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4.5.2006 | Von:
Nils Havemann

Fußball unterm Hakenkreuz

Der politische Missbrauch des Fußballs

Die Liquidation des DFB und die Verstaatlichung des Fußballs waren Teil der allgemeinen Mobilisierung, mit der das NS-Regime Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland auf den als unvermeidlich erachteten "Krieg um Lebensraum" einzustimmen versuchte. Denn ab 1936 dienten Fußballländerspiele zunehmend den außenpolitischen Zielsetzungen und damit auch den Kriegsvorbereitungen des NS-Regimes: Über die Durchführung von Länderspielen sollten Kontakte zu anderen Staaten aufgenommen oder intensiviert, das freundschaftliche Verhältnis zu gleichgesinnten Regierungen demonstriert und die Stimmung anderer Völker zu Gunsten des "Dritten Reiches" beeinflusst werden.

Mit Kriegsbeginn erfuhr der Länderspielplan der deutschen Fußballnationalmannschaft eine noch größere politische Bedeutung. Die Reichssportführung, das Auswärtige Amt und das Reichspropagandaministerium betrachteten internationale Sportbegegnungen als ein Mittel, um Staaten und Regionen, die als politisch, militärisch oder geostrategisch wertvoll erachtet wurden, stärker in den deutschen Einflussbereich zu ziehen; der deutsche Fußball wurde wie der gesamte deutsche Sport als flankierende Maßnahme der kriegerischen Expansionspolitik betrachtet, die durch die Durchführung von stimmungsvollen Sportveranstaltungen einen harmlosen, beinahe friedvollen Schein erhalten sollte. Darüber hinaus legten die Reichssportführung und das Propagandaministerium in der ersten Kriegshälfte größten Wert auf die Fortsetzung des internationalen Sportverkehrs, um den Eindruck der Isolation des Deutschen Reiches zu vermeiden. Im Innern wurde der Fußball als ein Mittel der Zerstreuung eingesetzt, das die Bevölkerung vom Krieg ablenken, für Höhepunkte im Alltag sorgen und den Eindruck von Normalität vermitteln sollte.

Die führenden Repräsentanten des deutschen Fußballs offenbarten in den Kriegsjahren ein breites Spektrum an Verhaltensweisen und Einstellungen gegenüber dem NS-Regime. Die einen standen aus den unterschiedlichsten Gründen unbeirrt bis in den Untergang zum "Dritten Reich" und waren teilweise direkt oder indirekt an der Ermordung von Menschen beteiligt. Andere zogen sich aus dem öffentlichen Leben zurück und konzentrierten sich auf das Überleben im bedrückenden NS-Alltag. Einige versuchten, offensichtlichem Unrecht in ihrem kleinen Lebensbereich entgegenzuwirken. Oft lagen Begünstigung und Behinderung von Verbrechen, Billigung und Ablehnung von Gewalt, Beteiligtsein an und Betroffensein von kriminellen Machenschaften eng nebeneinander. Auch in dieser Hinsicht spiegelte der deutsche Fußball die gesamte Gesellschaft im "Dritten Reich" wider.