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30.5.2006 | Von:
Sabine Kebir

Brecht und die politischen Systeme

"Unamerikanische Tätigkeit"

In den USA war Brecht fast unbekannt, er fühlte sich wie "Lenin im Prater"[25] und hatte Probleme, seinen Lebensunterhalt zu sichern. Er fand aber unter den Emigranten immer wieder Künstler, die in der Filmindustrie Erfolg hatten und bereit waren, mit ihm Drehbücher zu entwerfen und ihre Verbindungen in die Studios spielen zu lassen. Obwohl er vor allem an das Geld zu denken hatte, das er verdienen musste, hielt er daran fest, den Plot jeweils so zu konstruieren, dass die menschlichen Beziehungen vor allem auf den ökonomischen Voraussetzungen basierten.

Brecht trat zwar wie Orson Welles und Charles Chaplin für die rasche Errichtung einer zweiten Front in Westeuropa ein, doch trotzdem wühlten ihn die Parallelen zwischen Hitler und Stalin auf: "In gewisser Hinsicht treten die Ähnlichkeiten der beiden großen Bewegungen Faschismus und Bolschewismus, welche den planwirtschaftlichen Tendenzen entsprechend die neuen autoritären Staatsgebilde geschaffen haben, mehr hervor als ihre Unähnlichkeiten."[26] Sie inspirierten sich gegenseitig: "Im Faschismus erblickt der Sozialismus sein verzerrtes Spiegelbild. Mit keiner seiner Tugenden, aber allen seinen Lastern."[27]

Dass Brecht besonders die mit dem New Deal in den USA entstandene Form der Demokratie aber keineswegs mit Weimar gleichsetzte und nicht pauschal verwarf, geht aus dem Rat hervor, den er Ruth Berlau gab, als sie am 9. Mai 1942 auf einem internationalen Frauenkongress gegen den Faschismus sprach: "Sag in der Rede, dass Demokratie nicht etwas ist, was man hat oder nicht hat, sondern etwas, um das man ständig kämpfen muss, wenn man es hat. Der Kampf gegen den Faschismus wird gewonnen durch Demokratie, viel Demokratie, mehr Demokratie, breiteste Demokratie. Erzähl, wie sehr geschwächt der Kampf Frankreichs gegen die Invaders wurde durch die Aufgabe der Demokratie."[28] Als US-Präsident Franklin D. Roosevelt starb, drückte er sein Bedauern darüber aus, dass mit "dem Tod des aufgeklärten Demokraten" die "Führung der Demokratien an Churchill" übergehe.[29]

Mit der sich seit 1944 entwickelnden Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Charles Laughton an Leben des Galileo Galilei gelang Brecht in den USA ein einziges erfolgreiches Projekt. Das Stück weist auf die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft hin. Nach dem Atombombenabwurf auf Hiroschima und Nagasaki traf es auf Publikumsinteresse und kam 1947 mit großem Erfolg zur Aufführung.

Nach dem Krieg brachten sich die Großmächte rasch für die vorhersehbare Weltkonkurrenz auch auf kulturellem Gebiet in Stellung. Da die Sowjetunion keinen sozialistischen Separatstaat, sondern die Neutralisierung ganz Deutschlands anvisierte, konzipierte sie für die Besiegten eine andere Kulturpolitik als die, die in der Sowjetunion selbst herrschte. Davon und von seiner nach außen loyalen Haltung sollte Brecht profitieren. Aus einem Brief an Michail Apletin geht hervor, dass er im Sommer 1945 bereits ein allgemeines Angebot auf berufliche Hilfe erhalten hatte.[30]

Angesichts seines permanenten Misserfolgs in den amerikanischen Filmstudios ist es merkwürdig, dass Brecht 1947 vom "Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeit" des amerikanischen Repräsentantenhauses vernommen wurde; Brecht galt jedoch als geistiges Einfallstor des Kommunismus in Hollywood. Während des Exils in den USA war er jahrelang bespitzelt worden. Ruth Berlau, die ihn zum Shoreham-Hotel in Washington begleitete, wo Brecht sich mit 18 weiteren Regisseuren und Drehbuchautoren auf die Befragung vorbereitete, berichtete, dass "vielleicht zwei von ihnen wussten, wer das war". Mit Hilfe der Anwälte wurde festgelegt, dass Brecht als Einziger die Frage nach der Parteizugehörigkeit beantworten sollte, da unklar war, ob er als Ausländer Aussagen verweigern konnte. Dass er die Frage wahrheitsgemäß negativ beantwortete, empörte vor allem kommunistische deutsche Emigranten,[31] die darin eine freche Postulierung der Unabhängigkeit der Intellektuellen von der Parteilinie sahen.

Fußnoten

25.
Ebd., S. 71
26.
Ebd., S. 20.
27.
Ebd., S. 158.
28.
GBFA 29, S. 228.
29.
GBFA 27, S. 223.
30.
Brecht an Michail Apletin, Sept. 1945, in: Brecht-Nachlass Victor Cohen im BBA, o. Sg.
31.
BBA 2166/133 - 144.