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4.5.2006 | Von:
Hans Joachim Teichler

Fußball in der DDR

Rollentausch beim "Endspiel" 1950

Als beliebteste Nachkriegsmannschaft der Ostzone galt die SG Dresden-Friedrichstadt. Die Männer um Helmut Schön spielten nicht nur einen gepflegten Fußball, sie stammten auch zum großen Teil aus der letzten deutschen Meistermannschaft von 1944, dem Dresdener SC, und verkörperten damit Vereinstradition pur. In der zweiten Ostzonenmeisterschaft 1949 wurde die Mannschaft klar benachteiligt, da sie im Viertelfinale gegen die ZSG Union Halle nicht wie üblich auf neutralem Platz, sondern in Halle anzutreten hatte. Die Hallenser Betriebssportgemeinschaft, die sich statutenwidrig noch kurzfristig verstärkte, gewann 1 : 0. Der Dresdener Protest wurde vom Deutschen Sportausschuss nicht behandelt. Die ZSG Union Halle, aus dem Vizemeister von 1948, der SG Freiimfelde Halle, hervorgegangen, erhielt auch im Halbfinale Heimrecht, siegte und gewann danach vor 50 000 Zuschauern in Dresden mit einem 4 : 1 gegen Fortuna Erfurt die Meisterschaft 1949.[9] Damit wurde nur kurz nach Einführung und Propagierung des Betriebssportprinzips ausgerechnet eine Mannschaft "neuen Typs" Meister.

In der Spielzeit 1949/50 wurde die erste DDR-Meisterschaft noch ohne die Berliner Mannschaften im üblichen Liga-System ausgespielt. Trotzdem kam es am letzten Spieltag zu einem echten Endspiel zwischen den punktgleichen Mannschaften von ZSG Horch Zwickau und der immer noch im SG-Status verharrenden Mannschaft von Dresden-Friedrichstadt in Dresden. So handelte es sich erneut nicht nur um ein Lokalderby, sondern wieder - wie schon am 1. Mai 1949 in Planitz - um eine Auseinandersetzung zwischen alter und neuer Organisationsform des Basissports. Bei den zahlreichen Legenden um dieses Spiel - Dresden ging am 16. April 1950 mit 1 : 5 verletzungsgeschwächt und nach einer schwachen Schiedsrichterleistung förmlich unter - wird übersehen, dass nur wenige Tage zuvor der FDGB den Aufbau zentraler Sportvereinigungen auf Gewerkschaftsbasis beschlossen hatte. Die Betriebssportgemeinschaften sollten nun im Rahmen der einzelnen Gewerkschaften organisiert und zusammengefasst werden.[10] In Dresden prallten also in ganz aktueller Konstellation erneut Tradition und Zukunft aufeinander, wobei nachzuprüfen ist, ob die Sportführung der Sektion Fußball im DSA schon vor dem Spiel beschlossen hatte, die SG Dresden aufzulösen und die Spieler auf andere neugebildete Betriebssportgemeinschaften zu verteilen.[11] Die wütenden Zuschauerproteste in Dresden (in Anwesenheit Walter Ulbrichts und der Sportführung) führten u.a. zu einer Heimsperre von sechs Monaten. Die Dresdener Heimmannschaft wurde später offiziell gerügt. Auch Ulbricht soll auf der Siegesfeier, unter anderem mit Anspielung auf die roten Trikots der Zwickauer, seiner Sympathie für die BSG-Spieler Ausdruck verliehen haben. Dass die Mehrheit der Zwickauer Spieler aus der SG Planitz stammte, spielte keine Rolle mehr. Jetzt trugen die ehemaligen Planitzer Spieler ja die "richtigen" Trikots und waren zum Zeichen ihrer "politischen Reife" geschlossen in die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft eingetreten.[12] Die Dresdener Mannschaft nahm das Schicksal selbst in die Hand, wartete nicht auf weitere Sanktionen und wechselte fast geschlossen nach Westberlin.

Fußnoten

9.
Vgl. A. Baingo/M. Horn (Anm. 4), S. 13.
10.
Vgl. Beschluss zur Bildung zentraler Sportvereinigungen, SAPMO-BArch, DY 34/26807.
11.
Vgl. A. Baingo/M. Horn (Anm. 4), S. 19. Die Autoren sprechen nicht nur in diesem Zusammenhang immer wieder fälschlich von "Vereinen"; diese waren in der DDR verboten.
12.
Vgl. Christoph Dieckmann, "Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher." Fußball in der DDR, in: Wolfgang Niersbach, 100 Jahre DFB, Berlin 2000, S. 311 - 336.