BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse (Symbolbild). Eine Modelleisenbahn fährt auf Schienen in einem von 2 Händen gehaltenen Bräter.

8.11.2019 | Von:
Marcus Böick
Christoph Lorke

Aufschwung, Abbau, Anpassung? Eine kleine Geschichte des "Aufbau Ost"

Ausbleibende Anerkennung und identitäre Suchbewegungen

Für einen Großteil der Ostdeutschen war die Zeit nach 1990 eine tief greifende Umstellungs-, Anpassungs- und Orientierungskrise. Für sie bedeutete die Umwandlung einer Plan- in die Marktwirtschaft auch das Kennenlernen neuer Institutionen, das Verstehen und Durchdringen ihres Funktionierens und das Gewöhnen an damit verbundene Verpflichtungen. Der mental-kulturelle "Aufbau Ost" bedeutete neben vielfachen individuellen Aufbrüchen und neuen Möglichkeiten zugleich auch ein Abbruch bekannter Gegebenheiten, sozialer Beziehungen und vertrauter Konstellationen. Arbeitsmarktliche, sozialstrukturelle, institutionelle und sozial-emotionale Desintegrationsbelastungen beförderten bald Enttäuschungserfahrungen, die bei vielen das Gefühl aufkommen ließen, "Bürger zweiter Klasse" zu sein.[35]

Frappierend ist zum einen, dass im medialen beziehungsweise symbolisch-öffentlichen Raum nach 1990 Berichte über den Osten hauptsächlich problembezogene, defizitäre Diagnosen transportierten, die "den Osten" zunächst als "Problemfall" marginalisierten und außerhalb eines Normalitätsparadigmas platzierten, das normativ als "westdeutsch" und demokratisch-tolerant beschrieben wurde.[36] Sozialwissenschaftler haben daraus die Entstehung eines symbolischen "Ostens" als fremd-exotischer Kategorie, ja "orientalistischer" Fremdzuschreibung abgeleitet.[37] Verschiedene Studien griffen diese spezifischen symbolisch-diskursiven Vereinigungslogiken und imaginierten Ost-West-Dichotomien auf und reproduzierten dadurch konstruierte Identitäten. Sie sprachen wahlweise von Ostdeutschen als "Minderheit im eigenen Land" (Frank de Hertog) oder "symbolische Ausländer" (Rebecca Pates/Maximilian Schwochow), während andere gar eine kulturelle "Kolonialisierung" (Paul Cooke) akzentuierten, um auf die soziokulturelle Abwertung aufmerksam zu machen.

Zum anderen weist das Feld der Geschichtskultur auf Ursachen des skizzierten Unbehagens. Gesellschaftliche "Aufarbeitung" hieß wissenschaftlich die juristische und geschichtspolitische Bearbeitung der DDR-Vergangenheit, und zwar vor dem Hintergrund einer doppelten Diktaturerfahrung. Gleichwohl hatten die weitgehende interpretative Engführung und thematische Konzentration der Aufarbeitungspraxis auf vergröberte Täter-Opfer-Konstellationen eine Ausblendung anderer DDR-Wirklichkeiten zur Folge. Die Verbreitung eines antitotalitären Grundkonsenses betonte die diktatorische Prägung des SED-Regimes, woraus bald ein monotones öffentliches Erinnerungsbild entstand.[38] Die konjunkturell mit Verve diskutierte generalisierende Charakterisierung "Unrechtsstaat" besaß für so manchen den Geschmack der "Siegerjustiz", für andere bedeutete sie Abwertung oder Infragestellung eigener Lebensleistungen mitsamt tradierter Gewohnheiten und Verhaltensweisen.[39] Vor diesem Hintergrund und den diversen Rückbezügen auf innovationsfeindliche Traditionen, die marode Infrastruktur sowie Versorgungs- und Produktivitätsmängel der DDR-Planwirtschaft[40] sahen sich viele schon bald mit einem "von oben" konstruierten Image des Ostdeutschen konfrontiert, das seine Wurzeln zum Teil in der Zeit vor 1990 hatte und vom Selbstbild deutlich abwich: obrigkeitshörig, unselbstständig, larmoyant, entindividualisiert, provinziell und latent unzufrieden. Die komprimierte Formel des "Jammer-Ossis" ließ für Graustufen wenig Platz (was selbstverständlich auch für das Äquivalent des "Besser-Wessis" gilt) und war elementar für die symbolische Nach-Wende-Kartografie.

