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4.5.2006 | Von:
Hans Joachim Teichler

Fußball in der DDR

Fußball - planungsresistent und unregierbar?

Die Unberechenbarkeit des Fußballs, die Überraschungssituationen im Spiel und die Kombination zahlreicher individueller Faktoren bis hin zur Emotionalität der Anhängerschaft machen einen Großteil der Reize dieses Spiels aus. In einer Planwirtschaft waren Konflikte und Störfälle daher programmiert.[18] So weigerten sich zahlreiche Betriebssportgemeinschaften aus verständlichem Eigeninteresse, ihre besten Spieler in die ab 1954 gebildeten Sportclubs zu delegieren. Die ZK-Abteilung "Leitende Organe der Partei und Massenorganisationen" klagte noch ein Jahr später: "Bis zum heutigen Zeitpunkt ist die Konzentrierung des Leistungssports auf der Basis der einzelnen Sportvereinigungen noch nicht abgeschlossen. Eine ganze Reihe von talentierten Sportlern werden in den Betriebssportgemeinschaften zurückgehalten. Die BSG-Leitungen sowie die Gewerkschafts- und Parteileitungen der Betriebe unternehmen oft alle Winkelzüge, damit die Sportler nicht in die Sportklubs eintreten."[19]

Obwohl die Partei- und Staatsführung den Sportclubs schon im Februar 1955 die gegen die damals geltende Amateursregelung verstoßende Summe von 10,8 Millionen DM "zur Regelung der Gehalts- und Lohnzahlungen für 1.000 Sportler, die in den Sportclubs ganztägig trainieren, und zur stundenweisen Abstellung von ca. 3.000 weiteren Sportlern" zur Verfügung stellte,[20] blieben die verdeckten Zuwendungen der Betriebe und Clubs (!) an die Fußballer ein Dauerproblem des DDR-Fußballs bzw. der SED. So berichteten die im ZK für Sport zuständigen Parteikontrolleure über ihren Kampf gegen allzu großzügige Arbeitsfreistellungen für Sportler, was wohl zumeist die Fußballspieler betraf: "Dieses Ziel zu erreichen, wird uns erschwert durch die eigenmächtigen Handlungen zahlreicher Betriebsleiter sowie Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre in den volkseigenen Betrieben. Diese gehen nach wie vor mit ihrer Großzügigkeit gegenüber verschiedenen Sportlern in Bezug auf Gehälter, Arbeitsbefreiung, Prämierung usw. über das Erlaubte hinaus. In manchen Betriebssportgemeinschaften werden 50 Prozent der Mittel und noch mehr für eine einzige Fußballmannschaft verausgabt."[21]

In den Akten der "Zentralen Kommission für Staatliche Kontrolle" finden sich zahlreiche weitere Beispiele der Konzentration der betrieblichen Sportmittel auf die ersten Fußballmannschaften.[22] Auch in den 1954/55 neugegründeten Sportclubs, die den Leistungssport insgesamt entwickeln sollten, galt das Hauptinteresse der Verantwortlichen - mit den entsprechenden Folgen für den Mittel- und Personaleinsatz - der Volkssportart Nummer eins, dem Fußball. Die Vernachlässigung der anderen Sportarten führte dann 1965/66 zur Herauslösung der Fußballsektionen aus den Sportclubs und zur "Bildung von Fußballclubs"[23]. Dass also zehn Fußballvereine aus dem Osten in diesem Jahr ihr 40. Jubiläum feiern können, ist nicht etwa auf eine Rückbesinnung auf den traditionellen Fußballvereins-Gedanken bei den DDR-Oberen zurückzuführen, wie es damals und heute in Pressekommentaren zu lesen war. Es handelt sich bei dem Beschluss des Sekretariats des ZK der SED vom 18. August 1965 zur Bildung der Fußballclubs um den klaren Versuch, den Fußball wieder unter die politische und fachliche Kontrolle des DTSB zu bekommen, um auch im Fußball "einen erheblichen Leistungsaufschwung zu gewährleisten".[24] Gleichzeitig handelte es sich auch um eine Abtrennung des Spitzenfußballs vom übrigen Leistungssport. Medaillengewinner und Weltmeister in anderen Sportarten bekamen so nicht mehr mit, dass Fußballer aus dem Mittelfeld der Oberliga besser bezahlt und behandelt wurden. Obwohl 1967 mit der demonstrativen Bestrafung der BSG Stahl Eisenhüttenstadt - eine Sonderfinanzrevision des Finanzministeriums im VEB Eisenhüttenkombinat Ost hatte unversteuerte Sonderzahlungen an Spieler des Zweitligisten aufgedeckt[25] - ein Exempel zur Durchsetzung der Gehaltsobergrenzen statuiert wurde, blieb die Zahlung hoher Prämien gängige Praxis. Ob im Sekretariat des ZK der SED, dem diese Missstände im Dezember 1969 berichtet wurden, mehr über den Verstoß gegen die im Fußballbeschluss von 1965 festgelegten Gehaltsobergrenzen von 800 bis 1.200 Mark oder die lang anhaltende internationale Erfolglosigkeit des DDR-Fußballs diskutiert wurde, ist nicht überliefert (der Deutsche Fußball-Verband der DDR hatte sich weder für die Europameisterschaft noch für die Weltmeisterschaft 1966 und auch nicht für die Olympischen Spiele 1968, bei denen die DDR erstmals eigenständig auftrat und es ihr sogleich gelungen war, die Bundesrepublik in der Medaillenzahl zu überflügeln, qualifizieren können). Vermutlich war Letzteres der Fall, denn es wurde beschlossen, die Fußballclubs aus den bisherigen Trägerbetrieben herauszulösen und als DTSB-Leistungszentren der jeweiligen Bezirke unter gleichem Namen weiterzuführen. Ebenso wichtig war eine personalpolitische Intervention der ZK-Abteilung Sport: "Im Interesse der Erfüllung der Zielstellung - 1972 Medaillengewinn bei den Olympischen Spielen und 1974 Teilnahme an der Fußballweltmeisterschaft in Westdeutschland - sollte unbedingt sofort eine personelle Änderung vorgenommen werden. Der zur Zeit progressivste und konsequenteste Trainer ist unserer Meinung nach der Genosse Georg Buschner vom FC Carl Zeiss Jena."[26]

