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30.5.2006 | Von:
Marc Silberman

Die Tradition des politischen Theaters in Deutschland

Die Nachgeborenen

Brechts Gesamtwerk gilt als "work in progress", und daher können sein politisches Theater und seine Politik auf dem Theater nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Das gilt vor allem für die vielen Versuche, Brecht für die unterschiedlichsten Zwecke zu instrumentalisieren. Die Brecht-Forschung und die Brecht'sche Theaterpraxis haben eine lange Geschichte in der Nachkriegszeit, mit jeweils klar zu identifizierenden politischen Überzeugungen, Verschiebungen und Revisionen, in Ost wie in West.

Im geteilten Deutschland folgte die Rezeption einem deutlichen, sich gegenseitig aufwiegenden Muster. Eingebettet in einen Kontext aus widerstreitenden und widersprüchlichen Diskursen blühte ein doppeltes Brecht-Bild inmitten der Ost-West-Spannungen. Die Widersacher waren von einer aggressiven Rhetorik voller Anklagen und Selbstgerechtigkeit gekennzeichnet: auf der einen Seite der politische Brecht, auf der anderen der Dichter; hier der Rebell, dort der Stalinist; hier der veraltete Brecht im Museum, dort die umfassende Kritik am Status quo.

Große Teile der Brecht-Rezeption in Ost wie West litten unter dieser dogmatischen Definition des Politischen, die enge und polemische Positionen entweder für oder gegen die Politik des Stückeschreibers hervorbrachte. Solche Positionen haben die Eigenschaft, die innovative, experimentelle Energie von Brechts Projekt abzuwürgen, noch bevor sie sich entwickeln kann.

Die Regierung in der DDR nutzte Brechts Rückkehr nach Berlin sowie die Einrichtung des Berliner Ensembles für einen großen Propagandacoup, repräsentierte Brecht doch eine starke Kontinuitätslinie zu den Linksintellektuellen der Weimarer Republik. Und trotzdem betrachteten die Kulturfunktionäre der SED Brechts Politik und Ästhetik bis zu seinem Tod am 14. August 1956 mit Argwohn, passte sein "Formalismus" doch nicht zum orthodoxen Bild des Sozialistischen Realismus. Nach Brechts Tod und den erfolgreichen Tourneen des Berliner Ensembles nach Paris 1954 und London 1956 wurde sein Werk als Modell des politischen Theaters akzeptiert, soweit es sich der faschistischen Vergangenheit und dem westlichen Kapitalismus widmete, nicht aber, wenn es den realen Sozialismus zum Gegenstand hatte. Hier liegen die Ursachen für die Versuche, den politischen Brecht von seinen künstlerischen Texten zu trennen und beide gegeneinander auszuspielen.

Im Westen nahm die Brecht-Rezeption, in einer vom Kalten Krieg geteilten Welt, notwendigerweise einen anderen Verlauf. Mitte der sechziger Jahre war Brecht im Osten als offizielle Ikone des Sozialistischen Realismus versteinert, während im Westen seine Neuentdeckung durch eine junge politische Generation bevorstand, die genug hatte vom verstaubten und dominanten Erbe des bürgerlichen Humanismus. Für manche wurde Brecht zum Sprungbrett für eine alternative, kritische Art zu denken, für andere zur Waffe in den ideologischen Kämpfen der Linken.

Während der siebziger Jahre kam es zur Erneuerung: Eine Generation junger Schriftsteller in der DDR, geschult im dialektischen Denken und der Sprache Brechts, bezog sein Erbe auf die Gegenwart. In der Bundesrepublik war der anfängliche Enthusiasmus für den klassischen Brecht des Berliner Ensembles erloschen, und es dominierten der frühe Brecht und die im Osten weitgehend ignorierten Lehrstücke die Aufmerksamkeit fortschrittlicher Theater und Wissenschaftler. Bis zu den achtziger Jahren war Brecht in beiden deutschen Staaten zum Bestandteil des jeweiligen Kanons geworden. Sein Werk wurde wissenschaftlich-professionell untersucht und wurde ironischerweise selbst Teil des Systems von ideologischer Autorisierung und Legitimierung in den Universitäten und öffentlich subventionierten Theatern. Seine Geschichten, Stücke und Gedichte wurden in Schulanthologien aufgenommen. Literaturwissenschaftler und Theaterhistoriker wandten sich Brecht zu, vergleichbar mit anderen Denkern und Schriftstellern im deutschen Pantheon. Es kann nicht verwundern, dass bald ein Überdruss an Brecht und seinem Werk einsetzte.