APUZ Dossier Bild

4.5.2006 | Von:
Hans-Georg Ehrhart

Fußball und Völker-
verständigung

Identität und Nation

Fußball hat viel mit Identität zu tun. Man ist entweder Anhänger der einen oder der anderen Mannschaft. Gerade Mannschaftssportarten vermitteln einen starken Sinn für exklusives Gruppenverhalten. Es ist unstrittig, dass Fußballvereine kulturelle Identitäten durch Rivalität und Differenz prägen. Das wird immer dann besonders deutlich, wenn Derbys anstehen, so etwa wenn Celtic Glasgow gegen die Rangers spielt oder AS Rom gegen Lazio. Diese "Drama" wird nicht selten überlagert von geografischen, sozialen, politischen, religiösen oder ethnischen Selbstzuweisungen, die identitätsverstärkend wirken. Der hochkompetitive Charakter des Fußballs manifestiert sich auf internationaler Ebene durch nationale Antagonismen und Rivalitäten. Man denke nur an die Länderspiele zwischen Deutschland und den Niederlanden, Griechenland gegen die Türkei, Kroatien gegen Serbien-Montenegro oder Deutschland gegen England. Bei diesen Anlässen können historische Rivalitäten mit fußballerischen Mitteln "durchgespielt", aber auch Stereotype und Ressentiments wiederbelebt oder verstärkt werden.

So wurde durch das brutale Foul des deutschen Torhüters Harald "Toni" Schumacher gegen den französischen Spieler Patrick Battiston 1982 bei der WM in Spanien das alte Bild vom hässlichen Deutschen wiederbelebt. Erschwerend kam hinzu, dass Frankreich die eindeutig bessere Mannschaft stellte und Schumacher in arroganter Manier öffentlich anbot, dem Gefoulten die Jacketkronen zu bezahlen. Noch 23 Jahre später wurde Patrick Battiston, der heute für die Nachwuchsförderung im französischen Fußball zuständig ist, im Rahmen einer Podiumsveranstaltung auf dieses Foul und seine Auswirkungen angesprochen und er sagte: "Das Foul hat ziemlich böse ausgesehen und rief eine gewaltige Reaktion hervor. Mir war berichtet worden, dass seine Familie, seine Kinder bedroht wurden und in der französischen Presse wurden plötzlich die Ereignisse von 1939 bis 1945 als Vergleich herangezogen. Das ging mir alles viel zu weit, und ich wollte die Eskalation nicht. Man weiß ja nie, was aus so etwas werden kann ... Da habe ich gesagt: Schluss, aus. Lass uns die ganze Sache vergessen und nach vorne blicken."[7]

Folgt man der These von Alan Tomlinson, dann finden Nationen ihren deutlichsten Ausdruck "einerseits in kriegerischen, andererseits in sportlichen Auseinandersetzungen".[8] Fußball scheint besonders für die Herstellung von nationalen Gefühlen und Identität geeignet, weil sich auf dieser binären Folie das jeweilige nationale Konzept besonders gut repräsentieren lässt. Man denke nur an die Wirkung des westdeutschen WM-Sieges von 1954 auf das Selbstbewusstsein der Deutschen.[9] Der brasilianische Schriftsteller Joao Ubaldo Ribeiro beschreibt den ersten brasilianischen Sieg der Fußball-WM im Jahre 1958 als den eigentlichen nationalen Gründungsakt, 69 Jahre nach der Erlangung der politischen Unabhängigkeit.[10] Ein weiteres Beispiel für nationale Repräsentationen durch Fußball ist der WM-Sieg Frankreichs 1998, der die größte Demonstration öffentlichen Glücksgefühls und einen ähnlichen Ausbruch des Nationalstolzes bewirkt haben soll wie nach der Befreiung von den Deutschen im Jahr 1944.[11]

Obwohl Fußball seinem Selbstverständnis nach eigentlich universalistisch ist, spielen nationale Grenzen auch im Zeitalter der Globalisierung eine wichtige Rolle. Nach Artikel 10 des FIFA-Statuts können normalerweise nur Verbände Mitglied werden, die in einem von der Staatengemeinschaft anerkannten Land für die Organisation und Kontrolle des Fußballs verantwortlich sind. Fußball und Staatlichkeit bilden also in gewissem Sinne eine Einheit. Fußball wird auch von Staaten politisch eingesetzt, um zum Beispiel im Rahmen der auswärtigen Kulturpolitik ein positives Bild von sich zu zeichnen. Auch das kann abhängig von Inhalt, Kontext und Art der Kommunikation der Völkerverständigung dienen. Fußball kann sogar dabei helfen, geteilte Nationen zusammenzuführen, sei es kurzfristig ideell, wie 1954 bei den Deutschen aus Ost und West oder perspektivisch im Rahmen der Sportdiplomatie, wie bei den vorsichtigen Annäherungsversuchen zwischen Süd- und Nordkorea. Beide Staaten, die sich offiziell immer noch im Kriegszustand befinden, feierten im Sommer 2005 erstmals gemeinsam das Ende des Zweiten Weltkrieges. Auf dem Programm stand auch ein Fußballspiel, das Südkorea vor mehr als 60 000 Zuschauern mit 3 : 0 gewann.[12] Unter die Rubrik Sportdiplomatie fällt auch das Länderspiel Nordkorea gegen Japan vom Februar 2005. Immerhin fühlt sich Japan von der nordkoreanischen Nuklear- und Raketenrüstung bedroht. Gleichwohl machte der Fußball es möglich, dass diese Begegnung stattfand und mehrere Tausend (nord)koreanischstämmige Japaner ihre Mannschaft unterstützen konnten.[13]

Fußnoten

7.
Podiumsdiskussion mit Patrick Battiston beim Fußballclub Girondins de Bordeaux am 28. 7. 2005.
8.
Alan Tomlinson, FIFA and the World Cup: The Expanding Football Family, in: John Sugden/Alan Tomlinson, Hosts and Champions. Soccer Cultures, National Identities and the USA World Cup, Aldershot 1994, S. 14.
9.
Vgl. Norbert Seitz, Was symbolisiert das "Wunder von Bern"?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2004) 26, S. 3 - 6.
10.
Vgl. Joao Ubaldo Ribeiro, Aber der Ball gehört uns, in: Zeitschrift für Kultur-Austausch, (2000) 1, S. 72 - 75.
11.
Vgl. P. Auster (Anm. 4), S. 62.
12.
Vgl. www.stern.de/politik/ausland/index.html?id = 544291&nv=pr&pr=, 2. 11. 2005.
13.
Vgl. www.tokyo.diplo.de/de/Startseite.html.