Lesen wir die vereinigungsbedingten Umwälzungen im Kontext des "Aufbau Ost" rückblickend als asymmetrischen, interkulturellen Begegnungs- und Konfrontationsprozess, begleitet von wechselseitigen Missverständnissen, teils gegenseitigem Desinteresse und einer gewissen Portion Ignoranz, so lässt sich das teils bis heute fortbestehende tiefliegende Missachtungs- und Unterlegenheitsgefühl vieler Ostdeutscher (mit) begründen. Ein Nebeneffekt war der Rückbezug Vieler auf die vertraute Kultur und eine Identifizierung mit der "Eigen"-Gruppe. Jene "Neuerfindung" des kulturellen Konstrukts "Ostdeutschland" nach 1990 besaß eine identitätsprägende Abgrenzungsfunktion.[41] Die "Ostalgie"-Welle der späten 1990er Jahre als "produktive Selbstermächtigung" (Thomas Ahbe) ist von der Forschung als kompensatorische Reaktion auf die fehlende soziale wie symbolische öffentliche Wertschätzung, verletzte Selbstwertgefühle und Degradierungserfahrungen interpretiert worden. Auch wenn sich jeweils nur eine Minderheit die tatsächliche Restauration früherer Zustände wünschte, wurde seinerzeit vor allem die mutmaßliche ostdeutsche Unbelehrbarkeit betont.[42] Dies fügt sich auch in die jüngsten Diskussionen um Pegida oder die Erfolge der AfD, die "den" Osten letztlich als defizitären und zu bearbeitenden Problemraum entwerfen und tendenziell abermals homogenisieren. Tiefer gehende, differenzierte wie zeithistorisch argumentierende Erklärungen für solcherart reaktive Empörungen sind heute noch rar gesät.

Ende des "Aufbau Ost"?

Im kollektiven Bildgedächtnis haben die schwarz-rot-gold gefärbten Pfeile des "Gemeinschaftswerks Aufbau Ost" als eigentümlich unbestimmte Ikone einen festen Platz für ein gigantisches gesellschaftliches Modernisierungs- und Umbauprojekt, dessen Bewertung bis heute umstritten ist. Kurzfristig als politische Reaktion auf die beträchtlichen Erwartungseinbrüche konzipiert, führten die vielfältigen und mit Milliardensummen bestrittenen Anpassungsanstrengungen mittelfristig zwar zu erheblichen infrastrukturellen wie materiellen Verbesserungen, bleiben aber in ihren langfristigen kulturellen Wirkungen und Bewertungen umstritten und ambivalent. Der in jährlichen Regierungsberichten fieberhaft wie ungeduldig gemessene Stand der "inneren Einheit" wurde bald zum amtlichen Seismografen deutsch-deutscher Befindlichkeiten, kultureller Abgrenzungen und materieller Aufrechnungen. Diese schlagen sich seit einiger Zeit auch politisch in vermehrten Forderungen nach einem "Aufbau West" nieder, der insbesondere strukturwandelgeplagte Regionen im Ruhrgebiet oder der Saar fokussieren sollte.Demgegenüber fällt es externen Beobachtern nach wie vor schwer, diese spezifischen materiellen wie mentalen Verwicklungen nach 1990 einzuordnen.[43]

Als sich im Frühjahr 1991 klar abzeichnete, dass der Vereinigungsprozess weder schlagartig zu "blühenden Landschaften" führen würde noch zum "Nulltarif" zu haben war, wandelte sich der nun mehr und mehr staatlicherseits institutionalisierte "Aufbau Ost": Aus ursprünglich geradezu ekstatisch-optimistischen Aufbrüchen "von unten" wurde ein technokratisches, föderal-hochkomplexes und mit etlichen Milliardensummen befeuertes Großprojekt "von oben", dessen Umbruchprozesse die Politik kooperativ zu steuern und seine inneren Widersprüche auszugleichen beabsichtigte. Doch die komplizierte Gemengelage von Personal- und Finanztransfers sowie Kooperations- und Förderprojekten erzeugte überaus zwiespältige Folgewirkungen und führte mitnichten zu einer patriotischen Mobilisierung oder nationalen Homogenisierung. Der oft an den Widersprüchen des postsozialistischen Alltags laborierende "Nachbau West" ließ und lässt sich – je nach Perspektive – sehr unterschiedlich bilanzieren und deuten.

Mit der Einigung Deutschlands wurden Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und vielfältige Freiheiten durch, im beziehungsweise für den Osten errungen. Demgegenüber stehen ungekannte Unsicherheiten und erhebliche soziale Risiken. Diese beiden Narrative stehen bei retrospektiven wie gegenwärtigen Debatten jedoch nicht nur lose nebeneinander, sondern sind von normativ aufgeladenen, noch stark zeitgenössisch konfigurierten Konfliktlinien und Werturteilen durchzogen – einerseits als Folge 40-jähriger Teilung, andererseits als Ergebnis ökonomischer, sozialer, psychologischer und kultureller Prozesse des Transformations- und Vereinigungsgeschehens selbst. Das führt uns zu der Frage nach künftigen Erwartungshaltungen und auch danach, ob eine völlige Angleichung von Mentalitäten, Orientierungen und Verhaltensweisen überhaupt wünschenswertes Ziel sein kann. Gleiches gilt für die Akzeptanz vorhandener kultureller Diversität wie auch regionaler Differenzen.[44]

