisen das Gegenteil. Und es zeichnet sich ab, dass nicht nur diese Kriege, sondern auch unsere Verhältnisse vom Tuismus langsam wieder zur Realität zurückführen.