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Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse (Symbolbild). Eine Modelleisenbahn fährt auf Schienen in einem von 2 Händen gehaltenen Bräter.

8.11.2019 | Von:
Marcus Böick
Christoph Lorke

Aufschwung, Abbau, Anpassung? Eine kleine Geschichte des "Aufbau Ost"

Transfer von Ideen, Institutionen und Eliten

Nicht nur die ökonomische Sphäre erlebte seit 1990 einen massiven Austausch von Personal durch die Ersetzung altgedienter sozialistischer Partei- und Planwirtschaftskader durch westdeutsche Manager. West-Experten stellten das Gros an Führungskräften der sich nun rasch um- und neuformenden ostdeutschen Staatlichkeit – also der Politik, der Verwaltung, der Polizei, der Armee und Justiz – sowie der Wissenschaft. In all diesen Bereichen waren umfassende Austausch- und Transferprozesse von Ideen, Institutionen und Eliten aufs Engste miteinander verschränkt und führten mithin zu einer "Überschichtung" der ostdeutschen Teilgesellschaft durch westdeutsche Eliten, die schon bald Anlass zu extensiver Kritik und zahlreichen Konflikten bot.[16]

Auch hier sind die zentralen Impulse bereits im bewegten Jahr 1990 zu suchen. Das legislative Herzstück dieser administrativen Anpassungsmaßnahmen war der im August 1990 beschlossene "Einigungsvertrag" oder auch zweite Staatsvertrag, der nach der Wirtschafts- und Währungsunion nun auch die staatlichen und rechtlichen Fragen der Vereinigung klären sollte. Dabei schien die Grundlinie klar: Der bevorstehende "Aufbau Ost" wurde zuvorderst als ein institutioneller "Nachbau West" verstanden und technisch unter erheblichem Zeit-, Handlungs- und Entscheidungsdruck im Spätsommer ausgearbeitet.[17] Der gefundene Modus der Vereinigung bestand aus einer formellen Auflösung der DDR und ihrer Bezirke sowie der unmittelbaren Gründung fünf neuer Bundesländer, die dann formal dem Geltungsbereich des Grundgesetzes nach Artikel 23 beitraten.[18]

Dieser klare, politisch gewollte Bruch mit der zentralistischen DDR-Staatlichkeit sowie ihres diskreditierten (Partei-)Personals erzeugte einen immensen Bedarf an Beratung und Fachpersonal auf nahezu allen Ebenen. Umfangreiche "Länderprogramme zum Verwaltungsaufbau in den neuen Ländern" sollten den Kooperationsprojekten kurzfristig weitere Impulse geben. Die Übertragung des komplexen föderalen Systems von West nach Ost blieb eines der zentralen Handlungsfelder. Ähnlich gelagerte Prozesse und Dynamiken liefen auch auf kommunaler Ebene ab, in den Parteien, Gewerkschaften und Verbänden, bei der Umgestaltung des ostdeutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem oder bei der Neuformierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.[19]

Die mit großer Intensität ab 1990 eingeleiteten staatlich-administrativen Auf-, Umbau- und Transferprozesse zwischen West- und Ostdeutschland erschienen mithin bereits nach wenigen Jahren weitgehend abgeschlossen. Während den horrenden Abwanderungsbewegungen von Ost nach West erhebliche Aufmerksamkeit zuteilwurde, galt dies für die entgegengesetzte Wanderungsbewegung allerdings nur bedingt. Dies lag nicht zuletzt auch an der sozialen wie symbolischen Sprengkraft jener überaus asymmetrischen Konstellation: Während die westwärts wandernden Ostdeutschen den Konkurrenzdruck auf den Arbeitsmärkten in der Regel "von unten" ausübten, fanden sich die seither in entgegengesetzte Richtung aufbrechenden Westdeutschen oft in gut dotierten Führungspositionen als Verwaltungschefs, Chefärzte, Staatssekretäre, Offiziere, Redaktionsleiter, Richter, Rektoren oder Professoren. Dies weckte wiederum erhebliche Ressentiments bezüglich vermeintlich minderqualifiziertem wie überbezahltem Westpersonal aus der zweiten oder dritten Garde, dem sich nach 1990 im Osten ein unverhofftes Betätigungsfeld eröffnet habe.[20] Andere Autoren deuteten diesen Prozess gar als regelrecht "koloniales" Arrangement einer "Unterwerfung" des Ostens durch den Westen.[21] In der (noch kaum historisch erforschten) Praxis wird man die konkreten Motive, das individuelle Engagement sowie auch die facettenreichen Erfahrungen dieser "Transfereliten" beim staatlich-administrativen "Aufbau Ost" sicher differenziert und im Einzelfall betrachten müssen.[22]