Aus Sicht einer Zeitgeschichte der Transformationszeit haben die Ausführungen verdeutlicht, wie wenig hilfreich eine starre Ost-West-Fixierung ist, da diese zumeist überkommene Konfliktlinien aufgreift und unhinterfragt nachzeichnet. Vielmehr müssten die komplexen Hintergründe und widersprüchlichen Entstehungsbedingungen solcher Lesarten reflektiert werden, um diese in einem weiteren Schritt dekonstruieren zu können. Mithin könnte eine solche methodisch-perspektivische Loslösung von festgefügten "Containern" dafür sensibilisieren, dass der "Aufbau Ost" mehr war als ein einseitiger Aufhol- oder Abwicklungsprozess, sondern auch die "alten" Bundesländer in nachhaltiger Weise beeinflusste, ja umfassend (ko-)transformierte.[45] Demnach müssten zeithistorische Zugriffe viel stärker Abruptheit und Langfristigkeit, Offenheit und Nicht-Linearität, Komplexität und Kontingenzen, Ungleichzeitigkeiten und Dynamiken eines mäandernden-widerspruchsvollen Prozesses bedenken; ferner gilt es, Einfühlungsvermögen hinsichtlich geschichtlicher Umstände und Folgen aufzubringen, die letztlich auch immer generationenübergreifend vermittelt und diskutiert werden müssen. Denn der innere Einigungsprozess wird auf absehbare Zeit wohl kaum abgeschlossen sein. Umso mehr, so zeigen aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen, besteht diesbezüglich (zeit-)historischer Aufklärungs- und Reflexionsbedarf.

Fußnoten

35.
Vgl. Anna Klein/Wilhelm Heitmeyer, Ost-westdeutsche Integrationsbilanz, in: APuZ 28/2009, S. 16–21.
36.
Vgl. Raj Kollmorgen/Torsten Hans, Der verlorene Osten? Der massenmediale Diskurs über Ostdeutschland, in: ders./Frank Thomas Koch/Hans-Liudger Dienel (Hrsg.), Diskurse der deutschen Einheit. Kritik und Alternativen, Wiesbaden 2011, S. 107–166; Thomas Ahbe/Rainer Gries/Wolfgang Schmale (Hrsg.), Die Ostdeutschen in den Medien: Das Bild von den Anderen nach 1990, Leipzig 2009.
37.
Vgl. Jeremy Brooke Straughn, Wo "der Osten" liegt. Umrisse und Ambivalenzen eines verschwundenen und verschwindenden Landes, in: Sandra Matthäus/Daniel Kubiak (Hrsg.), Der Osten. Neue sozialwissenschaftliche Perspektiven auf einen komplexen Gegenstand jenseits von Verurteilung und Verklärung, Wiesbaden 2016, S. 195–223.
38.
Vgl. Pamela Heß, Gleichförmig statt vielfältig: Die DDR im öffentlichen Erinnern, in: ebd., S. 99–123.
39.
Vgl. Oliver Hollenstein, Das doppelt geteilte Land. Neue Einblicke in die Debatte über Ost- und Westdeutschland, Wiesbaden 2012.
40.
Vgl. CDU, Aufbau Ost. Ein Erfolg der nationalen Solidarität der Deutschen, Bonn 1998.
41.
Vgl. Ina Dietzsch, Die Erfindung der Ostdeutschen, in: Eva Schäfer (Hrsg.), Irritation Ostdeutschland. Geschlechterverhältnisse in Deutschland seit der Wende, Münster 2005, S. 92–106.
42.
Vgl. Raj Kollmorgen, Ostdeutschland. Beobachtungen einer Übergangs- und Teilgesellschaft, Wiesbaden 2005, S. 148–200.
43.
Vgl. Konrad H. Jarausch (Hrsg.), United Germany. Debating Processes and Prospects, New York 2013.
44.
Vgl. Marcus Linden, Innere Einheit. Konjunkturen und Defizite einer Debatte, in: Deutschland Archiv 2/2009, S. 303–313.
45.
Vgl. Philipp Ther, Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa, Berlin 2014.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Marcus Böick, Christoph Lorke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


24 x Deutschland
Infografiken

24 x Deutschland

Was sind die Grundsätze unserer Verfassung? Welche Aufgaben hat der Bundestag? Und wie entsteht ein Gesetz? 24 Infografiken geben einen Überblick und zeigen, wie die deutsche Demokratie funktioniert.

Mehr lesen

Das Dossier gibt einen umfassenden Überblick über Gesellschaft, Wirtschaft und Politik der Bundesrepublik Deutschland. Hierbei werden die zentralen historischen Entwicklungen und die wichtigsten gegenwärtigen Strukturen auf ihrem Feld dargestellt. Ziel der Sozialkunde ist es, Wissen zu vermitteln, Strukturen erkennbar zu machen und Probleme aufzuzeigen.

Mehr lesen

Schockartige Umwälzungen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und persönlichen Lebensumständen: Welche Folgen hatte der Systemumbruch? Und wie verläuft seitdem der Einigungsprozess in Ost und West?

Mehr lesen