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19.1.2006 | Von:
Alexander Warkotsch

Russlands Rolle in Zentralasien

Einflusskanal "Bizness"

Im Gegensatz zu den neunziger Jahren gilt Russland als wirtschaftlich gestärkt. Das Land ist nicht mehr auf westliche Finanzhilfen angewiesen, der Außenhandel boomt, die anhaltend hohen Ölpreise bescheren seit Jahren beträchtliche Haushaltsüberschüsse.[15] Russlands Einfluss auf die zentralasiatischen Volkswirtschaften ist entsprechend gewachsen. Dies gilt nicht allein mit Blick auf den zentralasiatischen Außenhandel, der seit jeher auf Russland fixiert war. Es ist vor allem Russlands Bedeutung als Auffangbecken für das überschüssige Arbeitskräftepotenzial der Region, die sich immer mehr als wirksamer Einflusshebel der Moskauer Zentralasienpolitik erweist. Dies gilt vor allem mit Blick auf Kirgistan und Tadschikistan, den Armenhäusern der Region mit Arbeitslosenraten von stellenweise 70 Prozent. Schätzungen gehen davon aus, dass rund zehn Prozent der erwerbsfähigen tadschikischen Bevölkerung in Russland arbeitet, wo das Lohnniveau etwa fünfmal so hoch ist. Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Arbeitsmigration nach Russland ist enorm. Die Geldsendungen der tadschikischen Gastarbeiter Richtung Heimat belaufen sich auf etwa 1,2 Mrd. US-Dollar jährlich.[16] Dies übersteigt bei Weitem die Staatseinnahmen der tadschikischen Regierung. Wiederholt hat Moskau mit der Verschärfung der Visa-Bestimmungen gedroht, um an anderer Stelle - etwa bei der Stationierung russischer Streitkräfte - Entgegenkommen zu erpressen.

Russland nimmt überdies wachsenden Einfluss auf den für die künftige ökonomische Entwicklung Zentralasiens wichtigen Energiesektor. Zwar spielt Moskau aufgrund der Tatsache, dass nahezu alle Erdöl- und Erdgaspipelines aus Zentralasien Richtung Weltmarkt über russisches Territorium führen, seit jeher eine wichtige Rolle bei der Nutzbarmachung der dortigen Energievorkommen. In den letzen Jahren gelang es aber, diese Position durch langfristige Energie-Lieferverträge mit den zentralasiatischen Patriarchen weiter zu festigen.[17] Dies gilt insbesondere für einen 2003 mit dem turkmenischen Präsidenten Nijasow ausgehandelten "Jahrhundertvertrag". Darin hat sich Turkmenistan, das immerhin über die weltweit viertgrößten Gasvorkommen verfügt, für die nächsten 25 Jahre verpflichtet, den Großteil seines Erdgases an die russische Gasexport, ein Tochterunternehmen des Staatsmonopolisten Gazprom, zu verkaufen.[18] Um die zentralasiatischen Patriarchen zur Unterzeichnung derartiger Abkommen zu bewegen, ist Moskau zu weitreichenden Zugeständnissen bereit. Im Falle des turkmenischen Gasdeals beispielsweise musste die Gazprom auf Druck des Kreml fast doppelt so viel zahlen wie ursprünglich geplant.[19] Ein ähnliches Abkommen verhandelt Moskau derzeit mit Kasachstan: Russland strebt eine Lieferbindung für kasachisches Erdgas im Umfang von jährlich 15 Mrd. Kubikmeter mit einer Laufzeit von 20 Jahren an. Dadurch kämen mehr als 80 Prozent der aktuellen kasachischen Erdgasproduktion unter russische Verfügungsgewalt.[20] Für das kasachische Erdöl bestehen überdies langfristige Transitvereinbarungen über die russischen Energieknotenpunkte Noworossisk und Samara Richtung Europa, dem Hauptabnehmer zentralasiatischer Energieträger.

