Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Dieter Rucht

Faszinosum Fridays for Future

Erfolge, Probleme und Herausforderungen

Während der ersten neun Monate seiner Existenz hat sich der deutsche Ableger von FFF in erstaunlicher Weise entwickelt und gefestigt. Neben den routineförmigen Freitagsdemonstrationen hat die Bewegung mehrfach außerordentliche Anlässe geboten, um Massen zu mobilisieren und mediale Resonanz zu erzeugen. Dazu gehören die internationalen Aktionstage am 15. März und 20. September 2019, die Demonstrationen gegen die Internationale Automobil-Ausstellung in Frankfurt, der zweimalige Besuch Thunbergs in Deutschland, das Sommercamp in Dortmund und die auch von anderen Organisationen unterstützten Proteste (#allefürsklima) gegen den Braunkohleabbau im Großraum Köln-Aachen mit dem Hambacher Forst als einem Brennpunkt der Auseinandersetzung.

FFF hat die Mehrzahl der Herausforderungen bislang gut gemeistert. Die Bewegung blieb bei ihren Kernforderungen und hat der Versuchung widerstanden, ihr Themenspektrum weit zu öffnen. Damit kamen individuelle Motive und Ziele der Bewegung in hohem Maße zur Deckung. Anders als Occupy entwickelte FFF bald eine zumindest nach außen hin geräuscharm funktionierende Kommunikations- und Mobilisierungsstruktur, blieb offen und kooperativ gegenüber externen Unterstützergruppen, vor allem den etablierten Umweltverbänden, und erfuhr durch angelagerte Sympathisantengruppen (Parents/Scientists/Entrepreneurs/Artists/Doctors for Future) eine symbolische wie praktische Verstärkung. Zudem verstand es FFF, vereinzelte Anbiederungen von Trittbrettfahrern wie der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands abzublocken. Vertreter:innen von FFF agierten geschickt bei medialen Auftritten in Interviews und Talkshows. Vor allem aber bot FFF ein weithin überzeugendes Deutungsangebot (Framing)[9] mit seinen Kernelementen der Problematisierung einer Situation, der Identifikation von Verursachern beziehungsweise Schuldigen und der Benennung von notwendigen Schritten und konstruktiven Lösungsmöglichkeiten inklusive der Beschreibung der eigenen Rolle und Mission. Durch FFF wurde die Klimakrise zu einem Spitzenthema der Öffentlichkeit. Die etablierte Politik, allen voran die Bundeskanzlerin, zollte der Bewegung Respekt und begrüßte den durch FFF erzeugten Handlungsdruck. Inwieweit wirksame politische Entscheidungen folgen werden, bleibt abzuwarten. Die Beschlüsse des "Klimakabinetts" vom September 2019 blieben weit hinter den Erwartungen zurück und könnten deshalb FFF weitere Schubkraft verleihen.

Trotz aller bisherigen Pluspunkte ist nicht sehr wahrscheinlich, dass der Höhenflug von FFF einfach fortgesetzt werden kann. Probleme und Herausforderungen zeichnen sich in mehrfacher Hinsicht ab: Bezogen auf seine Organisation und interne Verfassung wird FFF kaum umhinkommen, sein Stadium der Informalität und Improvisation ein Stück weit zu überwinden und sich stärker zu strukturieren. Dazu bedarf es mehr Transparenz über Kompetenzen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungen einzelner Personen und Gruppen, nicht zuletzt auch einer Rechtsform, die es erlaubt, finanzielle Transaktionen in eigener Regie und in eigenem Namen zu tätigen. Das muss, wie andere Bewegungen gezeigt haben, nicht in Vereinsmeierei münden. Aber solche Schritte werden doch interne Spannungen erzeugen, wenn zum Beispiel Zielkonflikte zwischen schnellen und klaren Entscheidungen einerseits und basisdemokratischen Prinzipien andererseits anstehen.

Für jede über einen längeren Zeitraum existierende Bewegung stellt sich die Herausforderung, ihrer Veralltäglichung und Entzauberung entgegenzuwirken. Das Repertoire von Originalität und Kreativität ist begrenzt. Begeisterung und damit verbundene Opferbereitschaft sind nur für einen relativ kleinen Kreis auf Dauer zu stellen. Der hohe Zeit- und Energieeinsatz, den ein Kern von Basisaktivist:innen derzeit zu leisten bereit ist, kann schnell zu einem Burnout führen, den größere Organisationen durch eine professionalisierte und bezahlte Mitarbeit auffangen. Die jugendliche Trägerschaft von FFF hat auch eine Kehrseite: Jugendliche neigen zu Formen des situativen Engagements.[10] Sie weisen instabile Interessenlagen auf, und hinzukommt, dass die Schule und damit verbundene Peergroups nur eine Durchgangsstation bilden.