Langfristig erzeugte die asymmetrische Grundstruktur bisweilen beträchtliche Konflikt- und Konkurrenzverhältnisse zwischen Ost und West, die in jüngster Zeit in eine Debatte um die Einführung einer "Ost-Quote" für Führungsfunktionen mündeten. Somit erweist sich die historische Bewertung der politisch-institutionellen Aufbauarbeiten in Ländern, Kommunen und anderen staatlichen beziehungsweise gesellschaftlichen Bereichen als ambivalent und gegensätzlich: Gilt sie den einen als rasche Etablierung und im Kern überaus erfolgreiche Modernisierung hin zu einer funktionstüchtigen Staatlichkeit,[23] wird sie auf der anderen Seite als einfallsloser Nachbau ohnehin "verkrusteter" föderaler Strukturen scharf kritisiert, die zu einer ausgeprägten Distanz vieler Ostdeutscher zur Demokratie und ihren Institutionen geführt habe.[24] Letztlich bleiben die vielfältigen Austausch- und Transferbewegungen sowie konkreten Interaktions- und Beziehungsgeschichten zwischen Ost und West bis in die Gegenwart ein weitgehendes Desiderat auch der historischen Forschung.

Abrupte Umbrüche und wachsende Ungleichheiten

Untrennbar verbunden mit diesen Ebenen sind die umfassenden gesellschaftlichen Verunsicherungen und sozialen Zukunftsängste. Der Verlust von Arbeitsplatz und persönlicher Sicherheit beförderte mannigfache Unsicherheiten, und der vielfältige "Modernisierungsschock" war wohl kaum so zu spüren wie im sozialen Bereich. Der Bruch nach 1990 kam für viele Ostdeutsche abrupt: Das durch den paternalistisch agierenden SED-Staat gebetsmühlenartig propagierte Gefühl sozialer Sicherheit und Geborgenheit schwand im Übergang von einer weitgehend nivellierten in eine "entsicherte Gesellschaft" in Windeseile und war ein "Aufbruch mit vielen Unbekannten".[25] Dieses neue Unsicherheitsregime samt Arbeitsplatz-, Armuts- und Wohnungslosigkeitsrisiken wurde im Zuge der "doppelten Transformation" – einer Überlagerung einigungsbedingter Friktionen durch globale Entwicklungsdynamiken – zusätzlich verstärkt.

In diesem Sinne kann auch die Sozialunion vom Sommer 1990 in vielfältiger Weise als soziopolitisches Großexperiment beschrieben werden.[26] Das Inkrafttreten des Bundessozialhilfegesetzes in der DDR am 1. Juli 1990 steht pars pro toto für das Dilemma zwischen ökonomischer Notwendigkeit und sozialer Zumutbarkeit, denn krisenhafte Auswirkungen der postsozialistischen Strukturbrüche wurden bald unübersehbar: Nach dem Kollaps des ostdeutschen Arbeitsmarktes setzte allein bis 1993 eine präzedenzlose Schrumpfung von mehr als neun (1990) auf gut sechs Millionen Erwerbstätige ein. Die Bedeutung der (erwerbs)biografischen Zäsur, den eigenen Arbeitsplatz – zuvor Identitätsmarker, Selbstverständlichkeit und Bewertungsmaßstab eigener Lebensleistung[27] – buchstäblich über Nacht zu verlieren, ist dabei kaum zu überschätzen: Knapp 1,2 Millionen Arbeitslose, 1,7 Millionen Übersiedlungen in den Westen, eine halbe Million Westpendler, 800000 Personen in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sowie 850000 Frühverrentungen waren 1993 zu verzeichnen – und nur ein gutes Viertel aller Arbeitnehmer hatte damals noch denselben Arbeitsplatz wie vor 1989/90.[28] Im Lichte dieser nicht wie erwartet temporären Übergangs-, sondern dauerhaften Massenarbeitslosigkeit war damals bereits die Hälfte aller Erwerbslosen ein Jahr oder länger ohne Anstellung.[29] Dieser Umstand führte bald zu einer Überlastung von Bundesanstalt für Arbeit sowie der Renten- und Krankenversicherung und verweist beispielhaft auf den sozialpolitischen "Preis der Einheit".[30]

