Das ehemalige Reichs-Kolonialdenkmal "Der Elefant", ein aus Backstein errichtetes zehn Meter hohes Mahnmal im Nelson-Mandela-Park in Bremen, wurde 1987 zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet.

27.9.2019 | Von:
Caroline Authaler

Das völkerrechtliche Ende des deutschen Kolonialreichs. Globale Neuordnung und transnationale Debatten in den 1920er Jahren und ihre Nachwirkungen

Kolonialkritische Stimmen

Revisionistische Forderungen und exotisierte Populärkultur blieben in der Weimarer Republik aber nicht unwidersprochen. Schwarze Aktivist*innen, Pazifist*innen und Kommunist*innen wandten sich öffentlich gegen einen Wiedererwerb der Kolonien.Ihre Aktivitäten und Forderungen standen im Zusammenhang mit ihrer transnationalen Vernetzung mit panafrikanischen Akteuren sowie antiimperialistischen Befreiungskämpfen und bezogen sich auf die in Woodrow Wilsons 14 Punkten artikulierte Forderung nach einem "Selbstbestimmungsrecht der Völker".[19]

Die zahlreichen Migrant*innen aus den Kolonien und ihre Nachkommen intensivierten in dieser Situation ihre Vernetzung. Einige gründeten Vereine wie den "Afrikanischen Hilfsverein" und die deutsche Sektion der "Liga zur Verteidigung der N*rasse". Die Mitglieder standen in regelmäßigem Austausch mit ihren Herkunftsregionen und sahen sich als deren Sprachrohr in Deutschland.[20] Durch diesen Austausch waren ihre Forderungen transnational. Dies zeigt sich in der sogenannten Dibobe-Petition, die der aus Kamerun migrierte Martin Dibobe 1919 an die Weimarer Nationalversammlung richtete. Darin forderten er und 17 Mitunterzeichner unter anderem Selbstständigkeit und Gleichberechtigung für die ehemaligen deutschen Kolonien sowie die Gleichstellung Schwarzer Menschen in Deutschland.[21]

Enttäuscht von der halbherzigen Umsetzung von Wilsons 14 Punkten im Völkerbund, vernetzten sich antikoloniale Bewegungen verstärkt untereinander und wandten sich der Kommunistischen Internationalen (Komintern) zu.[22] Berlin wurde in den 1920er Jahren ein transnationaler Treffpunkt von Aktivist*innen aus dem globalen Süden, europäischen Pazifist*innen und Kommunist*innen. So traten Kommunist*innen gemeinsam mit Schwarzen Aktivist*innen auf, um gegen die kolonialrevisionistischen Forderungen Stellung zu beziehen. Ihre Forderungen transportierten sie durch öffentlichkeitswirksame Aktivitäten wie Demonstrationen, durch Eingaben und Petitionen, im Rahmen öffentlicher Reden, auf internationalen Konferenzen und in Publikationen sowie auf künstlerische Art durch Straßentheateraufführungen und Ausstellungen.[23]

Dennoch erlangte die Kolonialbewegung einen weitaus größeren politischen und medialen Einfluss als die kolonialkritischen Vereinigungen, denn viele ihrer Mitglieder waren ehemalige Kolonialbeamte oder Unternehmer und verfügten über entsprechendes Ansehen und Netzwerke.[24]

Reaktionen in den ehemaligen Kolonien

Auch die Menschen in den ehemaligen deutschen Kolonien verfolgten die Versailler Friedensverhandlungen. Die Debatte um das Recht auf Selbstbestimmung bestärkte insbesondere die antikolonialen Positionen der urbanen Eliten. Jedoch wurde die Hoffnung enttäuscht, mit der Vertreibung der Deutschen das Land von der Fremdherrschaft befreit zu haben. In der Folge forderten viele politische Autoritäten Einfluss auf die Wahl der künftigen Mandatsverwaltung.

Die Duala-Eliten aus Kamerun sandten sicher den umfangreichsten Forderungskatalog an die Pariser Friedenskonferenzen.[25] Aber auch auf Samoa wehrten sich politische Autoritäten gegen Neuseeland als mögliche Mandatsverwaltung.[26] In Deutsch-Südwestafrika forderte die Gruppe der Rehoboter Unabhängigkeit und die Beibehaltung ihrer besonderen Landnutzungsrechte, die sie unter der deutschen Kolonialverwaltung genossen hatten.[27] In Togo kam starker Protest auf, als die neuen Mandatsgrenzen Anfang der 1920er Jahre festgelegt wurden und dadurch die große Gruppe der Ewe zwischen dem französischen und dem britischen Mandatsgebiet Togo aufgeteilt wurde.[28]

Die Reaktionen auf das Ende der deutschen Kolonialherrschaft und die Einführung des Mandatsystems sind aber vielschichtiger, als es die politische Debatte vermuten lässt. Durch das Mandatsystem und den Kolonialrevisionismus verkomplizierten sich die Situationen vor Ort. Am Fall Kamerun lassen sich insbesondere die Folgen der Vervielfältigung von Akteuren gut beobachten.

Fußnoten

19.
Vgl. Susanne Heyn, Der kolonialkritische Diskurs der Weimarer Friedensbewegung zwischen Antikolonialismus und Kulturmission, in: Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien 5/2005, S. 37–65, hier S. 44.
20.
Vgl. Robbie Aitken/Eve Rosenhaft, Black Germany. The Making and Unmaking of a Diaspora Community, 1884–1960, Cambridge 2013, S. 198, S. 207.
21.
Vgl. Martin Dibobe an das Reichskolonialministerium, 27.6.1919, https://blackcentraleurope.com/sources/1914-1945/petitions-to-german-authorities-1919«.
22.
Vgl. Jürgen Dinkel, Die Bewegung Bündnisfreier Staaten. Genese, Organisation und Politik (1927–1992), Berlin 2015, S. 31ff.
23.
Vgl. Heyn (Anm. 19), S. 45.
24.
Vgl. Rogowski (Anm. 8), S. 244.
25.
Dieser ist abgedruckt bei Andreas Eckert, Die Duala und die Kolonialmächte. Eine Untersuchung zu Protest, Widerstand und Protonationalismus in Kamerun vor dem Zweiten Weltkrieg, Münster 1991, S. 306–309.
26.
Vgl. Susan Pedersen, Samoa on the World Stage. Petitions and Peoples before the Mandates Commission of the League of Nations, in: The Journal of Imperial and Commonwealth History 2/2012, S. 231–261, hier S. 242.
27.
Vgl. Tilman Dedering, Petitioning Geneva: Transnational Aspects of Protest and Resistance in South West Africa/Namibia after the First World War, in: Journal of Southern African Studies 4/2009, S. 785–801, hier S. 794, S. 798.
28.
Vgl. J.B. Webster, African Political Activity in British West Africa, 1900–1940, in: Ade Ajayi/Michael Crowder (Hrsg.), West Africa 1919–1939, S. 635–664.
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