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19.1.2006 | Von:
Asiye Öztürk

Die geostrategische Rolle der Türkei in Vorderasien

Der Beitrag behandelt die Beziehungen zwischen regionalen Entwicklungen und der geostrategischen Rolle der Türkei in ihrer Nachbarschaft. Besonders wird das Verhältnis von Geografie und Identität behandelt.

Einleitung

In der geopolitischen Standortbestimmung für die neunziger Jahre ließe sich die türkische Außenpolitik als eine sicherheitsbetonte Außenpolitik im Fahrwasser Washingtons charakterisieren - mit dem klaren Wunsch nach Integration in die westliche Welt. Die islamisch-konservative AKP-Regierung vollzog einen außenpolitischen Strategiewechsel, der vor allem die benachbarten Staaten tangierte und dem Land neue Handlungsoptionen in den internationalen Beziehungen eröffnete.

Die Security first-Politik wurde durch eine friedens- und kompromissorientierte, unabhängigere Außenpolitik nach dem Prinzip "Frieden durch Handel" abgelöst. Durch ein vielfältiges regionales Beziehungsgeflecht werden wirtschaftliche Kooperation und diplomatische Konfliktlösung angestrebt. Diese Politik basiert auf dem Verständnis der Türkei als Brücke zwischen der westlichen und der arabisch-islamischen Welt, der demnach eine Modell- und Vorbildfunktion zukommt. Ökonomisch und strategisch wird die Türkei darüber hinaus als Energiebrücke zwischen Ost und West wahrgenommen. Dementsprechend könnte die Türkei zum Energiekorridor für den Transport der Rohstoffe aus dem Kaspischen Raum nach Europa werden. Erste Meilensteine im Ausbau der türkischen Hafenstadt Ceyhan an der Mittelmeerküste zu einem "Rotterdam des Nahen Ostens"[1] sind die Eröffnung der Baku-Tbilisi-Ceyhan-Pipeline sowie der Blue Stream-Pipeline.

Im Folgenden soll nicht die türkische Außenpolitik der letzten Jahre dargestellt, sondern lediglich die Beziehung zwischen regionalen Entwicklungen und der geostrategischen Rolle der Türkei in ihrer Nachbarschaft untersucht werden. Frei nach Napoleon Bonaparte wird das Zusammenspiel von Geografie und Identität im neuen außenpolitischen Konzept Ankaras besonders hervorgehoben.[2] Als Einstieg in das Thema bietet sich eine kurze Einführung in die geopolitische Lage des Landes an.


Fußnoten

1.
So der türkische Energieminister Hilmi Güler bei der offiziellen Eröffnung der Blue Stream-Pipeline unter Anwesenheit von Recep Tayyip Erdo?an, Silvio Berlusconi und Wladimir Putin, zit. in: Le Soir vom 18.11. 2005, S. 25.
2.
Vgl. The policy of a state lies on its geography, zit. in:Reynolds B. Peele, The Importance of Maritime Chokepoints, in: Parameters, (Sommer 1997), S. 66.