Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse (Symbolbild). Eine Modelleisenbahn fährt auf Schienen in einem von 2 Händen gehaltenen Bräter.

8.11.2019 | Von:
Thomas Klie

Demokratische Integration. Strukturbedingungen von Regionen und ihr Einfluss auf Wahlbeteiligung und freiwilliges Engagement

Methodisches Vorgehen

Theoretischer Ansatz
Mit dem Ansatz des Monitorings "demokratische Integration" wird unter verschiedenen Gesichtspunkten theoretisches und methodisches Neuland betreten. Zum einen wird demokratische Integration als verbindendes Konzept verschiedener Beteiligungsformen aufgefasst, zum anderen als Sozialstruktur in Regionen.

Demokratische Integration als verbindendes Konzept: Es gibt zahlreiche Forschungen, in denen die Beteiligung an Wahlen und das freiwillige ehrenamtliche Engagement jeweils getrennt voneinander untersucht werden. Die Bedeutung der Wahlbeteiligung und wie man sie gegebenenfalls wieder steigern könnte, wird vielfältig diskutiert;[6] ebenso die Bedeutung von Engagement für ein demokratisches Gemeinwesen.[7] In all diesen Untersuchungen wird hervorgehoben, wie groß die Bedeutung einer hohen Wahlbeteiligung und einer hohen Engagementquote für ein demokratisches Gemeinwesen sind. Aber in keiner wird ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Formen der Beteiligung systematisch untersucht. Dabei ist ein solcher Zusammenhang naheliegend: Wer sich ehrenamtlich engagiert, wird sich mit größerer Wahrscheinlichkeit auch an einer Wahl beteiligen und umgekehrt. Mit dem Konzept der demokratischen Integration werden die Beteiligung an Wahlen und das bürgerschaftliche Engagement zusammengefasst, weil davon auszugehen ist, dass beide Beteiligungsformen einen gemeinsamen Hintergrund haben, was Interesse und Motivation betrifft, zur Lebendigkeit und zum Funktionieren des demokratischen Gemeinwesens beizutragen.

Demokratische Integration als Sozialstruktur: Neu ist ebenfalls, dass als Analyseebene nicht Personen, sondern Regionen gewählt wurden, und zwar die 96 sogenannten Raumordnungsregionen, wie sie auch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung für raumstrukturelle Analysen verwendet. Dabei wird die durch verschiedene Indikatoren gemessene demokratische Integration als eine für diese Regionen höchst bedeutsame Sozialstruktur betrachtet. Von einer Sozialstruktur können wir dann sprechen, wenn es sich um Merkmale beziehungsweise Eigenschaften handelt, die in hohem Maße stabil sind, sich also auch über einen längeren Zeitraum nicht oder nur sehr geringfügig verändern. Wenn demokratische Integration sich in diesem Sinne als stabile Sozialstruktur erweist, dann bietet es sich nach dem französischen Soziologen Émile Durkheim an, bestimmte soziale Strukturen durch andere soziale Strukturen zu erklären. Das Ziel ist es, Zusammenhänge zwischen der Struktur "demokratische Integration" mit anderen Strukturen aufzuzeigen und Erklärmodelle mit überprüfbaren Hypothesen über kausale Abhängigkeiten zu entwickeln. Für die Analyse der Situation von Raumordnungsregionen stehen im Wesentlichen nur Daten der amtlichen Statistik zur Verfügung, die jedoch durch Informationen aus repräsentativen Studien ergänzt wurden.

Indikator Wahlbeteiligung
Eine hohe Wahlbeteiligung ist von überaus großer Bedeutung für ein demokratisches Gemeinwesen. Sie ist die Basis der politischen Legitimation und die Minimalbedingung für ein hohes Maß an demokratischer Integration. Besondere Probleme ergeben sich, wenn es im Hinblick auf die Wahlbeteiligung deutliche soziale und regionale Unterschiede gibt, was im Ergebnis zu einer steigenden politischen Ungleichheit führt.

Bei den Bundestagswahlen von 1994 bis 2005 schwankte die Wahlbeteiligung in den Raumordnungsregionen nur geringfügig zwischen 76 und 78 Prozent, mit einem positiven Ausreißer von über 80 Prozent 1998.[8] 2009 brach die Wahlbeteiligung erstmals auf 69 Prozent ein und blieb auch 2013 auf diesem niedrigen Niveau. 2017 stieg die deutschlandweite Wahlbeteiligung mit 75,8 Prozent beinahe wieder auf das Niveau von 2005. Die Streuung, das heißt der Abstand zwischen der Region mit der höchsten und der Region mit der niedrigsten Wahlbeteiligung, war 1994 mit 24 Prozentpunkten auffallend hoch (83,2 zu 59,2 Prozent). In den folgenden Jahren bewegte sich die Streuung in Größenordnungen zwischen 17 Prozentpunkten (1998 und 2002) und 12 Prozentpunkten (2005). Trotz dieser in der Tendenz abnehmenden Streuung bleibt sie beträchtlich: 2017 lagen beispielsweise 13 Raumordnungsregionen drei und mehr Prozentpunkte unterhalb des Durchschnitts von 75,8 Prozent Wahlbeteiligung, zwölf Raumordnungsregionen lagen wiederum drei und mehr Prozentpunkte oberhalb des Durchschnitts.

