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30.5.2006 | Von:
Sabine Kebir

Brecht und die politischen Systeme

Zurück nach Europa

Unmittelbar nach seiner Vernehmung reiste Brecht in die Schweiz. Dort erhielt er einen Brief des sowjetischen Kulturoffiziers Alexander Dymschitz, der ihm in der SBZ Unterstützung anbot.[32] Nach der Lektüre eines Buchs über die Verarbeitung der Französischen Revolution durch Goethe und Schiller notierte er: "Noch einmal keine eigene [Revolution] habend, werden nun wir die russische zu verarbeiten haben, denke ich schaudernd." Wie weit Deutschland von einer eigenen Revolution entfernt war, zeigte sich für ihn darin, dass es an "Kritik des Nationalsozialismus" mangele, der stattdessen mit dem Sozialismus gleichgesetzt werde. Es komme aber darauf an, die Idee der Nationalisierung von Produktionsanlagen zu unterscheiden von Hitlers "Nationalisierung für den Krieg".[33] In seinen Augen waren die "Vergasungslager des IG-Farben-Trusts (...) Monumente der bürgerlichen Kultur dieser Jahrzehnte."[34] Die französische Bourgeoisie habe "lieber unter der preußischen Elite als unter dem französischen Mob leben" wollen, und zwar "in der schäbigsten und schwächlichsten Weise".[35] Immer noch hoffte er, dass das Proletariat eine neue Wirtschaftsform aufbauen könne. Ein "befohlener Sozialismus", meinte er, sei besser "als gar keiner".[36]

Dass Brecht unter Sozialismus etwas anderes verstand als die Elite der künftigen DDR, stellte sich schon im Herbst 1948 heraus, als er als Gast am Deutschen Theater in Berlin Mutter Courage und ihre Kinder inszenierte. Wegen eines Aufbauliedes geriet er in Konflikt mit dem Leiter der Freien Deutschen Jugend, Erich Honecker. Dieser fürchtete, dass die Zeile "Und kein Führer führt uns aus dem Salat" Assoziationen zwischen Hitler und der neuen Führung wecken würde. Da Brecht einen Selbstverwaltungssozialismus ohne eine alles erdrückende "führende" Bürokratie verfolgte, änderte er nichts.[37] Die am 11. Januar 1949 unter Anwesenheit der Kulturoffiziere aller Besatzungsmächte stattfindende Premiere von Mutter Courage mit Helene Weigel in der Titelrolle wurde zum bedeutendsten deutschen Theaterereignis der Nachkriegszeit. Trotzdem schrieb ein Teil der ostdeutschen Literaturkritik, dass das Stück den Anforderungen des in der Sowjetunion herrschenden Sozialistischen Realismus nicht genüge. Es wurde bemängelt, dass die Courage zu keiner Erkenntnis komme. Dass Fritz Erpenbeck, Friedrich Wolf und Alfred Kurella gerade den zentralen Punkt der Brecht'schen Ästhetik missbilligten - die message sollte nicht autoritär von der Bühne kommen -, war kein Zufall. Sie waren aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrt und nahmen den Formalismusstreit der dreißiger Jahre auf deutschem Boden wieder auf.

Doch die kulturpolitische Landschaft in der SBZ war noch nicht ganz erstarrt. Abgesehen vom Publikumserfolg unterstützten andere Kritiker Brecht, etwa der junge Wolfgang Harich. Garant dieser relativen Offenheit war weiterhin die Besatzungsmacht, die noch bis 1952 eine Neutralisierung ganz Deutschlands anstrebte. Von allen Künstlern verstand es Brecht am besten, die unterschiedlichen Interessenlagen auszunutzen. 1952, anlässlich einer Umfrage über das beste Buch des vergangenen Jahres, nannte er Maos Aufsatz "Über den Widerspruch". Im Gegensatz zu Stalin hatte Mao die Lehre Hegels von den unversöhnlichen Widersprüchen nicht aus seinem Denksystem eliminiert.