Zu einem weiteren Problem kann sich auch die inhaltliche Ausrichtung entwickeln. Bisher erwies sich die Beschränkung der Themen und Forderungen von FFF auf ein – allerdings breites – Politikfeld als Vorteil, weil sie für ein klares Profil sorgte. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass die von der Klimakrise inspirierte Kritik allmählich von punktuellen Forderungen zu grundsätzlicheren Fragen führt: nach der Verflechtung politischer und wirtschaftlicher Eliten, der Begrenzung marktwirtschaftlicher Dynamiken durch eine straffe Ordnungspolitik, der Reichweite und Akzeptanz von Verboten, schließlich auch der angeblichen Alternativlosigkeit eines kapitalistisch getriebenen Wirtschaftswachstums. Die Antworten auf derartige Fragen werden innerhalb von FFF unterschiedlich ausfallen. Sie können eine Quelle von Spannungen und Differenzierungsprozessen bilden, am Ende sogar zu Abspaltungen führen, wie es die Geschichte zahlreicher sozialer Bewegungen lehrt.

In enger Verbindung mit der Frage nach der inhaltlich begründeten Eingriffstiefe angestrebter gesellschaftlicher und politischer Zielsetzungen steht die Frage nach den angemessenen Strategien. Radikale Zielsetzungen sind häufig, aber nicht zwangsläufig, mit der Wahl offensiver beziehungsweise radikaler Mittel des Protests verbunden – vor allem dann, wenn bei einer Festlegung auf harmlose Aktionsformen sichtbare Erfolge ausbleiben, zugleich aber Zeitdruck beschworen wird, dessen Missachtung irreversible globale Schäden nach sich ziehen würde. FFF wird sich also der Frage stellen müssen, ob es weiterhin auf Information, Aufklärung und regelkonforme Aktionen setzt und/oder zu offensiven Protestformen einschließlich zivilen Ungehorsams übergeht. Auch wenn entgegen manchen Behauptungen die Praxis des wohl verstandenen zivilen Ungehorsams keineswegs eine Vorstufe zur Protestgewalt darstellt, so markiert sie doch einen qualitativen Schritt, den viele nicht mitzugehen bereit sind, sei es aus prinzipieller Gesetzestreue, sei es aus Furcht vor Sanktionen. Die Existenz von klimapolitisch engagierten Gruppen, die zivilen Ungehorsam propagieren und praktizieren, wird sowohl einzelne Aktivist:innen als auch FFF als organisatorischen Verbund zu einer Positionierung nötigen, die kaum ohne Streit verlaufen dürfte. Die Hinwendung zu einer radikaleren Haltung, zuletzt sichtbar bei Thunbergs "Wutrede" vor der New Yorker UN-Klimakonferenz, mag innerhalb von FFF begrüßt werden, hat aber aufgrund ihrer Tonlage zahlreiche kritische Kommentare provoziert.

Die Diagnose einer "Bewegung auf der Kippe"[11] erscheint vorschnell, aber es ist doch wahrscheinlich, dass sich die bisherige Flughöhe allmählich verringern wird. Dem Erfolgsrausch als Agenda-Setter folgen die Mühen alltäglicher Organisationsarbeit innerhalb und außerhalb von FFF. Zu rechnen ist mit einem sinkenden Erregungsgrad, einem nachlassenden medialen Interesse, kritischeren Selbst- und Fremdbildern, einer Zunahme interner Meinungsverschiedenheiten, einer Abkehr von vollmundigen Forderungen wie der nach einem "Generalstreik". Auch wird sich der Mythos von der Politisierung einer ganzen Generation nicht halten können. All dies ändert nichts an dem Verdienst von FFF, die überfällige gesamtgesellschaftliche Politisierung der Klimafrage in die Wege geleitet zu haben. Ein baldiges Ende der Bewegung ist nicht in Sicht.

Fußnoten

9.
Vgl. dazu Dieter Rucht/Moritz Sommer, Fridays for Future, in: Internationale Politik 4/2019, S. 121–125.
10.
Vgl. Rainer Paris, Moderne Protestmentalität und politisches Engagement, in: Leviathan 3/1989, S. 322–336.
11.
Peter Grottian, Bevor der Protest zur Staffage wird: Schmiedet endlich Bündnisse!, 4.9.2019, http://www.fr.de/meinung/-12969702.html«.
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