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30.5.2006 | Von:
Jan Knopf

Brecht im 21. Jahrhundert

Nicht für Klassizität, sondern für Offenheit

Vom verstorbenen Verleger des Suhrkamp Verlags, Siegfried Unseld, stammt die Einstufung Brechts als "Klassiker der Vernunft", ein Slogan, mit dem der Verlag über Jahrzehnte hinweg für seine Brecht-Ausgaben warb. Der Slogan war durchaus zutreffend, insofern Brecht immer wieder für und an die menschliche Vernunft plädierte und sich dafür einsetzte, dass statt kriegerischer Lösungen von Konflikten die menschliche Vernunft eingesetzt werden sollte, um zu friedlichen und humanen Ergebnissen zu kommen. Aber er charakterisiert durchaus nicht sein Werk; denn in diesem tummeln sich geradezu die Unvernünftigen.

Schlagende Beispiele dafür sind Galilei und die Courage. Galilei, der zwar viel Vernünftiges über den Sinn und Zweck seiner Wissenschaft zu sagen hat, verrät sie dann aber lieber im Zweifelsfall, wenn es um das eigene Wohl geht. "Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!", sagt Galilei selbstbewusst (GBA 5,271), um sich dann in die Reihe der Verbrecher zu begeben.

Noch deutlicher wird die Unvernunft in Mutter Courage und ihre Kinder. Obwohl die Courage im Lauf der Zeit alle Kinder an den Krieg verliert und ihr Geschäft immer schlechter wird, beschließt sie am Ende bissig, wieder in den Handel zu kommen. Für ihre Unvernunft steht das nachhaltige Schlussbild, als sich die Courage - nun ganz allein - vor den Wagen spannt und dem Krieg hinterher zieht. In der DDR der fünfziger Jahre gab es für Brecht von Seiten der Kulturbürokratie herbe Schelte, weil dieser sich partout weigerte, die Courage einsichtig werden zu lassen. Da dort der "positive Held" (das Vorbild) gefordert wurde, reihte sich Brecht aus Sicht der SED in die Reihe der unverbesserlichen Pessimisten ein. (Brecht hatte nach dem Faschismus Führer und Vorbilder gründlich satt: Er brauchte keine Leithammel.)

Wenn man von Brechts Klassizität reden will, dann schlage ich vor, lieber Harry Buckwitz zu folgen, der bereits 1980 feststellte: "Menschenbilder wurden von ihm erfunden, die sich wie Archetypen einprägen: der Richter Azdak, der Arturo Ui, der Puntila, die Mutter Courage, das gespaltene Wesen der Shen Te/Shui Ta"; die Reihe ließe sich fortsetzen, und dies sogar mit Figuren aus Gedichten wie z.B. die Marie A. oder die "Judenhure" Marie Sanders, nicht zu vergessen die Prosa mit der unwürdigen Greisin. Archetypen heißt, dass Brecht auf ästhetische Weise "Menschenbilder" geschaffen hat, die zum bleibenden Bestand der Menschheit gehören werden - wie die Gestalten aus der Bibel, wie die Helden Shakespeares, Goethes oder Schillers. Das heißt auch für die Werke, dass sie als Ganzes zum Bestand der haltbaren Weltliteratur zu zählen sind. Als solche aber haben sie vordergründige Aktualität nicht nötig.

Klassische Werke zeichnen sich dadurch aus, dass sie in der jetzigen und in den kommenden Zeiten immer wieder (auch im Auf-und-Ab) zu neuen Deutungen und bei Theaterstücken zu neuen Inszenierungen herausfordern, die Aspekte freilegen, an die bis dahin noch niemand gedacht hat. Vor allem in diesem Sinn werden Brechts große Werke immer aktuell bleiben.