Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Dieter Rucht

Faszinosum Fridays for Future

Einzigartig?

Die Konkurrenz um knappe öffentliche Aufmerksamkeit begünstigt die Neigung, FFF als etwas ganz Neues zu beschreiben und die Bewegung mit Superlativen zu versehen. Die Rede ist dann von der Politisierung einer ganzen Generation oder von einer weltweiten Bewegung. Überhöhte Angaben zur Zahl der Demonstrierenden und die Aufzählung exotisch anmutender Demonstrationsorte ("Auch Ugandas Jugend streikt fürs Klima") verstärken diesen Effekt. Von solchen Signalen können durchaus Sogwirkungen für weitere Mobilisierungen ausgehen, sie können aber auch zu einer verfehlten Messlatte für künftige Proteste werden.

Die Behauptung, mit FFF betrete erstmals eine ganz junge Generation die außerparlamentarische Bühne, ist nicht haltbar. Es ist daran zu erinnern, dass im Kontext der Studentenbewegung in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre eine Schüler- und Lehrlingsbewegung existierte. Auch die Proteste gegen den Golfkrieg 1991 wurden zumindest in Deutschland überwiegend von Jugendlichen getragen, darunter viele Gymnasiasten. Weiterhin bestand die prodemokratische Protestbewegung in Hongkong 2014, anders als die in ihrer Altersstruktur stärker gemischte derzeitige Massenmobilisierung, vor allem aus sehr jungen Leuten. In den USA trat 2018 eine überwiegend von den Schulen ausgehende jugendliche Protestbewegung auf den Plan, um angesichts tödlicher Amokläufe an Schulen eine restriktive Waffengesetzgebung einzufordern. Aber auch im Lichte dieser Beispiele bleibt festzuhalten, dass die an FFF Beteiligten ein außergewöhnlich niedriges Durchschnittsalter aufweisen.

Die Behauptung, mit FFF ginge praktisch eine ganze Generation auf die Straße, ist angesichts der verfügbaren Zahlen zu bezweifeln.[6] In Deutschland, dem nach absoluten Zahlen wohl mobilisierungsstärksten Zweig der internationalen FFF-Bewegung, beteiligten sich nach Angaben der Organisator:innen am ersten Aktionshöhepunkt der Bewegung am 15. März 2019 rund 300.000 und am 20. September rund 1,4 Millionen Menschen. Auch wenn diese Angaben übertrieben sein dürften, handelt es sich doch um beeindruckende Größenordnungen. Aber es ist, ganz abgesehen von den älteren Beteiligten, doch nur eine Minderheit der Schüler:innenschaft insgesamt aktiv geworden, die – nach Abzug der Grundschulen – immerhin rund 9,3 Millionen Schüler:innen an allgemeinen und berufsbildenden Schulen umfasst.

Auch ist der Eindruck zurückzuweisen, dass mit FFF erstmals eine relevante klimapolitische Bewegung auf den Plan tritt. Mit FFF hat diese Bewegung eine bislang unerreichte Breite und Stoßkraft erlangt, doch ist ihr Mobilisierungserfolg auch Ergebnis der jahrzehntelangen Kärrnerarbeit von umwelt- und klimapolitischen Organisationen, darunter die großen Umweltverbände und spezialisierte Gruppierungen wie Climate Justice Now! und die offensiv gegen die Braunkohleförderung agierende Gruppe Ende Gelände. Nicht zuletzt diese Vorarbeit hat im Verbund mit der international aufgestellten Klimaforschung zu den Beschlüssen der Pariser Klimakonferenz vom Dezember 2015 geführt. Daher ist es auch übertrieben zu behaupten, dass gerade die ganz Jungen sich um die Zukunft des Planeten im Allgemeinen und den Klimaschutz im Besonderen kümmern. Vielmehr werden die Sorgen um die Zukunft altersübergreifend geteilt, wie Befragungen von Protestierenden im Kontext von FFF,[7] aber auch frühere Mobilisierungen für Umweltschutz sowie für Frieden und Abrüstung zeigen.