Noch 1949 hatte Brecht das Berliner Ensemble (BE) gegründet und war in die entstehende DDR übergesiedelt. Das BE gastierte im Juni 1950 erfolgreich in Braunschweig, Hannover und Wuppertal, einen Monat später in Düsseldorf. Ein Teil der Westpresse rief zum Brecht-Boykott auf, der aber nie ganz durchgesetzt wurde. Von vielen Deutschen wurde sein Theater als weitgehend autonomer Experimentierraum gesellschaftlicher Phantasie wahrgenommen. Da Brecht Peter Suhrkamp zu seinem Hauptverleger machte, konnte er die Verbreitung seines Werks in ganz Deutschland sichern. Beim Aufbau-Verlag konnten die Bücher frühestens zwei Jahre später erscheinen. Es gehört zu den großen Verdiensten Helene Weigels, dass sie nach Brechts Tod trotz des Drucks der DDR-Führung auf der unzensierten Edition auch der politisch brisanten Texte bestand.

1953 zum Präsidenten des gesamtdeutschen PEN gewählt, startete Brecht Initiativen gegen die atomare Aufrüstung. 1956 rief er in einem viel beachteten Brief an den Präsidenten des Deutschen Bundestages, Eugen Gerstenmaier, für einen Volksentscheid in beiden Teilen Deutschlands gegen die Wiederbewaffnung auf.[38] Die politische Entwicklung in der Bundesrepublik hielt er für Restauration. Zugleich sah er aber auch, dass sich der deutsche Sozialismus nicht als Selbstorganisation und Kooperation, sondern nach sowjetischem Modell entwickelte. Aufgeklärte Marxisten meinten weiterhin, dass Sozialismus nicht mit weniger, sondern mit mehr Demokratie als Kapitalismus funktionieren müsse. Es ist charakteristisch für Brecht, dass er in einem Aufruf an Schriftsteller und Künstler, gesamtdeutsche Verhandlungen zu fordern, diese auf ihr spezielles Terrain verwies. Sie sollten die "völlige Freiheit" des Buches, des Theaters, der bildenden Kunst, der Musik und des Films verlangen. Für nötig hielt er nur eine Einschränkung: keine Freiheit für Kriegsverherrlichung und Völkerhass in der Kunst.[39]

Dass in der Dynamik des Kalten Krieges auch im Westen die "völlige Freiheit" der Kunst keineswegs gesichert war, zeigten die vielen Diskriminierungen, die Künstler erlitten, wenn sie auch im Osten auftreten wollten. Energisch trat Brecht gegen die Staatliche Kunstkommission der DDR auf, die Kunst sowohl nach inhaltlichen als auch nach formalen Kriterien zensierte, wenn sie gegen den Sozialistischen Realismus verstieß. Laut Brecht müsse dieser "viele Spielarten haben oder ein Stil bleiben und bald durch Monotonie eingehen".[40] Erneut wehrte er Kulturpopulismus ab: "Wir hören immerzu Unser Arbeiter wünscht das und das. Das und das widersteht dem gesunden Sinn unsres Arbeiters."[41] Darin sah er Parallelen zur nationalsozialistischen Kunstpolitik: "Was ist der Unterschied zwischen entarteter Kunst und volksfremder Kunst?"[42]

Erbost, dass das "Neue Deutschland" nach dem 17. Juni 1953 nur den Teil seines Briefs an Walter Ulbricht abdruckte, der als Ergebenheitsadresse missverstanden werden konnte, entschloss er sich, sich an die westliche Presse zu wenden. Er beauftragte seine Mitarbeiterin Käthe Rülicke, dem schwedischen Journalisten Erwin Leiser eine Erklärung zu übergeben, in der er klar machte, dass er die Unzufriedenheit der Arbeiter als berechtigt ansehe und die Demonstrierenden "nicht mit den Provokateuren [aus dem Westen] auf eine Stufe gestellt" werden dürften.[43] Doch Rülicke hielt das Schreiben - wahrscheinlich im "Parteiauftrag" - zurück.[44]

