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4.5.2006 | Von:
Hans-Georg Ehrhart

Fußball und Völker-
verständigung

Zivilisierung der Gewalt

Das Martialische als eine Facette des kulturellen Phänomens Fußball hat eine lange Geschichte. Die Legende berichtet, dass Fußball auf einen kriegerischen Vorfall vor ca. 1 000 Jahren zurückgeht. Damals sollen die Engländer nach ihrem Sieg dem dänischen Aggressor den Kopf abgehackt und damit Fußball gespielt haben. Auch wenn dieser Geschichte kein Glauben geschenkt wird, so ist doch historisch belegt, dass Fußball - oder das, was man in früheren Zeiten darunter verstand - ein eher derbes Raufen war, das im 14. und 15. Jahrhundert mehrfach wegen seiner Brutalität verboten wurde.[4]

Im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte ein Zivilisierungsprozess ein, der im wichtigsten Datum der modernen Fußballgeschichte mündete. Am 26. Oktober 1863 wurde in England die Football Association gegründet, die das weitgehend bis heute gültige Regelwerk für das Fußballspiel definierte und kodifizierte.[5] Mit dieser Verregelung wurde ein entscheidender Schritt zur Einhegung der Gewalt getan. Seitdem gilt: Fußball ist ein auf Regeln basierendes Spiel und kein Krieg, wie es der holländische Trainer Rinus Michels einmal gesagt haben soll. Im Krieg geht es um die Vernichtung des Feindes, im Fußball um den sportlichen Wettkampf mit einem Gegner. Im Gegensatz zum Krieg ist die Grundstruktur des Fußballs kooperativ und egalitär. Ohne eine gegnerische Mannschaft wäre kein Spiel möglich. Gespielt wird nach den für alle gültigen Regeln, die vom Schiedsrichter und gegebenenfalls von der zuständigen Sportsgerichtsbarkeit durchgesetzt werden. Insofern ist die Fußballwelt der internationalen Politik und deren Fähigkeit zur friedlichen Konfliktregelung weit voraus.

Gleichwohl wird der Fußball immer wieder von Gewaltakten begleitet, seien es handgreifliche Auseinandersetzungen auf dem Platz, auf den Rängen oder außerhalb des Stadions. Erinnert sei nur an die Katastrophe, die sich Mitte der achtziger Jahre im Brüsseler Heysel-Stadion ereignete, als sich die Fans von Juventus Turin in panischer Furcht vor einem aus Anhängern des FC Liverpool bestehenden Mob an den Rand ihres Blocks flüchteten und dort zu Tode gequetscht wurden. Oder an das Schicksal des französischen Polizisten David Nivel, der von deutschen rechtsradikalen Hooligans beinahe totgeprügelt wurde und nun als Schwerbehinderter sein Leben fristen muss. Gehört Gewalt also zum Fußball? Der Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft und ihres Gewaltpotenzials. Wie ist die Gewalt zu erklären? Liegt sie etwa daran, dass es sich traditionell um einen "Männerkampfsport" mit entsprechendem Imponiergehabe handelt? Die von mir geteilte Antwort von Klaus Theweleit lautet: "Ganz auszuschließen ist ein solcher Anteil am konkurrierenden Bolzgehabe in der Tat nicht."[6] Fußball kann zweifellos militarisieren - glücklicherweise betrifft dies bislang nur eine kleine Minderheit -, er kann aber auch zivilisieren, indem er die in jedem steckenden Aggressionspotenziale kanalisiert. Er kann auch zur Förderung sozialer Solidarität und Integration beitragen. Es hängt letztlich von der Bedeutung bzw. dem Sinn ab, den wir dem Fußballspiel und der typischen Rivalität zwischen zwei gegnerischen Mannschaften bei der Konstruktion unserer sozialen Wirklichkeit beimessen.

Fußnoten

4.
Vgl. Paul Auster, Der perfekte Kriegsersatz, in: Zeitschrift für Kultur-Austausch, (2000) 1, S. 62.
5.
Vgl. zur Frühgeschichte des Fußballs Allen Guttmann, Games and Empires. Modern Sports and Cultural Imperialism, New York 1994.
6.
Klaus Theweleit, Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell, Köln 2004, S. 94.