Ein Unikum bildet allerdings der Sachverhalt, dass mit Greta Thunberg eine damals 15-Jährige eine Protestlawine internationalen Ausmaßes lostreten konnte. Im Vergleich dazu war die Ausstrahlung anderer Ikonen eines überwiegend jugendgeprägten Protests weitaus begrenzter. Das gilt für den charismatischen Aktivisten Xiuhtezcatl Martinez, der 2015 mit 15 Jahren einen Auftritt vor der UN-Versammlung in New York hatte und bald als "Star" der US-amerikanischen Anti-Fracking-Bewegung bezeichnet wurde, wie für Joshua Wong, der 2011 als 14-Jähriger die Hongkonger Bewegung Scholarism gegen die Einführung des ideologisch gefärbten Schulfachs zur "moralischen und nationalen Erziehung" mitinitiierte, 2014 zu einem Wortführer der Regenbogenproteste wurde und heute als wichtiger Protagonist der Demokratiebewegung in Hongkong auftritt. Aber selbst bei FFF zündet der Funke nicht überall. Inspiriert durch Thunberg hatte die 13-jährige Alexandria Villaseñor ab Mitte Dezember 2018 freitags vor dem Sitz der Vereinten Nationen in New York für den Klimaschutz protestiert, war aber mit dieser Aktion monatelang allein geblieben.[8]

Die bisherigen Aktionen von FFF in Form der routineförmigen Freitagsproteste sind konventionell; allerdings erhalten sie durch die Deklaration als "Schulstreik" eine besondere Note. Ein kollektiver "Schulstreik", so in München im Februar 2010, war in der Vergangenheit ein seltenes Ereignis und zielte auf Missstände im Schul- und Bildungssystem. Die mit FFF einsetzenden freitäglichen Schulstreiks fanden dagegen bundesweit statt, galten nicht dem Bildungssystem und wurden fortlaufend ohne Aussicht auf ein absehbares Ende durchgeführt. Damit sorgten sie vor allem in der Anfangsphase der Bewegung für erheblichen Diskussions- und Zündstoff. Teilweise überschattete die Debatte um die Angemessenheit des "Streiks" vor dem Hintergrund der in Deutschland geltenden allgemeinen Schulpflicht das Anliegen des Klimaschutzes. Einzelne Lehrer:innen, Schulleiter:innen und Vertreter:innen der Schulbehörden vertraten eine restriktive Linie, forderten Sanktionen und behaupteten, die Lust am Schulschwänzen sei das eigentliche Motiv der Schüler:innen. Substanzieller war allerdings das Argument, die Hinnahme von Schulstreiks – und sei es auch für einen guten Zweck – öffne den Weg für jegliche Art politischer Agitation während der Schulzeit und könne somit auch von extremistischen Gruppen genutzt werden.

Das Gros der direkt oder indirekt Beteiligten, darunter auch die Mehrheit der Elternschaft, vertrat dagegen einen liberalen Kurs. Dieser umfasste den Verzicht auf rigide Kontrollen, die Akzeptanz von "Krankschreibungen" der Schüler:innen, die an Demonstrationen teilnahmen, zuweilen auch die Legitimation der Teilnahme an Demonstrationen als Teil eines Projektunterrichts. Die protestierenden Schüler:innen entschärften ihrerseits den auf ihnen lastenden Sanktionsdruck, indem sie an vielen Orten davon absahen, wöchentlich zu demonstrieren oder Demonstrationen zeitlich so ansetzten, dass lediglich zwei oder drei Schulstunden betroffen waren.

Im Vergleich zu Bewegungen, die andere Themen und Anliegen vertreten, sind mit Blick auf FFF in Deutschland mehrere Merkmale hervorzuheben: das niedrige Durchschnittsalter, die Herkunft aus Schichten mit hohem Bildungsniveau, der überproportionale Frauenanteil, die weitgehende Informalität der Organisationsstrukturen, die Präsenz in fast allen Regionen, die Internationalität der Bewegung, die relativ enge, Systemfragen weitgehend ausklammernde thematische Begrenzung, der friedliche Charakter der Aktionsformen und die große Unterstützung der Bewegung auch durch etablierte Gruppen und Organisationen. All dies sind keine exklusiven Kennzeichen von FFF, aber machen in dieser Kombination die Bewegung doch ziemlich einzigartig. Vermutlich kommt die Friedensbewegung in der Bundesrepublik in der ersten Hälfte der 1980er Jahre dem Profil von FFF am nächsten. Bewegungen der jüngeren Vergangenheit, darunter Occupy, Pulse of Europe und #unteilbar, entsprechen FFF immerhin zum Teil.

Fußnoten

6.
Vgl. Dieter Rucht, Fridays for Future und die Generationenfrage, in: WZB Mitteilungen 165/2019, S. 6ff.
7.
Vgl. Sommer et al. (Anm. 3).
8.
Vgl. Dorothea Hahn, Der lange Marsch der Aufgeweckten, in: Die Tageszeitung, 19.9.2019, S. 2.
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