Seit 2002 ist die Wahlbeteiligung in den Raumordnungsregionen außerordentlich stabil, das heißt, Regionen mit einer hohen Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2002 hatten auch 2005, 2009, 2013 und 2017 eine hohe Wahlbeteiligung, und umgekehrt blieb die Wahlbeteiligung in bestimmten Regionen niedrig. Die Wahlbeteiligung kann deshalb als ein relativ dauerhaftes Strukturmerkmal von Regionen betrachtet werden, für das sich dann auch eine Erklärung durch andere Strukturmerkmale anbietet.

Indikator freiwilliges Engagement
Indikatoren für das ehrenamtliche Engagement liefert der seit 1999 alle fünf Jahre erhobene Freiwilligensurvey. Bei aller Bedeutung dieser Erhebung zeigen sich doch erhebliche Probleme, wenn es darum geht, für verschiedene Zeiträume vergleichbare Indikatoren für die 96 Raumordnungsregionen zu definieren. Für das Monitoring wurde ein erweiterter Engagementbegriff zugrunde gelegt, der neben ehrenamtlichem Engagement auch politische Aktivität umfasst.

Wenn der Anteil der Engagierten als hartes Kriterium für die Verbreitung von ehrenamtlichem Engagement betrachtet wird, wäre von 2009 bis 2014 ein beachtlicher Anstieg der Engagementquote zu konstatieren. Die Verhältnisse sind jedoch komplizierter. Ein direkter Vergleich zwischen den Anteilen für 2009 und 2014 ist nicht möglich, weil im Freiwilligensurvey 2014 das Engagement in einer grundlegend anderen Weise als 2009 erhoben wurde. Es ist zu erwarten, dass allein aufgrund der veränderten Fragestellung der Anteil der Engagierten 2014 deutlich höher war als 2009. Ein Vergleich zwischen diesen Erhebungsjahren ist für die 96 Raumordnungsregionen daher kaum interpretierbar. Für das Wahljahr 2009 und das Erhebungsjahr des Freiwilligensurvey 2009 lässt sich jedoch untersuchen, ob auf der Ebene der Raumordnungsregionen zwischen den Indikatoren Wahlbeteiligung und Engagementquote ein so deutlicher Zusammenhang besteht, dass es sinnvoll ist, die beiden Indikatoren zusammenzufassen. Da das der Fall ist, wurde eine zusammengefasste Kennziffer gebildet, die das Ausmaß der demokratischen Integration für die 96 Raumordnungsregionen beschreibt: Je höher dieser Wert, desto höher ist auch die Integration (Abbildung).

"Demokratische Integration" nach Raumordnungsregionen 2009"Demokratische Integration" nach Raumordnungsregionen 2009 (© bpb)

Orientierungen und Einschätzungen
Die demokratische Integration von Raumordnungsregionen beruht auf Entscheidungen beziehungsweise Aktivitäten von Individuen: sich an einer Wahl zu beteiligen und sich ehrenamtlich zu betätigen. Es ist davon auszugehen, dass hinter diesen Entscheidungen und Aktivitäten bestimmte Einstellungen und Einschätzungen stehen. Dies wird im Folgenden exemplarisch für Deutschland gezeigt. Hierfür wurde der European Social Survey 2014 herangezogen.[9] In dieser Studie konnte ermittelt werden, ob Personen sich an Wahlen beteiligen und zivilgesellschaftlich engagiert sind. Beides zusammengefasst ermöglicht die Einstufung, in welchem Umfang demokratische Integration als persönlicher Habitus mehr oder weniger vorhanden ist. Außerdem enthält der Datensatz des European Social Survey auch Indikatoren für Einstellungen und Einschätzungen, die sich in einer sinnvollen Weise mit demokratischer Integration in Verbindung bringen lassen: Vertrauen in Mitmenschen, Zufriedenheit und Einstellung gegenüber Migranten.

Fußnoten

6.
Vgl. z.B. Armin Schäfer, Alles halb so schlimm? Warum eine sinkende Wahlbeteiligung der Demokratie schadet, in: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung (Hrsg.), MPIfG Jahrbuch 2009–2010, Köln 2009, S. 33–38; Mara Ewers/Marie Möller, Wahlen, Wohlstand, Wohlbefinden. Über eine geringe Wahlbeteiligung und sieben sanfte Wege, sie zu erhöhen, Institut der deutschen Wirtschaft Köln, IW Policy Paper 8/2014; Wolfgang Merkel, Demokratie und Krise, Wiesbaden 2015.
7.
Vgl. z.B. Dieter Rucht, Engagement im Wandel, in: Wissenschaftszentrum Berlin, WZBrief Zivilengagement 1/2010; Paul-Stefan Roß, Demokratie weiter denken, Baden-Baden 2012; Benjamin Höhne, Demokratie braucht Engagement, Sankt Augustin, Berlin 2015.
8.
Die hier berichtete Wahlbeteiligung ist ein Durchschnittswert für die 96 Raumordnungsregionen und unterscheidet sich geringfügig von der amtlichen Wahlbeteiligung für das ganze Bundesgebiet.
9.
Siehe http://www.europeansocialsurvey.org«.
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