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10.12.2007 | Von:
Ingrid Hohenleitner
Thomas Straubhaar

Grundeinkommen und soziale Marktwirtschaft

Arbeitsmarkteffekte

Das Grundeinkommen führt tendenziell zu einer Umstrukturierung des Arbeitsangebots. Je höher es ist, desto stärker wird das Arbeitsangebot für unangenehme Arbeiten sinken und für angenehme Tätigkeiten steigen. Entsprechend werden die Löhne für angenehme Arbeiten tendenziell sinken und für unangenehme Arbeiten steigen. Freier Arbeitsmarkt: Da niemand mehr allein zur Deckung des Lebensnotwendigen arbeiten gehen muss, steigt die Verhandlungsmacht der abhängig Beschäftigten. Sie bekommen die Freiheit, "nein" zu sagen. Dies ist eine fundamentale Voraussetzung für einen - für beide Vertragspartner gleichermaßen - freien Arbeitsmarkt. Nur unter der Voraussetzung eines repressionsfreien Arbeitsmarktes ist es möglich aber auch sinnvoll, auf verzerrende und ineffiziente Eingriffe in den Arbeitsmarkt zu verzichten, zumal damit häufig das Gegenteil dessen bewirkt wird, was ursprünglich erreicht werden sollte. Gerade im Interesse der (potenziell) abhängig Beschäftigten sollte es kein Tabu sein, die tatsächlichen Auswirkungen von Arbeitsmarktregularien kritisch zu prüfen und diese ggf. durch zielführendere Wirkmechanismen zu ersetzen. Ein dadurch auch für Langzeiterwerbslose und Geringqualifizierte verbesserter Marktzugang stärkt langfristig auch deren Verhandlungsmacht.

Trennung von Sozial- und Arbeitsmarktpolitik: Das Grundeinkommen ermöglicht die Trennung von Allokation und Distribution, das bedeutet konkret eine Trennung von Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Die sozialpolitischen Umverteilungsziele werden unabhängig vom Arbeitsmarkt mit einem einfachen und transparenten Steuer-Transfer-System, dem Grundeinkommen in Verbindung mit einem einfachen Steuertarif, erreicht. Der Arbeitsmarkt kann flexibilisiert und damit effizienter gestaltet werden. Dies steigert die Effizienz der Marktwirtschaft, wodurch sich wiederum die Finanzierungsbasis für die Sozialpolitik einschließlich des Grundeinkommens verbessert. Keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit: Im Falle einer moderaten Grundeinkommenshöhe ist aufgrund der heute existierenden hohen Arbeitslosigkeit zunächst mit sinkenden Löhnen für Geringqualifizierte zu rechnen. Dies erhöht die Nachfrage nach Arbeitskräften in Bereichen mit niedriger Produktivität und führt damit zu einer steigenden Beschäftigung im Niedriglohnbereich. Eine entsprechende Anpassung der Nachfragestruktur in Richtung einfacher Dienstleistungen lässt die Nachfrage nach Arbeitskräften in diesen Bereichen steigen, wodurch die Löhne langfristig wieder ansteigen.

In den Bereichen mit gesunkenen Löhnen würden zwar weniger Menschen ihre Arbeitskraft anbieten als heute. Insgesamt ist jedoch mit einer steigenden Anzahl von Beschäftigten und mit einer höheren Beschäftigungsquote Geringqualifizierter zu rechnen. Im Falle vollkommen flexibler Löhne wäre der zu erwartende Beschäftigungseffekt maximal. Es gäbe keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit mehr.[6]

Teilzeitarbeit: Das Grundeinkommen fördert Teilzeitarbeit, da auch mit einem niedrigeren Arbeitseinkommen ein Gesamteinkommen über dem soziokulturellen Existenzminimum erzielt wird. Angesichts der rund sieben Millionen Menschen in Deutschland, die gerne arbeiten würden, aber keinen Arbeitsplatz finden, führt dies jedoch nicht zu einem Rückgang der insgesamt geleisteten Erwerbsarbeit. Die vorhandene bezahlte Arbeit würde durch die reduzierte Arbeitszeit lediglich auf mehr Menschen verteilt. Dies bringt eine Vielzahl positiver Effekte mit sich. So steigt die gesamtwirtschaftliche Produktivität, da einerseits die Menschen in der kürzeren Arbeitszeit konzentrierter arbeiten und andererseits sich insgesamt mehr Menschen über Erwerbsarbeit einbringen. Zudem schafft das Grundeinkommen Freiräume für gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit, wie Familienarbeit, ehrenamtliches Engagement und Formen solidarischer Ökonomie. Wenn solche Tätigkeiten auch nicht über den Markt entgolten werden, stellen sie doch einen wichtigen gesellschaftlichen und ökonomischen Beitrag dar. Qualifizierungsanreize: Ein bedingungsloses Grundeinkommen ermöglicht in jeder Lebensphase eine Weiterbildung nach individuellen Bedürfnissen und Erfordernissen. In Verbindung mit einem flexibilisierten Arbeitsmarkt hilft es zudem, durch Langzeitarbeitslosigkeit bedingte Qualifikationsverluste zu vermeiden. Dies führt langfristig zu einem steigenden Qualifikationsniveau. Je stärker die positiven Qualifizierungsanreize des Grundeinkommens zum Tragen kommen, desto weniger geringqualifizierte Arbeitskräfte wird es langfristig geben. Dadurch steigende Löhne in niedrig produktiven Bereichen führen dort zu vermehrten Innovationsanreizen. Dies erhöht die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften und steigert zugleich die Produktivität im Niedriglohnbereich. Somit geht auch die anfänglich zu erwartende Lohnspreizung tendenziell zurück. Ein entsprechend höheres Lohnniveau generiert zudem höhere Steuereinnahmen und leistet damit einen positiven Beitrag zur Finanzierung des Grundeinkommens.

Effiziente Arbeitsteilung: Aufgrund der unabhängig von Erwerbsarbeit gesicherten Existenz steigt die Freiwilligkeit bei der Berufswahl und Erwerbsentscheidung. Somit werden mehr Menschen eine Arbeit wählen, die ihren Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Dies fördert eine effizientere Arbeitsteilung, in der nicht, wie es heute der Fall ist, höher Qualifizierte niedriger Qualifizierten die Stellen wegnehmen müssen, nur um das Lebensnotwendige zu erwirtschaften.

Fußnoten

6.
Vgl. I. Hohenleitner/T. Straubhaar (Anm.4), S.33.