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4.5.2006 | Von:
Hans-Georg Ehrhart

Fußball und Völker-
verständigung

Fußball und Krieg

Dieser zivilisatorische Rückschritt - immerhin hat der regelbasierte moderne Sport nach Norbert Elias und Eric Dunning zur Zivilisierung und damit auch Pazifizierung der europäischen Gesellschaften beigetragen[21] - war gut hundert Jahre früher durchaus auch im Europa des Imperialismus an der Tagesordnung. Übersteigerter Nationalismus und Großmachtphantasien ließen den Fußball zu einer Art militärischer Vorbereitung auf den nächsten Ernstfall verkommen. Das Bemühen der internationalen Friedensbewegung, mittels der olympischen Idee und internationaler Fußballbegegnungen Krieg zu verhindern, erwies sich gegenüber dieser "Sinngebung" als chancenlos. Während des Ersten Weltkrieges wurde hinter den Linien sogar ein regelrechter Trainingsbetrieb organisiert, um die Moral der Soldaten durch Fußball aufrechtzuerhalten.

Dass Fußball bei alledem etwas zutiefst Verbindendes über die Schützengräben hinweg behalten und zugleich weit davon entfernt sein kann, verdeutlicht Christian Carion in seinem Film "Merry Christmas". Die dem Film zugrunde liegende wahre Begebenheit ereignete sich Weihnachten 1914 an der Westfront. Deutsche, britische und französische Soldaten vereinbaren eine kurze Waffenruhe, während der sie sich außerhalb der Schützengräben im Niemandsland treffen, sich als menschliche Wesen erfahren und unter anderem miteinander Fußball spielen. Aufgrund dieser nicht erwünschten "Verbrüderung mit dem Feind" werden die Einheiten aufgelöst oder an andere Frontabschnitte verlegt, um den Krieg wieder ganz im Sinne der staatlichen Hasspropaganda fortzusetzen.[22]

Ein Fußballspiel unter noch grausameren Bedingungen fand im August 1942 im besetzten Kiew statt. Die Betriebsmannschaft der Brotfabrik Nr. 3, bestückt mit ehemaligen Stars der Kiewer Fußballvereine Dynamo und Lokomotive, spielte gegen die Vorzeigemannschaft der deutschen Luftwaffe - und schlugen diese vor Tausenden von Zuschauern mit 5 : 1. Sie hatten nicht nur ein Fußballspiel gewonnen, sondern die Besatzer deklassiert. Nachdem sie auch das Rückspiel gewannen, wurden sie wenig später abgeführt. Die These, dass sie wegen des Fußballspiels umkamen, ist unbewiesen, aber nicht die Tatsache, dass sie der deutschen Vernichtungsmaschinerie zum Opfer fielen.[23] Die Sinngebung dieses Fußballspiels war für die Ukrainer die Hoffnung, dass der scheinbar übermächtige Gegner doch besiegbar ist.

Wurde Fußball in den hier erwähnten zwei Fällen während des Krieges gespielt, sei es, um die Kampf- oder die Arbeitsmoral zu stärken, so diente er in einem Fall auch als Anlass für einen Krieg. Der 1969 ausgebrochene Krieg zwischen El Salvador und Honduras ging fälschlicherweise als "Fußballkrieg" in die Geschichte ein. Was war geschehen? Während der Qualifikationsspiele zur WM kam es zu Krawallen, zunächst in Tegucigalpa, dann in verstärktem Maße während des Rückspiels in San Salvador, wo die Mannschaft aus Honduras in einem gepanzerten Fahrzeug ins Stadion gebracht wurde. Nachdem El Salvador das Entscheidungsspiel in Mexiko mit 3 : 2 für sich entschieden hatte, kam es zu Ausschreitungen gegen salvadorianische Immigranten in Honduras, die El Salavador mit dem Argument, die Menschenrechte der salvadorianischen Siedler zu schützen, zur militärischen Intervention veranlasste. Der Krieg konnte zwar unter Vermittlung der Organisation für Amerikanische Einheit nach wenigen Tagen beendet werden, kostete aber über 2 000 Menschen das Leben, ca. 6 000 wurden verwundet, der Handel zwischen beiden Staaten brach zusammen, Zehntausende Menschen wurde vertrieben, das Projekt einer regionalen Wirtschaftsintegration Mittelamerikas wurde für lange Zeit auf Eis gelegt. Die eigentlichen Kriegsursachen waren jedoch nicht die Fußballspiele und die damit verbundenen Vorkommnisse. Es waren vielmehr wirtschaftliche und soziale Probleme, die Politiker auf beiden Seiten dazu veranlassten, aus machtpolitischem Kalkül mit Unterstützung der Medien auf die nationalistische Karte zu setzen.[24]

Folgt man der kruden Logik des serbischen Nationalisten Zeljko Raznatovic, der als Vorsitzender von Partizan Belgrad und Führer einer gefürchteten paramilitärischen Einheit im Jugoslawienkrieg zweifelhafte Berühmtheit erlangte, waren es die Auseinandersetzungen während des Fußballspiels zwischen Dynamo Zagreb und Roter Stern Belgrad am 13.März 1990, die in ihm die Überzeugung reifen ließen, dass sich die Serben gegen die "kroatische Bedrohung" zur Wehr setzen müssen. Natürlich war auch hier der Fußball nicht für den ein Jahr später ausbrechenden Krieg verantwortlich. Gleichwohl wurden Fußballereignisse als Bühnen benutzt, um den zunehmend aggressiven Nationalismus und das Ende des Vielvölkerstaates Jugoslawien zur Schau zu stellen und nationale Antagonismen zu verstärken. Die internationale Gemeinschaft bestrafte Jugoslawien wiederum damit, dass es von der Europameisterschaft 1992 ausgeschlossen wurde. Es war einer der ersten - eher symbolischen und letztlich erfolglosen - Schritte, um das Regime von Slobodan Milosevic zum Einlenken zu bewegen.[25]

Fußnoten

21.
Vgl. Norbert Elias/Eric Dunning, Quest for Excitement. Sport and Leisure in the Civilizing Process, Oxford 1986.
22.
Vgl. Michael Jürgs, Der kleine Frieden im großen Krieg, München 2003.
23.
Vgl. Erik Eggers, Das Todesspiel, in: 11 Freunde, (2003) 3, S. 26f.
24.
Vgl. www.omwar.com/aced/data/sierra/soccer1969. htm, 13.10. 2005.
25.
Vgl. Pascal Boniface, Football as a Factor (and Reflection) of International Politics, in: The International Spectator, (1998) 4, S. 87 - 98.