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Das ehemalige Reichs-Kolonialdenkmal "Der Elefant", ein aus Backstein errichtetes zehn Meter hohes Mahnmal im Nelson-Mandela-Park in Bremen, wurde 1987 zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet.

27.9.2019 | Von:
Ulrike Schaper

Deutsche Kolonialgeschichte postkolonial schreiben: Was heißt das?

Jenseits politischer Herrschaft

Postkoloniale Ansätze betonen darüber hinaus, dass Kolonialismus nicht nur ein politisches oder ökonomisches Herrschafts- und Ausbeutungssystem war. Hingegen ist für das Verständnis des Kolonialismus zentral, wie er sich kulturell manifestierte, welche Stereotype und Narrative koloniale Herrschaft stabilisierten und welche psychischen und affektiven Bedingungen die kolonialen Beziehungen strukturierten. Im Zentrum steht dabei der Vorgang des othering, also die oft abwertende und bisweilen romantisierende Konstruktion der Kolonien und ihrer Bevölkerungen als "Anderes" Europas, die konstitutive Bedeutung für die koloniale Identitätsbildung hatte.[8] Edward Said führte am Beispiel des "Orients" als Gegenbild Europas Repräsentationen als wichtiges Thema in postkoloniale Analysen ein.[9] Er wies zugleich darauf hin, dass solche Repräsentationen instrumentalisiert wurden, um koloniale Herrschaft zu rechtfertigen.

Homi Bhabha, einer der zentralen Denker des Postkolonialismus, differenzierte in der Folge die Funktion von Selbst- und Fremdbildern weiter aus. Stereotype des mächtigen Kolonisators und machtloser Kolonisierter dürfen nach Bhabha nicht als einfach abzugrenzende Gegenbilder begriffen werden. Stattdessen müssen wir aufmerksam sein für die Ambivalenzen und Widersprüche des kolonialen Diskurses, der die Autorität und Identität der Kolonisatoren zugleich begründet und destabilisiert. Insbesondere hat Bhabha die Ambivalenz von Zivilisierungsmissionen herausgestellt, die integraler Bestandteil kolonialer Projekte und deren Rechtfertigung waren.[10] Die Nachahmung der Kolonisatoren durch die Kolonisierten erschien immer als eine unvollkommene Repräsentation. Sie hatte das Potenzial, den kolonialen Diskurs als brüchig und koloniale Kategorien als instabil auszustellen und so koloniale Autorität zu unterwandern. Zugleich, so Bhabha, war es aus Sicht der Kolonialmacht unerwünscht und unmöglich, dass die Kolonisierten ihnen wirklich gleich würden. Dies spiegelt sich auch in Vorwürfen und Angstfantasien, die Kolonisierten spielten ihre Aneignung europäischer Kultur und ihre Unterwürfigkeit bloß vor.[11]

Dass koloniale Kategorien vom Selbst und Anderen zentral für die koloniale Ordnung und zugleich doch instabil waren, lässt sich für die deutsche Kolonialgeschichte zum Beispiel anhand zweier diskursiver Figuren verdeutlichen: dem "verkafferten Deutschen" und dem "Hosenneger". Als "Verkafferung" wurde in den afrikanischen Kolonien ein Prozess bezeichnet, in dem sich weiße Deutsche während ihres Aufenthalts in den Kolonien vermeintlich an die afrikanische Kultur anglichen.[12] Angeblich ausgelöst durch die tropische Umgebung und den intensiven (oft sexuellen) Kontakt mit der afrikanischen Bevölkerung sanken die Deutschen in dieser Vorstellung auf deren Kultur herab. Rassistische Kategorien, die eigentlich eine unüberwindbare Differenz zwischen weißen Deutschen und der schwarzen afrikanischen Bevölkerung konstruierten, wurden im Begriff der "Verkafferung" fluide. Der "verkafferte" Deutsche verlor in seiner Annäherung an die afrikanische Bevölkerung symbolisch sein Weißsein und damit seinen Machtanspruch. Die Figur des "verkafferten" Deutschen ist damit auch ein Beispiel, wie bedroht die deutsche Überlegenheit über den kolonialen Anderen war.

Komplementär dazu wurden Schwarze, die eine europäische Lebensweise annahmen, entgegen aller Zivilisationsrhetorik als "Hosenneger" diffamiert. Der Begriff implizierte, dass sie sich oberflächlich etwa durch ihre Kleidung anglichen, insgesamt aber scheiterten, europäisch zu werden. Die Figur des "Hosennegers" verkörperte in ihrem Anspruch auf Gleichheit und Teilhabe eine Bedrohung. Sie stellte die angeblich unüberbrückbare kulturell oder biologisch begründete Differenz zwischen Kolonisator und kolonisierter Bevölkerung infrage, die das Fundament der rassisch segregierten kolonialen Ordnung darstellte.[13]

Beide Figuren sind ein Ausdruck dafür, wie instabil zentrale koloniale Kategorien waren, zuallererst die angebliche fixe Kategorie der "Rasse". Die sozialen Sanktionen, die auf diese Formen der sozialen und symbolischen Grenzüberschreitungen folgten, waren zugleich der Versuch, die koloniale Ordnung wiederherzustellen.

Fußnoten

8.
Vgl. Bill Ashcroft/Gareth Griffiths/Helen Tiffin, Othering, in: dies. (Hrsg.), Postcolonial Studies: The Key Concepts, London–New York 20133, S. 188ff.
9.
Vgl. Edward W. Said, Orientalismus, Frankfurt/M.–Berlin–Wien 1981.
10.
Vgl. Homi K. Bhabha, Of Mimicry and Man: The Ambivalence of Colonial Discourse, in: ders., The Location of Culture, London–New York 1994, S. 85–92.
11.
Vgl. ders., Sly Civility, in: October 34/1985, S. 71–80.
12.
Vgl. Felix Axster, Die Angst vor dem Verkaffern – Politiken der Reinigung im deutschen Kolonialismus, in: WerkstattGeschichte 39/2005, S. 39–53.
13.
Vgl. Andreas Eckert, "Der beleidigte Negerprinz". Mpundu Akwa und die Deutschen, in: Etudes Germano-Africaines 9/1991, S. 32–38.
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