Die Motivation des Kreml, die sich hinter dem Abschluss derartiger Energiekooperationen verbirgt, ist nicht eindeutig. Einerseits spielen sicher Probleme der russische Energiewirtschaft bei der Erfüllung ihrer Exportverpflichtungen eine Rolle. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die im Oktober 2000 unterzeichnete europäisch-russische Energiepartnerschaft, deren Umsetzung ohne Erdgaszukäufe aus Kasachstan und Turkmenistan gefährdet wäre.[21] Andererseits hat der Kreml in der Vergangenheit wiederholt bewiesen, dass er seine starke Stellung auf dem Energiemarkt der GUS auch als effektives Instrument seiner Außen- und Sicherheitspolitik einzusetzen weiß.[22] So sind die zentralasiatischen Herrschaftseliten stets angehalten, Moskaus entgegenkommende Energiekontrakte durch den Abschluss (sicherheits-)politischer Kooperationsvereinbarungen zu goutieren. Im Juni 2004 beispielsweise unterzeichneten die russische LUKoil und Uzbekneftegaz ein Abkommen zur gemeinschaftlichen Ausbeutung südusbekischer Erdgasfelder. Gleichzeitig vereinbarten Moskau und Taschkent ein bilaterales Sicherheitsabkommen, das russische Modernisierungs- und Ausbildungshilfen für die usbekischen Streitkräfte sowie die Intensivierung der militärischen Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten umfasst.[23] Aber auch gegenüber energiearmen Staaten wie Tadschikistan und Kirgistan weiß Russland sein "Energieimperium" einzusetzen. Just in dem Moment, als die tadschikische Führung Mitte 2004 den Abzug einer im Land stationierten russischen Gebirgsdivision verfügen wollte, unterbreitete Moskau dem Rachmonow-Regime ein lukratives Angebot, das die kostengünstige Modernisierung der hydroelektrischen Infrastruktur Tadschikistans durch den russischen Strommonopolisten Unified Energy Systems (UES) sowie den Erlass eines Großteils der tadschikischen Außenschulden im Austausch für den Verbleib der russischen Truppen vorsah.[24]


Fußnoten

15.
Vgl. International Monetary Fund, Russian Federation: Statistical Appendix, IMF Country Report No. 04/315 (2004).
16.
Vgl. Fiona Hill, Energy Empire: Oil, Gas and Russia's Revival, New York 2004, S. 23.
17.
Vgl. Marika Karayianni, Russia's Foreign Policy For Central Asia Passes Through Energy Agreements, in: Central Asia and the Caucasus, 28 (2003) 4, S. 90 - 96.
18.
Vgl. Ariel Cohen, The Putin-Turkmenbashi Deal of the Century: Towards a Eurasian Gas-OPEC?, in: Central Asia Caucasus Analyst vom 7. 5. 2003, http://www.cacianalyst.org/view_ article.php?articleid=1384, (5. 3. 2004).
19.
Vgl. Deutsche Welle, Russland und Turkmenistan vereinbaren Zusammenarbeit im Gassektor bis 2028, Russland & GUS Monitor vom 10. 4. 2003, http://www.dw-world.de/german/0,3367,2989_A_829812_1 _A,00.html (1. 8. 2005).
20.
Vgl. Vladimir Saprykin, Gazprom of Russia in the Central Asian Countries, in: Central Asia and the Caucasus, 29 (2004) 5, S. 88. Pravda Online, Russia to Consolidate Natural Gas Market, 14. 7. 2004, http://english.pravda.ru/main/18/89/356/13380_gas.html (15. 7. 2005).
21.
Vgl. Alexander Warkotsch, Ressourcenkonflikt im Kaukasus. Europa und das kaspische Öl, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (2004) 1, S. 71ff.
22.
Vgl. A. Rahr, (Anm. 11), S. 6.
23.
Vgl. Sergei Blagov, Investment Strengthens Russian Ties to Uzbekistan, in: Eurasianet Business & Economics vom 4. 8. 2004, http://www.eurasianet.org/ resource/uzbekistan/articles/index.shtml (12.12. 2004). - Roger McDermott, Russia Signs Strategic Partnership with Uzbekistan, in: Eurasia Daily Monitor, 1 (2004) 37, http://www.jamestown.org/edm/article.php?volume_ id=401&issue_id = 2996&article_id = 2368146 (26. 6. 2004).
24.
Vgl. Kambiz Arman, Russia and Tajikistan: Friends Again, in: Eurasia Insight vom 28. 10. 2004, http://eurasianet.org/departments/insight/articles/eav102804_ pr.shtml (12. 12. 2004).