Das ehemalige Reichs-Kolonialdenkmal "Der Elefant", ein aus Backstein errichtetes zehn Meter hohes Mahnmal im Nelson-Mandela-Park in Bremen, wurde 1987 zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet.

27.9.2019 | Von:
Caroline Authaler

Das völkerrechtliche Ende des deutschen Kolonialreichs. Globale Neuordnung und transnationale Debatten in den 1920er Jahren und ihre Nachwirkungen

Der Fall Kamerun

Im Februar 1916 besiegten die Alliierten endgültig die deutschen Truppen in Kamerun. Die Reaktionen der kamerunischen Bevölkerung auf das nun offensichtliche Ende der formalen deutschen Kolonialherrschaft fielen je nach Region und sozialer Position unterschiedlich aus und haben teilweise erinnerungspolitische Folgen, die bis in die Gegenwart reichen und die Beziehungen zu den ehemaligen Imperialstaaten prägen.

Viele Regionen, Städte und Dörfer, die zuvor unter der kolonialen Gewalt und der willkürlichen Rekrutierung von Zwangsarbeiter*innen gelitten hatten, waren erleichtert und feierten Großbritannien und Frankreich als Befreier. Andere, die von der deutschen Kolonialverwaltung profitiert hatten, hofften auf die Rückkehr derselben. Einige wiederum demonstrierten strategisch Loyalität zur deutschen Kolonialverwaltung, um Distanz zu den neuen Verwaltern auszudrücken.

Die Hafenstadt Duala war bereits im September 1914 an Großbritannien gefallen, ab 1916 verwaltete eine britisch-französische Militärverwaltung kommissarisch die ehemalige Kolonie. Als klar wurde, dass die "Befreier" nicht vorhatten, der Kolonie die Unabhängigkeit zu gewähren, sondern sich selbst als Verwalter einrichteten, versuchten die politischen Autoritäten in Kamerun, ihren verbleibenden Handlungsspielraum maximal zu nutzen. Viele erachteten eine britische Verwaltung als das kleinere Übel, weil sie die Verwaltungspraktiken in den benachbarten britischen und französischen Kolonien verglichen. Als sich London und Paris Ende März 1916 über die territoriale Aufteilung einigten, versuchten einige politische Autoritäten ihre Zuteilung zum französischen Gebiet abzuwenden. König Njoya etwa, ein einflussreicher Regent aus dem Grasland, der unter der deutschen Verwaltung seine Macht vergrößert hatte, adressierte direkt den britischen König mit dem Wunsch, sein Reich unter britisches Protektorat zu stellen.[29] Duala-Eliten wiederum hatten die Einnahme der Stadt Duala durch Großbritannien 1914 mitvorbereitet, um die verhassten deutschen Kolonisatoren loszuwerden.[30] Auch sie versuchten im März 1919, die britische Verwaltung davon zu überzeugen, die Duala unter ihre Verwaltung zu stellen. Als diese ablehnte, wandten sich die Duala im August mit einer Petition an die Pariser Friedenskonferenz, in der sie Neutralität und Selbstverwaltung gemäß der Wilsonschen Prinzipien forderten. Falls dies nicht möglich sei, sollten sie wenigstens die Mandatsmacht wählen können.[31] Als klar wurde, dass ihre Bemühungen keinen Erfolg hatten, arrangierten sie sich zwar mit der französischen Verwaltung, behielten aber eine kritische Distanz. Eine Strategie, Kritik an der Mandatsverwaltung zu üben, bestand darin, auf Deutsch zu kommunizieren und Erzählungen über eine wirtschaftlich und sozialpolitisch erfolgreichere deutsche Kolonialverwaltung in der Bevölkerung zu verbreiten[32] – eine Erzählung, die in Kamerun heute noch in der kollektiven Erinnerung präsent ist.

