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4.5.2006 | Von:
Nils Havemann

Fußball unterm Hakenkreuz

Die Ausgrenzung der jüdischen Sportler

Machtpolitischer Pragmatismus bestimmte selbst die Haltung des DFB gegenüber den Juden in Deutschland. In zahlreichen Vereinen, die sich für die Einführung des Profifußballs aussprachen, hatten Juden als Vorsitzende oder Sponsoren ein starkes Gewicht. Um das Amateurstatut und damit auch die Stellung des DFB als alleinige Dachorganisation des deutschen Fußballs zu retten, nutzte der DFB im Frühjahr 1933 die Gelegenheit, zumindest einen Teil der als bedrohlich empfundenen Berufsspielerbewegung auszuschalten. Er drängte darauf, Juden in führenden Stellungen von Vereinen und Verbänden ihrer Ämter zu entheben. Die Tatsache, dass er nicht wie andere Sportverbände jüdische Sportler vollständig aus den Vereinen ausschließen wollte, kennzeichnete die machtpolitisch-ökonomisch motivierte Handlungsweise des DFB, die sich von der rassisch-ideologisch begründeten, mit dem Vernichtungswillen einhergehenden Überzeugung der Nationalsozialisten unterschied, dass die Juden ein "minderwertiges Volk" seien. Das grausam-gedankenlose Kalkül in der Haltung gegenüber dem Schicksal der Juden in Deutschland verweist auf die Mitverantwortung des DFB an den weiteren verheerenden Entwicklungen in Deutschland.

Denn im Fußball setzte wie in der gesamten Gesellschaft ab 1933 ein kontinuierlicher Prozess der Marginalisierung der Juden ein. Jüdische Vereine, in denen die aus den "deutschen" Vereinen ausgegrenzten Sportler Zuflucht suchten, waren im Alltag Schikanen und Drangsalierungen jedweder Art ausgesetzt. Sie reichten von Beleidigungen über Bespitzelung und Sachbeschädigung bis hin zur körperlichen Gewalt. Der DFB und die meisten seiner Vereine schauten über die zunehmend unerbittlichere Behandlung ihrer ehemaligen jüdischen Sportkameraden hinweg und machten sich dadurch mitverantwortlich an der Ermordung der Juden.

Zu den wenigen bekannt gewordenen Ausnahmen im Sport, die sich dem antisemitischen Ungeist widersetzten und somit zeigten, dass neben dem lebensgefährlichen Widerstand auch Formen der weniger gefährlichen Resistenz möglich waren, gehörte der FC Bayern München. Obwohl sein Präsident Kurt Landauer am 22. März 1933 ebenso wie zahlreiche andere jüdische Funktionäre des Vereins zurücktreten musste, blieb er eine bestimmende Figur. Herbert Moll, der in den dreißiger Jahren in der Läuferreihe der Bayern spielte, erinnerte sich später, dass Landauer auch nach seinem Rücktritt im "Hintergrund gewirkt" habe.[17]

Dass er selbst nach 1933 Einfluss auf den FC Bayern München ausüben konnte, lag an der Mitgliederstruktur des Vereins, in dem die überzeugten NSDAP-Anhänger, überwiegend aus der Ski-Abteilung kommend, eine Minderheit bildeten und es nicht schafften, den Club dauerhaft unter ihre Kontrolle zu bringen.[18] Die Verbindung der Bayern zu Landauer blieb eng, auch nachdem der langjährige Präsident enteignet und im Gefolge der Reichspogromnacht für vier Wochen in das Konzentrationslager Dachau eingesperrt worden war. Im Mai 1939 wanderte er nach Genf aus, wo er ein Jahr später von der kompletten Bayern-Elf anlässlich eines Freundschaftsspiels gegen den FC Servette Besuch erhielt. Der "Judenclub" wurde dafür nach der Rückkehr seiner Mannschaft "von den Nazis schwer gescholten"[19].

Fußnoten

17.
Zit. in: G. Fischer/U. Lindner, ebd., S. 181.
18.
Vgl. Anton Löffelmeier, Grandioser Aufschwung und Krise. Der Münchner Fußball von 1919 bis 1945, in: Stadtarchiv München (Hrsg.), München und der Fußball. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1997, S. 70.
19.
Dietrich Schulze-Marmeling, Die Bayern. Vom Klub zum Konzern. Die Geschichte eines Rekordmeisters, Göttingen 1997, S. 68.