Prekäre Lebenssituationen gehörten demnach nicht nur für eine Minderheit Ostdeutscher zu den elementaren biografischen "Grunderfahrungen des Umbruchs".[31] Vor allem Tempo, Radikalität und Schonungslosigkeit der Geschehnisse waren es, die sich im Bewusstsein vieler Betroffener verankert haben dürften. Jener – nüchtern-soziologisch betrachtete – "soziale Wandel im Zeitraffertempo" war gemessen an den Prinzipien einer Wettbewerbsgesellschaft kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Typs nicht mehr als eine nachholende "Normalisierung" oder "Verwestlichung",[32] bedeutete aber vielerorts nicht weniger als einen dramatischen Anstieg relativer Einkommensarmut. Die Verteuerung des Wohnens und den raschen Anstieg der Kosten für Lebensmittel, Kleidung, Energie, Versicherungen oder Mobilität bekamen bei geringerem Vermögen, Wohneigentum und finanziellen Rücklagen insbesondere Frauen, Alleinerziehende, Arbeitslose sowie Kinder und Jugendliche zu spüren.[33] Das daraus entstehende Gefühl relativer Deprivation deutet an, dass Ostdeutsche die damalige Situation weniger mit der Zeit vor 1989/90 oder anderen osteuropäischen Umbruchsgesellschaften verglichen, sondern mit dem (imaginierten) Niveau westdeutscher Länder. Diese ebenso unrealistischen wie erklärbaren Vergleichsmaßstäbe und der Eintritt in bis dato praktisch unbekannte Zustände von Wettbewerb, Konkurrenz und Arbeitslosigkeit waren für viele eine exkludierende Fundamentalerfahrung und lösten verbreitet Unverständnis, Wut, Ohnmacht und Verbitterung aus. Die Demonstrationen gegen Sozialabbau im Zuge der Hartz-IV-Reformen im Sommer 2004, die besonders im Osten Deutschlands regen Zulauf erlebten, da die Menschen hier ungleich stärker von den Einschnitten betroffen waren,[34] belegten exemplarisch die besondere, auch langfristige Brisanz sozialer Einschnitte.

Fußnoten

16.
Vgl. Stephan Weingarz, Laboratorium Deutschland? Der ostdeutsche Transformationsprozeß als Herausforderung für die deutschen Sozialwissenschaften, Münster 2003.
17.
Vgl. Wolfgang Schäuble et al., Der Vertrag. Wie ich über die deutsche Einheit verhandelte, Stuttgart 1991.
18.
Vgl. Wolfgang Jäger, Die Überwindung der Teilung. Der innerdeutsche Prozeß der Vereinigung 1989/90, Stuttgart 1998.
19.
Vgl. Uwe Mummert (Hrsg.), Aufschwung Ost im Reformstau West, Baden-Baden 1998.
20.
Siehe etwa Klaus Huhn, Flachzangen aus dem Westen, Berlin 2011.
21.
Vgl. Rüdiger Liedtke (Hrsg.), Die Treuhand und die zweite Enteignung der Ostdeutschen, München 1993.
22.
Vgl. Friedrich Thießen (Hrsg.), Die Wessis. Westdeutsche Führungskräfte beim Aufbau Ost, Köln 2009.
23.
Vgl. Hans-Ulrich Derlien (Hrsg.), Zehn Jahre Verwaltungsaufbau Ost – eine Evaluation, Baden-Baden 2001.
24.
Vgl. Detlef Pollack, Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung. Der Wandel der Akzeptanz von Demokratie und Marktwirtschaft in Ostdeutschland, in: APuZ 13/1997, S. 3–14.
25.
Heinrich Best/Everhard Holtmann, Die langen Wege der deutschen Einigung. Aufbruch mit vielen Unbekannten, in: dies. (Hrsg.), Aufbruch der entsicherten Gesellschaft. Deutschland nach der Wiedervereinigung, Frankfurt/M.–New York 2012, S. 9–39.
26.
Vgl. Dieter Grosser, Das Wagnis der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Politische Zwänge im Konflikt mit ökonomischen Regeln, Stuttgart 1998.
27.
Vgl. Wolfgang Engler, Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 1999.
28.
Vgl. Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014, S. 1147.
29.
Vgl. Walter Hanesch (Hrsg.), Armut in Deutschland, Reinbek 1994, S. 55f.; Jan Priewe/Rudolf Hickel, Der Preis der Einheit. Bilanz und Perspektiven der deutschen Vereinigung, Frankfurt/M. 1992.
30.
Christine Trampusch, Der erschöpfte Sozialstaat. Transformation eines Politikfeldes, Frankfurt/M. 2009, S. 115.
31.
Wolfgang Engler/Jana Hensel, Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein, Berlin 2018, S. 133.
32.
Vgl. Rainer Geißler, Nachholende Modernisierung mit Widersprüchen. Eine Vereinigungsbilanz aus modernisierungstheoretischer Perspektive, in: APuZ 40/2000, S. 22–29.
33.
Dazu zusammenfassend Christoph Lorke, Von alten und neuen Ungleichheiten. "Armut" in der Vereinigungsgesellschaft, in: Thomas Großbölting/ders. (Hrsg.), Vereinigungsgesellschaft. Deutschland seit 1990, Stuttgart 2017, S. 271–295.
34.
Vgl. Dieter Rink, Die Montagsdemonstrationen als Protestparadigma. Ihre Entwicklungen von 1991–2016 am Beispiel der Leipziger Protestzyklen, in: Leviathan 45/2017, S. 282–305.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Marcus Böick, Christoph Lorke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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