Das ehemalige Reichs-Kolonialdenkmal "Der Elefant", ein aus Backstein errichtetes zehn Meter hohes Mahnmal im Nelson-Mandela-Park in Bremen, wurde 1987 zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet.

27.9.2019 | Von:
Caroline Authaler

Das völkerrechtliche Ende des deutschen Kolonialreichs. Globale Neuordnung und transnationale Debatten in den 1920er Jahren und ihre Nachwirkungen

Mandatsystem des Völkerbunds

Das Ende des deutschen Kolonialreichs bedeutete zunächst kein Ende der Fremdherrschaft auf den Gebieten der ehemaligen deutschen Kolonien. Zwar hatte der damalige US-Präsident, Woodrow Wilson, in einer vielbeachteten Rede im Januar 1918 das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" als Voraussetzung für eine dauerhafte Weltfriedensordnung gesetzt und damit das Recht, Gebiete zu kolonisieren, grundsätzlich infrage gestellt. Künftig bezogen sich politische Vertreter*innen auf der ganzen Welt auf dieses Selbstbestimmungsrecht.[4] Die Imperialstaaten hingegen wollten die alten Machtstrukturen beibehalten und suchten nach neuen Legitimationsmustern für Kolonialismus. Die Delegierten der Pariser Friedenskonferenzen folgten nicht den liberalen Prinzipien Wilsons, sondern votierten für einen Kompromiss: das Mandatsystem. Sie unterstellten den Gesellschaften der ehemaligen deutschen Kolonien, noch nicht zur Selbstverwaltung fähig zu sein, und verschoben deren Selbstbestimmungsrecht auf unbestimmte Zeit in die Zukunft. Zeitweilig sollten sie als Mandatsgebiete dem Völkerbund unterstellt werden. Die Verwaltung übertrug der Völkerbund als Mandat anderen Imperialstaaten in Europa, Asien und Ozeanien, die in jährlichen Berichten nachweisen mussten, dass sie die geächteten kolonialen Praktiken wie Zwangsarbeit abgeschafft hätten und das "Wohl der Bevölkerung" sowie den "sozialen Fortschritt" förderten.[5] Somit wurde versucht, die nicht gewährte Selbstverwaltung durch sozialpolitische Reformen zu kompensieren.[6] Dies war weiterhin ein paternalistisches und kulturmissionarisches Unterfangen, denn was das Wohl der Bevölkerung sei, definierten europäische "Expert*innen". Dennoch war Kolonialismus anfechtbarer geworden, und Mandatsverwaltungen konnten anhand von international vereinbarten Prinzipien kritisiert werden. Dies nutzten Unabhängigkeitsbewegungen später, um Forderungen zu stellen.

Weimar zwischen internationaler Rehabilitierung und Kolonialrevisionismus

Die kolonialen Bestimmungen des Versailler Vertrags riefen in Deutschland große Entrüstung hervor. Besonders schwer wog für viele der Vorwurf, Deutschland habe "auf dem Gebiete der kolonialen Zivilisation" versagt,[7] denn die sogenannte Zivilisierung der Kolonien war der zentrale zeitgenössische Legitimationsdiskurs für Kolonialisierung. Demnach brächten die Imperialstaaten den Kolonien den Segen der europäischen Zivilisation und trügen so zur Entwicklung scheinbar rückständiger Gesellschaften bei. Für die europäischen Staaten war Kolonialbesitz deshalb eine Auszeichnung ihrer eigenen Entwicklung und Beweis, dass sie als Vorbild taugten. Der Vorwurf der Alliierten schien vielen daher wie ein Ausschluss Deutschlands aus der Gruppe der westlichen "Kulturnationen" und verunsicherte globale Ordnungsvorstellungen in Deutschland.[8] Revisionist*innen wehrten die Argumentation der Alliierten als "Kolonialschuldlüge" ab. In der Nationalversammlung bildete sich daraufhin ein parteiübergreifender Konsens für die Rückgewinnung der Kolonien, den einzig KPD und USPD nicht mittrugen.[9]

