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19.1.2006 | Von:
Watzal, Ludwig

Editorial

Zentralasien wurde von den Umbrüchen nach dem Ende des Kalten Krieges und den Anschlägen von 9/11 am stärksten betroffen. Die Region ist geopolitisch sehr interessant, weil sie über erheblich Erdöl- und Erdgasreserven verfügt.

Die Terroranschläge des 11. September 2001 haben zu gravierenden Veränderungen in der internationalen Politik geführt. Die Region, welche von den Umbrüchen am stärksten betroffen war, ist Zentralasien. Dort prallen russische Großmachtinteressen und imperiale Ansprüche der USA unmittelbar aufeinander. Im Zuge des globalen "Krieges gegen den Terrorismus" konnten sich die USA einen enormen geostrategischen Vorteil sowohl gegenüber den anderen Großmächten Russland und China als auch der Europäischen Union verschaffen, indem sie in den ehemaligen Sowjetrepubliken Stützpunkte einrichteten. Neben geostrategischen Interessen geht es auch um ökonomischen Einfluss, insbesondere aber um die kaspischen Ölvorräte.

Dieses "Great Game" entscheidet langfristig über die Kontrolle des Transportes von Erdöl und Erdgas. Der Verlauf der Pipelines unterstreicht ihre politische Bedeutung. So haben die USA ihren Einfluss geltend gemacht, damit sowohl die Baku-Tbilisi-Ceyhan-Pipeline (BTC) als auch die Trans-Caspian-Gas-Pipeline (TCGP) um Russland und Iran herum verlaufen. Aus politischen Gründen wurde die gefährlichere und teurere Route durch den Kaukasus bewusst in Kauf genommen.

Bei der Ausgestaltung dieses Pipeline-Geflechts spielte die Türkei von Beginn an eine zentrale Rolle. Beide Routen enden in der Türkei: in Ceyhan und in Samsun. Das Land ist für den Westen zur wichtigsten Energiedrehscheibe geworden. Diese Funktion könnte die Türkei nutzen, um zwischen der arabisch-islamischen Welt und der westlichen Staatengemeinschaft zu vermitteln. Dadurch würde sich nicht nur ihr Handlungsspielraum erhöhen, sondern das Land könnte im vorderasiatischen Raum auch stabilisierend wirken.