Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse (Symbolbild). Eine Modelleisenbahn fährt auf Schienen in einem von 2 Händen gehaltenen Bräter.

8.11.2019 | Von:
Thomas Klie

Demokratische Integration. Strukturbedingungen von Regionen und ihr Einfluss auf Wahlbeteiligung und freiwilliges Engagement

Einfluss Sozialer Strukturen

Das Ausmaß der Wahlbeteiligung und der Anteil der freiwillig Engagierten als Indikatoren für demokratische Integration korrelieren mit anderen bedeutsamen Strukturen und lassen sich durch diese vielleicht auch erklären. Insgesamt konnten im Monitoring mit den verfügbaren Daten sechs für die Raumordnungsregionen bedeutsame Strukturen definiert und gemessen werden. Es ist anzunehmen, dass folgende Strukturen einen Einfluss auf den Grad der demokratischen Integration haben können:
  • Urbanität/ Städtische Siedlungsweise: Das Ausmaß, in dem für eine Raumordnungsregion eine städtische Siedlungsweise kennzeichnend ist.
  • Familismus: Das Ausmaß, in dem für eine Raumordnungsregion eine eher traditionelle und auf familialen Zusammenhang zugeschnittene Lebensweise kennzeichnend ist.
  • Demografischer Druck: Das Ausmaß, in dem ein hoher Anteil von Menschen in höherem Lebensalter und ein relativ geringer Anteil von Menschen im erwerbsfähigen Alter für eine Region bedeutsam sind.
  • (Relative) Benachteiligung: Das Ausmaß, in dem für die Menschen und Bedarfsgemeinschaften in einer Raumordnungsregion im Vergleich zu durchschnittlichen wirtschaftlichen und sozialen Standards eine relative Benachteiligung besteht.
  • Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit: Das Ausmaß der wirtschaftlichen Leistungskraft in einer Raumordnungsregion.
  • Unsicherheit (Kriminalitätsbelastung): Das Ausmaß, in dem die Menschen in einer Region von Straftaten bedroht sind, die ihre persönliche Sicherheit betreffen.
Die Konzentration der Analysen auf diese Strukturen erfolgt, da sie bedeutsam sind, sich die Regionen danach unterscheiden und es dafür geeignete Indikatoren gibt. Die allgemeine Vermutung ist, dass die Wahlbeteiligung und die Quote der Engagierten als Indikatoren für demokratische Integration von diesen Strukturen abhängig sein könnten. Darauf deuten auch Ergebnisse einschlägiger Forschung hin, in der allerdings fast ausschließlich einzelne Indikatoren, jedoch nicht umfassendere Strukturen mit der Wahlbeteiligung oder der Engagementbereitschaft in Verbindung gebracht werden. Zum Beispiel wird im Freiwilligensurvey 2014 gezeigt, dass die Arbeitslosenquote mit dem Anteil der Engagierten korreliert.[10]

Der Wandel oder die Stabilität derartiger Strukturmerkmale lassen sich mit dem von dem Soziologen Ulrich Beck zur Beschreibung des Schichtungssystems der 1980er Jahren geprägten Begriff des "Fahrstuhleffekts" beschreiben.[11] Das Niveau von Strukturen, also das Ausmaß ihrer Ausprägung, hat sich zwar zum Teil deutlich verändert – der Fahrstuhl hat sich nach "oben" (steigende wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, abnehmende relative Benachteiligung) oder nach "unten" (steigender demografischer Druck) bewegt –, aber die Rangordnung der Raumordnungsregionen im Hinblick auf diese Strukturmerkmale ist dennoch in den vergangenen Jahren weitgehend unverändert geblieben. Die soziale Bedeutung eines solchen Fahrstuhleffekts kann darin bestehen, dass trotz deutlicher Verbesserungen für alle Regionen wegen der im Wesentlichen unverändert gebliebenen Rangordnung ein Empfinden von Unzufriedenheit entstehen kann, und zwar in den Regionen, deren Situation sich zwar verbessert hat, die aber gleichwohl im Vergleich zu anderen Regionen auf der Stelle treten.

Wie bei allen Modellkonstruktionen sind auch für das vorgeschlagene Modell Alternativen möglich. Im Rahmen des Monitorings haben wir uns für ein Modell entschieden, das Antworten auf eine der in der aktuellen politischen Diskussion wichtigsten Fragen geben kann: Was sind die Gründe dafür, dass in den östlichen Bundesländern alle Indikatoren für eine hohe demokratische Integration durchweg deutlich niedriger sind als in den westlichen Bundesländern?

Zur Modellierung beziehen wir uns auf die Basisjahre 2008/2009. Das Modell ist so aufgebaut, dass der deutliche Zusammenhang zwischen der Engagementquote beziehungsweise der Wahlbeteiligung und der Region (östliche/westliche Bundesländer) allein durch die Berücksichtigung von relevanten intervenierenden Variablen erklärt werden kann. Mit dem Modell lässt sich dann zeigen, dass von der Region per se kein direkter Einfluss auf die abhängige Variable demokratische Integration ausgeht, wenn der Einfluss dieser intervenierenden Variablen kontrolliert wird. Die Region hat also "nur" einen indirekten, allerdings ganz beträchtlichen Einfluss auf die Engagementbereitschaft und das Wahlverhalten. Dieser indirekte Einfluss erfolgt über die Variablen wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Urbanisierung, relative Benachteiligung, demografischer Druck und familienorientierte Lebensweise.

In den östlichen Bundesländern ist die wirtschaftliche Leistung deutlich geringer als in den westlichen. Deshalb ist relative Benachteiligung im Durchschnitt sehr viel stärker ausgeprägt. Aufgrund der geringeren wirtschaftlichen Leistung verstärkt sich der wegen des demografischen Wandels generell beobachtbare Trend zu hohem demografischem Druck infolge von Abwanderungen jüngerer Menschen aus den östlichen Bundesländern. Dies wiederum verringert die Bedeutung von Familismus als Lebensform. All dies hat auch Auswirkungen auf die Bereitschaft, wählen zu gehen oder sich ehrenamtlich zu engagieren.

Fußnoten

10.
Vgl. Julia Simonson et al., Zentrale Ergebnisse des Freiwilligensurveys 2014, in: dies./Claudia Vogel/Clemens Tesch-Römer (Hrsg.), Freiwilliges Engagement in Deutschland. Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014, Berlin 2016, S. 15–21, hier S. 19ff.
11.
Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Thomas Klie für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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