Die Rückgewinnung der Kolonien war in der Weimarer Republik als Teil der Revisionsbestrebungen offizielle Regierungspolitik und institutionell verankert: zunächst in der Kolonial-Zentralabteilung im Reichsministerium für Wiederaufbau und ab 1924 wieder als kolonialpolitische Abteilung im Auswärtigen Amt. Beide beschäftigten Beamte des früheren Reichskolonialamtes und sorgten so für eine personelle Kontinuität der deutschen Kolonialpolitik. Die kolonialpolitische Abteilung unterhielt enge Beziehungen zu den kolonialen Vereinigungen und Unternehmen und förderte deren kolonialrevisionistische Propaganda, insbesondere unter Gustav Stresemann als Außenminister.[10]

Im Unterschied zu radikalen Revisionist*innen zielte Stresemann außenpolitisch nicht auf die Rückgabe der ehemaligen Kolonien, sondern auf eine Beteiligung am Mandatsystem. Sein übergeordnetes Ziel war die internationale Rehabilitierung Deutschlands in der westlichen Staatengemeinschaft. Der Wiedereintritt in den Kreis der Imperialmächte war dabei ein Baustein. Etappenziele dieser Strategie waren Deutschlands Eintritt in den Völkerbund 1926 und die Entsendung eines deutschen Vertreters in die Mandatskommission des Völkerbunds 1927 – in jene Kommission, die die Mandatsverwaltungen beaufsichtigen sollte. Über den Verhandlungsweg erreichte Stresemann Mitte der 1920er Jahre weitere Schritte auf dem Weg zu mehr Einfluss in den ehemaligen Kolonien: Anlege- und Niederlassungsrechte für deutsche Unternehmen und Staatsbürger*innen ermöglichten etwa, dass deutsche Unternehmen und Siedler*innen in alle Mandatsgebiete zurückkehren konnten.[11]

Fußnoten

4.
Vgl. Erez Manela, The Wilsonian Moment. Self-Determination and the International Origins of Anticolonial Nationalism, 1917–1920, New York 2007, S. 6.
5.
Vgl. Susan Pedersen, The Meaning of the Mandates System. An Argument, in: Geschichte und Gesellschaft 4/2006, S. 560–582; Caroline Authaler, Negotiating "Social Progress": German Planters, African Workers and Mandate Administrators in the British Cameroon (1925–1939), in: Magaly Rodríguez García/Davide Rodogno/Liat Kozma (Hrsg.), The League of Nation’s Work on Social Issues. Visions, Endeavours and Experiments, Genf 2016, S. 47–56, hier S. 47.
6.
Historiker*innen bewerten die Zwischenkriegszeit deshalb auch als den Beginn der internationalen Entwicklungspolitik. Vgl. Sönke Kunkel/Christoph Meyer, Fortschritt nach Plan?, in: dies. (Hrsg.), Aufbruch ins postkoloniale Zeitalter. Globalisierung und die außereuropäische Welt in den 1920er und 1930er Jahren, Frankfurt/M. 2012, S. 123–141.
7.
Vgl. Gründer (Anm. 1).
8.
Vgl. Christian Rogowski, "Heraus mit unseren Kolonien!" Der Kolonialrevisionismus der Weimarer Republik und die "Hamburger Kolonialwoche" von 1926, in: Birthe Kundrus (Hrsg.), Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus, Frankfurt/M. 2003, S. 244–262, hier S. 246.
9.
Vgl. Gründer (Anm. 1), S. 258.
10.
Vgl. Rogowski (Anm. 8), S. 249; Dirk van Laak, Über alles in der Welt. Deutscher Imperialismus im 19. und 20. Jahrhundert, München 2005, S. 109.
11.
Vgl. Susan Pedersen, The Guardians. The League of Nations and the Crisis of Empire, Oxford 2015, S. 236; Michael Dennis Callahan, A Sacred Trust. The League of Nations and Africa 1929–1946, Brighton 2004, S. 7, S. 27.
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