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4.5.2006 | Von:
Hans Joachim Teichler

Fußball in der DDR

Die SG Planitz

Die Fußballmannschaft der kleinen, südwestlich von Zwickau gelegenen Industriestadt hatte sich 1948 in einem Ausscheidungsspiel in Leipzig vor 30 000 Zuschauern überraschend gegen die SG Chemnitz-West als einer der zwei sächsischen Vertreter für die Ostzonenmeisterschaft des Jahres 1948 qualifiziert, die innerhalb von nur drei Wochen ausgespielt wurde. "Planitz überrumpelt alle" und besiegte im Endspiel, das vor 40 000 Zuschauern im alten VfB-Stadion in Leipzig ausgetragen wurde, die SG Freiimfelde Halle mit 1 : 0.[4] Ein Veto der sowjetischen Besatzungsmacht verhinderte die Teilnahme am Viertelfinale der Deutschen Meisterschaft, in dem die Westsachsen im Stuttgarter Neckarstadion auf den 1. FC Nürnberg treffen sollten. Bestärkt durch den sportlichen Erfolg, widersetzten sich die Planitzer Fußballverantwortlichen allen Versuchen des Landessportausschusses Sachsen, "die Sportgemeinschaft in Verbindung mit den Horch-Werken zu einer Betriebssportgemeinschaft umzuwandeln"[5]. Der mit der Durchsetzung des BSG-Sports beauftragte Deutsche Sportausschuss informierte die SED-Landesleitung Sachsen über die sportpolitische "Rückständigkeit" in Planitz: "Es ist uns bekannt, dass die gesamte Sportarbeit in dieser Sportgemeinschaft sich von alten Grundsätzen des bürgerlichen Sports leiten lässt und dass der neuen Aufgabenstellung von Seiten der dort verantwortlichen Funktionäre nur äußerliche Beachtung geschenkt wird. Alle Bemühungen, selbst mit Hilfe der örtlichen Parteiorgane (...) sind gescheitert. Obwohl jeder Genosse erkennen muss, dass eine Strukturveränderung im Sport notwendig ist, haben sich in Planitz die verantwortlichen Funktionäre, die Mitglieder unserer Partei sind, und besonders der Bürgermeister, gegen diese neue Entwicklung gestemmt."[6]

Das hier erkennbare Konfliktmuster "Fußball-Lokalpatriotismus" versus "Parteiräson" sollte zum Dauerbrenner im DDR-Fußball werden. Doch selten wurde der Konflikt so offen ausgetragen wie beim Ostzonenmeister in Planitz. Anlass des oben zitierten Schreibens waren die dramatischen Vorfälle beim Spiel der SG Planitz gegen die Zentral-Betriebssportgemeinschaft Industrie Leipzig am 1. Mai 1949 im Rahmen der sächsischen Fußballmeisterschaft. Als der Schiedsrichter kurz vor der Halbzeit ein Tor für Planitz nicht anerkannte, kam es zu wütenden Zuschauerprotesten. Daraufhin ging der Stadtverordnetenvorsteher zum Mikrofon und sprach zum Publikum. Allerdings nicht, um es zu beruhigen, wie es die anwesenden Spitzenvertreter des Deutschen Sportausschusses und der Sektion Fußball erwartet hatten. Im Gegenteil: Er beschimpfte den Schiedsrichter und behauptete, dieser sei zugunsten der Betriebssportgemeinschaft gekauft worden.[7]

Es ist unmöglich, nach Aktenlage nachträglich eine Schiedsrichterleistung zu beurteilen, um zu überprüfen, ob der Planitzer Bürgermeister mit seinen Anschuldigungen Recht hatte. Der eingesetzte Dresdener Schiedsrichter Schulz, dem in der Presseberichterstattung "krasse Fehlentscheidungen" vorgeworfen wurden,[8] galt als einer der besten ostdeutschen Unparteiischen der Nachkriegszeit. Und der Gegner der Planitzer Mannschaft, die ZSG Industrie Leipzig, die von mehreren Leipziger Betrieben unterstützt wurde, war Nachfolger der spielstarken SG Leipzig-Leutzsch und Vorläufer der BSG Chemie Leipzig, die in der Saison 1950/51 DDR-Meister wurde. Es handelte sich bei den Fußballspielern aus dem Leipziger Westen also um eine spielstarke Mannschaft, der im kleinen Planitz durchaus ein Auswärtserfolg zuzutrauen war. In unserem Zusammenhang spielt es keine Rolle, ob hier eine "von oben" angeordnete Manipulation zugunsten der neuen, "sozialistischen" BSG vorlag oder ob das Heimpublikum schlicht parteiisch war. Entscheidend war die politische Wahrnehmung bei den Verantwortlichen und Zuschauern, die das Spiel vor allem als eine Auseinandersetzung zwischen Vereinsprinzip und neuer, unbeliebter BSG-Organisationsform verstanden. Der Heftigkeit des Protestes entsprach dann die Schärfe der Reaktion. Die erste Mannschaft wurde aufgelöst, die SG in eine BSG umgewandelt und die starken Spieler wurden in die ZSG Horch Zwickau eingegliedert.

Fußnoten

4.
Vgl. Andreas Baingo/Michael Horn, Die Geschichte der DDR-Oberliga, Göttingen 2004(2), S. 10f.
5.
Schreiben Deutscher Sportausschuss an den Landesvorstand der SED Sachsen. Berlin, 4. 5. 1949, SAPMO-BArch, DY 24/3405, Teil III.
6.
Ebd.
7.
Vgl. Hans Joachim Teichler, Tumulte in Planitz, in: Horch und Guck, 14 (2005) 3, S. 10 - 13.
8.
Schiri Schulz entschied ein wichtiges Fußballtreffen, in: Freie Presse vom 2. 5. 1949.