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30.5.2006 | Von:
Marc Silberman

Die Tradition des politischen Theaters in Deutschland

Was heißt politisches Theater?

An der Schnittstelle von Kunst, Unterhaltung und Ideologie gelegen, sind alle Theaterstücke ihrem ausdrücklichen Inhalt oder dem historischen Wesen ihrer Auslassungen nach politisch. Und ebenso vertritt das Theater politische Werte, denn seine Konventionen verschieben sich mit der Zeit als Reaktion auf eine veränderte gesellschaftliche Realität. Folglich enthalten sogar Inszenierungen der harmlosesten eskapistischen Phantasien politische Botschaften, indem sie die Werte des Status quo verstärken. Von dieser abstrakten Perspektive aus gesehen wirkt das Theater wie eine gebrochene Linse, die mehr oder weniger deutlich die Bedürfnisse, Wünsche und Ängste einer Gesellschaft zu einem gegebenen Zeitpunkt offenlegt.

Eine engere Definition dagegen betrachtet nur jene Stücke als politisch, die von politischen Vorgängen oder aktuellen gesellschaftlichen Fragen handeln. Diese funktionale Definition begrenzt politisches Theater auf die Stücke, die von oppositionellen Gruppen mit der Absicht der Veränderung politischer Verhältnisse produziert werden. Im Extremfall könnte diese Definition sogar noch weiter auf Agitations- und Propagandastücke beschränkt werden, die absichtsvoll versuchen, ein Publikum durch die Manipulation von Mythen, Symbolen und Gefühlen zu beeinflussen. Eine dritte Definition setzt das politische Theater von passiv zu konsumierender Unterhaltung ab. Für diese Art des Theaters ist das intellektuelle Argument das Markenzeichen einer ästhetischen Praxis, die darauf besteht, die Zuschauerinnen und Zuschauer zum Denken zu erziehen, nicht unbedingt darauf, etwas Bestimmtes zu denken.

Diese und andere mögliche Definitionen sind nie ganz voneinander zu trennen. Zudem stimmen die Absichten eines Dramatikers möglicherweise nicht immer mit den Wirkungen auf die Zuschauer überein, wenn diese über Politik bzw. über politisches Theater nachdenken. Folglich ist es notwendig, auch die oppositionellen Praktiken, die seine Stücke enthalten, sowie die Strategien zur Einbeziehung des Publikums zu erklären, wenn man Überlegungen zur Tradition des politischen Theaters und ganz besonders zu Brechts Beitrag anstellen möchte.

Anfang der zwanziger Jahre, als Brecht sich als Dramatiker einen Namen machte, erlebten die Theater in Deutschland den Übergang von der Gesellschaftskritik der Naturalisten und Expressionisten zu verstärkten Bemühungen um ein alternativ-oppositionelles politisches Theater. Die Existenz zweier gut organisierter Parteien der Arbeiterklasse (SPD und KPD) sowie die starken kulturellen Bindungen zwischen der jungen Sowjetunion und dem neuen, republikanischen Deutschland schufen den Rahmen für eine beispiellose Blüte politisch motivierter Tätigkeit in allen Bereichen der künstlerischen Produktion. Die kulturellen Aktivitäten der Linksparteien zielten auf ein enges, operatives Konzept politischer Kunst, das die Instrumente von Agitation und Propaganda als Waffen der Klassenaufklärung für das Proletariat modernisieren sollte. "Das rote Sprachrohr", eine Gruppe, die aus der kommunistischen Jugendorganisation entstanden war, übernahm das sowjetische Agitprop-Modell bei der Umsetzung neuer Formen der Massenerziehung und politischen Fortbildung im Theater. Inspiriert von Open-Air-Aufführungen in der nachrevolutionären Sowjetunion, in der Theater nicht nur als künstlerisches, sondern auch als politisches Ereignis angesehen wurde, führte Erwin Piscator im Jahr 1924 die "Revue Roter Rummel" als Wahlkampfhilfe für die KPD auf; ein Jahr später produzierte er die Revue "Trotz alledem", mit der im Juli 1925 der KPD-Parteitag eröffnet wurde.

Andere experimentierten mit neuen Konzepten einer "proletarischen Ästhetik", die den Klassenkampf und den Gewinn an kollektiver Freiheit aus Sicht der Arbeiterklasse wiedergeben sollten. Vorschläge zur Demokratisierung der Theaterkultur, wie sie Wsewolod E. Meyerhold, Sergej Tretjakow, Wladimir Majakowski und der "Proletkult" in Moskau entwickelt hatten, sickerten nach Berlin ein. Regisseure wie Leopold Jessner produzierten die klassischen Stücke von Shakespeare und Schiller als Unterrichtsstunden für die neue Demokratie, während Piscators "Totaltheater" innovative Technologien und neue Medien ins Theater einführte. Nicht nur etablierte Häuser wie die Volksbühne, das Deutsche Theater und das Große Schauspielhaus, sondern auch kurzlebige Gruppen wie "Die Tribüne", "Das proletarische Theater", "Die junge Bühne", "Die Gruppe Junge Schauspieler" und "Truppe 31" spielten regelmäßig politische Stücke und politisierten Inszenierungen, nicht zu reden von den vielen politischen Kabaretts jener Zeit. Zudem schrieben Ernst Toller, Ödön von Horvath, Marie-Luise Fleißer, Friedrich Wolf und andere viele Stücke, welche die gesellschaftliche Dynamik der Weimarer Gesellschaft sezierten und das Publikum zum politischen Denken herausforderten.