Die Ära Buschner (1970 - 1981) wurde zur erfolgreichsten Epoche des DDR-Fußballs. Die DFV-Auswahl nahm 1974 erstmalig an einer Fußballweltmeisterschaft teil, besiegte den späteren Weltmeister und wurde WM-Sechster. Nach der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1972 gewann die Buschner-Elf 1976 die Goldmedaille nach einem 3 : 1 gegen Polen. Am 8. Mai 1974 besiegte der 1. FC Magdeburg im Finale des Europapokals der Pokalsieger den AC Mailand mit 2:0. Bei den Olympischen Spielen in Moskau gewann die DDR-Vertretung die Silbermedaille. 1981 erreichte Carl Zeiss Jena das Endspiel im Europapokal der Pokalsieger.

Neben der Person des DDR-Auswahltrainers begann sich die Nachwuchsarbeit in den Trainingszentren und Kinder- und Jugendsportschulen auszuzahlen. Allerdings fühlte sich der Fußball bald danach durch das 1973 eingeführte System der "Einheitlichen Sichtung und Auswahl" (ESA) im Rahmen der Talentauslese benachteiligt, da die medaillenintensiven Sportarten Vorrang hatten. "Die langen Fußballer sind bei uns Ruderer", klagte 1986 der Trainer des FC Carl Zeiss Jena, Lothar Kurbjuweit.[27] Die zentrale Steuerung des Leistungssports - in anderen Bereichen (neben dem ebenfalls zentral gesteuerten und flächendeckenden Doping) ein Erfolgsgarant des DDR-Sports - funktionierte im Fußball nur beschränkt. Vor allem gelang es weder der SED noch der DTSB-Führung, das "Gehaltsregulativ des DFV der DDR" durchzusetzen. Die Fußballer der BSG Stahl Brandenburg verdienten Mitte der achtziger Jahre mit 6.000 Mark monatlich mehr als doppelt so viel wie der Generaldirektor ihres Trägerbetriebes.[28] Der Umfang der Sonderzahlungen bis in die dritte Spielklasse bewog den für Sport zuständigen ZK-Sekretär Egon Krenz sogar, eine Konferenz der Ersten Bezirkssekretäre gemeinsam mit den Generaldirektoren der Trägerbetriebe vorzuschlagen. Einziger Tagesordnungspunkt: die Durchsetzung des Gehaltsregulativs des DFV. Erich Honecker, der im Politbüro offen das Profitum der Fußballer eingestanden hatte, lehnte den Vorschlag von Egon Krenz ab. Bleibt die Frage nach dem Grund: War es Resignation gegenüber den Lokal- und Partikularegoismen im Fußball, war es Ausfluss einer bewussten Laissez-faire-Haltung, welche den "Bezirksfürsten" und Wirtschaftsbossen ihre Spielwiese ließ, oder war es nur die weltweit verbreitete Fußball-"Blindheit" der Politik allgemein?

Fußnoten

18.
Vgl. dazu das Kapitel "DDR-Fußball: Fehler im System" in: Jutta Braun/René Wiese, DDR-Fußball und gesamtdeutsche Identität im Kalten Krieg, in: Historische Sozialforschung, 30 (2005) 4, S. 191 - 210.
19.
Bericht der Abteilung Leitende Organe der Partei und der Massenorganisationen - Sektor Jugend und Sport - über die Situation in den Sportklubs der DDR vom 8. 7. 1955, SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/18/19, zit. in: Bodo Stegemann, Fußball im Leistungssportsystem der SBZ/DDR 1945 - 1965, in: Wolfgang Buss, Aktionsfelder des DDR-Sports in der Frühzeit 1945 - 1965, Köln 2001, S. 351 - 397.
20.
Beschluss des Sekretariats des ZK der SED vom 23. 2. 1955, SAPMO-BArch, DY 30/IV2/3/A449. Dokumentiert bei: H. J. Teichler (Anm. 1), S. 304 - 309.
21.
Bericht des Sektor Sport des ZK der SED vom 9. 2. 1956, SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/18/4, zit. in: B.Stegemann (Anm. 19), S. 389.
22.
Vgl. SAPMO-BArch, DC 1/5072.
23.
Manfred Ewald, Ich war der Sport, Berlin 1994, S. 199.
24.
SAPMO-BArch, DY 30/JIV/2/3/1101.
25.
Vgl. Giselher Spitzer, Die Sonderrolle des Fußballs, in: ders./Klaus Reinartz/Hans Joachim Teichler (Hrsg.), Schlüsseldokumente zum DDR-Sport, Aachen 1998, S. 223 - 246.
26.
H. J. Teichler (Anm. 1), S. 580.
27.
FAZ vom 18. 9. 1986.
28.
Vgl. Uta Klaedtke, "Stahl Feuer!!!" - Die Fußballer des Stahl- und Walzwerkes Brandenburg zwischen politischer Anpassung und betrieblichem Eigensinn, in: Hans Joachim Teichler (Hrsg.), Sport in der DDR. Eigensinn, Konflikte, Trends, Köln 2003, S. 237 - 270.