Es gab aber auch Gruppen und Personen, die eine erfolgreiche Revanche und Rückkehr der Deutschen erhofften oder für wahrscheinlich hielten und deshalb im Krieg nicht die Seiten gewechselt hatten. Diese verband eine strategische Allianz mit der deutschen Kolonialverwaltung, denn sie hatten mit ihr kooperiert, waren zum Teil als Soldaten Teil des Kolonialsystems geworden und hatten von diesem profitiert. Sie flohen im Februar 1916 mit den verbleibenden Teilen der deutschen Truppen nach Spanisch-Guinea auf die Insel Fernando Po, um von dort gemeinsam mit den Weißen deutschen Offizieren die Rückeroberung abzuwarten. Diese etwa 20.000 Schwarzen deutschen Kolonialsoldaten und Zivilist*innen, darunter Angehörige der Soldaten und viele Ewondo unter dem Oberhaupt Karl Atangana,[33] bauten auf das Versprechen, nach dem Krieg ihren ausstehenden Sold beziehungsweise prestigereiche Posten in einer deutschen Verwaltung zu erhalten. Für diese Personen und Gruppen kam es einer teilweisen Einlösung der deutschen Versprechungen gleich, als 1925 deutsche Unternehmer in das Plantagengebiet am Kamerunberg im britischen Mandatsteil zurückkehrten und ihnen Arbeitsplätze anboten. In der Tat stellten diese bevorzugt ehemalige Soldaten ein und bauten mit ihnen die Plantagenwirtschaft wieder auf.

Deutsche Plantagenunternehmen ersteigerten 1924 auf einer britischen Auktion mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes nahezu alle früheren deutschen Plantagen, die sich zwischen Kamerunberg und Küste befanden. Bereits im September zählte die deutsche Community etwa hundert Personen und überstieg damit die britische, die im gesamten Mandatsgebiet nur aus einem Dutzend Verwaltern und einigen Unternehmern bestand. Damit befanden sich im Land Vertreter*innen der drei größten europäischen Imperialstaaten, Großbritannien, Frankreich und Deutschland, die die Bevölkerung in beiden Mandatsgebieten fortan miteinander verglich, kritisierte und gegeneinander ausspielte.[34] Die erneute Präsenz der deutschen Plantagenunternehmen sollte auch die ambivalente Erinnerung an die deutsche Kolonialverwaltung verändern. Unmittelbar nach dem Krieg dominierten Gewalt und die Furcht vor der deutschen Zwangsarbeit die Erinnerungen. Parallel dazu existierte das Narrativ, wonach die Deutschen Kamerun modernisiert hätten. Diese Modernisierungserzählung verstärkte sich in der Zwischenkriegszeit.

In beiden Mandatsgebieten wurden die neuen Verwaltungen für die ökonomisch schwierige Nachkriegssituation verantwortlich gemacht. Die Zeit der deutschen Kolonialverwaltung schien daher in der Rückschau eine Zeit der wirtschaftlichen Blüte. Dieses Bild der ökonomisch erfolgreicheren Kolonialmacht bestätigten die deutschen Plantagenunternehmen ab 1925 unfreiwillig. Der Völkerbund hatte für die Mandatsgebiete ein partielles Zwangsarbeitsverbot erlassen, das jedoch nur für Privatunternehmen galt.[35] Daran mussten sich die deutschen Unternehmen halten, nicht aber die Mandatsverwaltungen. Um ausreichend Arbeitskräfte zu erhalten, zahlten die deutschen Unternehmen nun vergleichsweise hohe Löhne. Da die französische Mandatsverwaltung weiterhin in großem Stil Zwangsarbeit anordnete, schienen die Arbeitsbedingungen auf den deutschen Plantagen im Vergleich attraktiver. Deshalb migrierten Tausende Bewohner*innen des französischen Mandatsgebiets, um der Zwangsarbeit zu entkommen und sich im britischen Gebiet durch Arbeit auf den deutschen Plantagen eine Existenz aufzubauen. Dies bestärkte die Erzählung, die Deutschen brächten wirtschaftliches Wachstum.[36]

Gleichwohl wandten die deutschen Plantagenmanager weiterhin physische und ökonomische Gewalt gegenüber den Arbeiter*innen an. Dagegen leisteten viele Arbeiter*innen und Angestellte Widerstand, indem sie die Interessenunterschiede zwischen britischer Verwaltung und deutschen Plantagenmanagern ausnutzten. Sie bedienten sich des offiziellen Beschwerdesystems bei den britischen District Officers, um sich über die deutschen Manager zu beschweren und konnten dadurch nicht nur in vielen Fällen ihre Arbeitssituation verbessern, sondern verunsicherten die Macht der Weißen Plantagenmanager und die rassistisch begründeten Hierarchien auf den Plantagen.[37] Die Menschen in dieser Region beobachteten die Machtverschiebungen und die Konkurrenz zwischen den drei europäischen Imperialstaaten genau, um ihre eigenen Handlungsspielräume zu vergrößern, das koloniale System mit seinen eigenen Mitteln zu kritisieren und so zu seiner schleichenden Aushöhlung beizutragen.