Eine Folge des 17. Juni war die Auflösung der Staatlichen Kunstkommission und die Errichtung eines Kulturministeriums, an dessen Spitze Johannes R. Becher stand. Trotz seiner einst zwiespältigen Rolle beim Moskauer "Wort" hatte Brecht ihm dort am ehesten vertraut und hoffte, mit seiner Hilfe zensurfreie Zonen durchzusetzen. Wieder trat er für eine Reform des Rundfunks ein. Es gelang ihm, in langwierigen Kämpfen eine Sendereihe zu etablieren, die 1955 vollkommen autonom von der Deutschen Akademie der Künste geplant und produziert werden konnte.[45] Die Absetzung der "Stunde der Akademie" im Frühjahr 1956 war wohl schon Folge seiner Krankheit.

Zweifelsohne hatte er sich die Autorität zur Durchsetzung dieses lange umkämpften Projekts durch die Annahme des Stalin-Friedenspreises im Dezember 1954 verschafft. Anerkannt wurde damit weniger sein Werk, das in der Sowjetunion nur rudimentär übersetzt und gedruckt worden war,[46] sondern sein Engagement gegen die Aufrüstung mit konventionellen und atomaren Waffen. Die Preisverleihung im Mai 1955 stand im Zeichen der beginnenden Entstalinisierung. Rülicke erinnerte sich: "Über die Gesichter der Anwesenden, hauptsächlich Künstler, ging ein Lächeln, als Nikolai Ochlopkow[47] zum Rednerpult trat und zu Brecht sprach - wusste doch jeder, dass zwanzig Jahre zuvor sein Theater während einer Brecht-Inszenierung geschlossen worden war."[48]

Obwohl Brecht wesentliche Mängel und Verbrechen des Sowjetsystems seit langem kannte, erschütterten ihn die Enthüllungen Nikita Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU zutiefst. Rülicke beschaffte die in der DDR nicht publizierte Rede aus Polen und diskutierte sie mit Brecht im Krankenhaus.[49]

Plötzlich waren viele Dinge, die auch gut Informierten kaum bekannt waren, parteioffiziell bestätigt. Letzte Gedichte, in denen Stalin als der "verdiente Mörder des Volkes" bezeichnet wurde, zeigen, dass Brecht begriffen hatte: Auch die "Nationalisierung" der Produktionsmittel in der stalinistischen Form hatte immense Menschenrechtsverbrechen hervorgebracht. Die Emanzipation der Produzenten war Utopie geblieben.

Fußnoten

32.
Vgl. Alexander Dymschitz an Brecht, 23.11. 1947, in: Nachlass Victor Cohen im BBA, o. Sg.
33.
GBFA 27, S. 258 - 259.
34.
Ebd., S. 268.
35.
Ebd., S. 239.
36.
Ebd., S. 285.
37.
Ebd., S. 293.
38.
GBFA 23, S. 415 - 416.
39.
Ebd., S. 155f.
40.
Ebd., S. 442.
41.
Ebd., S. 196.
42.
Ebd., S. 143.
43.
Ebd., S. 250.
44.
Vgl. Werner Hecht, Brecht-Chronik, Frankfurt/M. 1997, S. 1065.
45.
Ingrid Pietrzynski, "Der Rundfunk ist die Stimme der Republik ..." Brecht und der Rundfunk der DDR 1949 - 1956, Berlin 2003.
46.
Eine Brecht-Edition erschien erst 1963 - 1965.
47.
Nikolai Pawlowitsch Ochlopkow (1900 - 1967) war Schauspieler und Regisseur, Leiter des Realistischen Theaters; Schüler von Wsewolod E. Meyerhold.
48.
Begegnungen. Brecht-Porträts in Wort und Bild von Gerda Goedhart und Käthe Rülicke-Weiler, Z42/BBA, S. 172.
49.
Ebd., S. 142.