Kontinuitäten und vielschichtige Erinnerungen

Das Ende des deutschen Kolonialreichs und die damit einhergehenden völkerrechtlichen Veränderungen waren ein Katalysator für grundsätzliche Debatten über die Legitimität von Kolonialismus. Wilsons 14 Punkte hatten antikolonialen und emanzipatorischen Stimmen einen international anerkannten Diskursraum eröffnet. In Deutschland hingegen, aber auch in den ehemaligen Kolonien, versuchten ehemalige Kolonialbeamte, Siedler*innen, deren vormalige Schwarze Angestellte sowie Schwarze Kolonialsoldaten koloniale Strukturen zu reaktivieren, die ihren sozialen Status sichern sollten. Im Völkerbund setzten sich statt antikolonialen Ideen reformistische durch: Internationale Normen sollten Kolonialismus regeln und verbessern. Als Mitglied des Völkerbunds eröffneten sich für Deutschland Möglichkeiten, sich über wirtschaftliche Rechte und über die Mandatskommission weiterhin am europäischen Kolonialismus zu beteiligen.

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war zugleich eine Zeit, in der wirkmächtige Erinnerungsstränge über das deutsche Kolonialreich angelegt wurden – sowohl in Europa als auch in den ehemaligen Kolonien. Die Analyse der zeitgenössischen Debatten zeigt aber auch, wie asymmetrisch diese strukturiert waren. Derzeit wird, ausgelöst durch Restitutionsdebatten um koloniale Raubkunst und menschliche Überreste in deutschen Sammlungen, endlich in der breiten Öffentlichkeit über die deutsche Kolonialgeschichte debattiert, begleitet von zaghaften Dialogversuchen mit Wissenschaftler*innen und Museumsexpert*innen aus Afrika.[38] Dies ist eine Chance, um die Bedeutungen der kolonialen Vergangenheit in einem transnationalen Gedächtnisraum zu verhandeln und Erinnerungen zu hinterfragen. Zur Bedeutung der Kolonialgeschichte gibt es in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Kolonien gewachsene regionale und nationale Erinnerungskulturen sowie akademische Debatten. Diese in ihrer Vielschichtigkeit wahrzunehmen, ohne sie zu instrumentalisieren, ist Voraussetzung, um mehr Wissen und gegenseitiges Verständnis für den Dialog und eine gemeinsame Aufarbeitung der Kolonialgeschichte zu schaffen.

Fußnoten

29.
Vgl. Victor Julius Ngoh, Cameroon 1884–1985. A Hundred Years of History, Yaoundé 1987, S. 84f.
30.
Vgl. Daniel Abwa, Cameroun. Histoire d’un nationalisme 1884–1961, Yaoundé 2010, S. 124.
31.
Vgl. Eckert (Anm. 25).
32.
Vgl. Richard Joseph, The German Question in French Cameroon 1919–1939, in: Bulletin of the German Historical Institute London 17/1975, S. 65–90, hier S. 70.
33.
Die Gruppe der Ewondo lebte vorwiegend im Süden Kameruns. Ihr Oberhaupt Karl Atangana war von der deutschen Kolonialverwaltung eingesetzt worden.
34.
Vgl. Caroline Authaler, Deutsche Plantagen in Britisch-Kamerun. Internationale Normen und lokale Realitäten 1925 bis 1940, Köln–Weimar–Wien 2016, S. 9, S. 12.
35.
Vgl. Hanan Sabea, The Limits of Law in the Mandated Territories: Becoming Manamba and the Struggles of Sisal Plantation Workers in Tanganyika, in: African Studies 1/2009, S. 135–161, hier S. 136.
36.
Vgl. Authaler (Anm. 34), S. 87–126. Siehe auch Stefanie Michels, Postkoloniale kamerunische Gedächtnistopographien. Medien, Akteure, Topoi, in: Steffi Hobuß/Ulrich Lölke (Hrsg.), Erinnern verhandeln. Kolonialismus im kollektiven Gedächtnis Afrikas und Europas, Münster 2007, S. 117–139, hier S. 124.
37.
Vgl. Authaler (Anm. 34), S. 127–156.
38.
Siehe auch den Beitrag von Rebekka Habermas in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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