Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Frank Uekötter

Kleine Geschichte der Klimadebatte

Boom der Klimaforschung

Vor dem Hintergrund dieser Erwartungen wurde die globale Klimaforschung zu einer der großen Erfolgsgeschichten der modernen Wissenschaft. Es gab zwar ein paar peinliche Fehlleistungen, die von einschlägigen Interessenten grell ausgeleuchtet wurden, aber letztlich zeigte das eher die wachsende Verzweiflung der Skeptiker. Vor der Jahrtausendwende gab es noch Wissenschaftler, die die Forschung mit gut begründeten Zweifeln herausforderten, aber danach wuchs die Gewissheit, während sich die Kritiker mit schrillen Tönen um Kopf und Kragen redeten. Irgendwann machten sie sich nicht einmal mehr die Mühe, eigene Hypothesen aufzustellen, die man mit den Mitteln der Wissenschaft überprüfen konnte, und konzentrierten sich ganz auf das Streuen ätzender Zweifel.

Gerne klagen Klimaforscher über die Hartnäckigkeit der Skeptiker, aber darin hallt auch das Triumphgeheul der Gewinner nach. Inzwischen ist das Leugnen des Klimawandels nur noch ein politisches Problem, und man muss eher Sorgen haben, dass sich die Forscher im Siegesrausch einen gehörigen Schwips antrinken. Weniger augenfällig war ein Sieg der Wissenschaft an einer anderen Front. Es gab neben den Skeptikern auch forsche Experten mit einfachen Lösungen, die man erst einmal im Zaum halten musste. Der Ozeanograf John Martin prahlte 1988, er könnte mit einem halben Tanker voller Eisen eine neue Eiszeit auslösen. Das Eisen würde zu einem schnellen Wachstum des Phytoplanktons im südlichen Polarmeer führen und dadurch die Sequestrierung von Kohlendioxid im Ozean auf Touren bringen.[9] Das Geoengineering ist als Option weiterhin im Spiel, aber bislang ist klar, dass es dafür eines breiten Konsenses und einer Sensibilität für Nebenwirkungen bedarf.

Kritische Entwicklungen gab es in der Forschung vor allem im Globalen Süden, und sie hatten weniger mit kognitiven Unsicherheiten zu tun als mit den ungeplanten Nebenfolgen gutgemeinter Politik. Während westliche Gesellschaften problemlos große Forschungszentren für Klimaforschung finanzieren konnten, sah das in armen Ländern anders aus. Die Soziologin Anita Engels hat für den Senegal gezeigt, wie knappe Ressourcen aus lokal wichtigen Forschungsprojekten abgezogen wurden, weil das Land gemäß Kyoto-Protokoll ein eigenes Klimakonzept entwickeln musste, auch wenn es nur ein paar Millionstel der globalen Treibhausgase produzierte.[10] Der globale Kampf gegen die Wüstenbildung, der ebenfalls auf einer Rio-Konvention basiert, blieb notorisch unterfinanziert, und es ist offen, ob die geplanten Hilfsprogramme für Klimaadaption daran etwas ändern werden.

Inzwischen kämpft die Klimaforschung zunehmend mit dem Problem, dass sie an die Grenzen ihres Erfolgsmodells gelangt. Bei der Problemdiagnose geht es nur noch um graduelle Verbesserungen, die sich begrenzt zur fachwissenschaftlichen Profilierung eignen, und Fragen der Klimaadaption und Klimagerechtigkeit entziehen sich einer Beantwortung, die in vertrauter Weise auf die Instrumente der naturwissenschaftlichen Forschung setzt. Zugleich geht es bei der Klimaadaption um viel Geld. Es bleibt abzuwarten, wie viel Finanzmittel nach dem Klimaabkommen von Paris für den Umgang mit Schäden zur Verfügung stehen werden, aber Verteilungskonflikte und ungeplante Nebenfolgen sind vorprogrammiert. Vom Abglanz der Aufklärung wird nicht viel übrigbleiben, wenn es um Entscheidungen über Milliardenetats geht, und im schlimmsten Fall droht die Rückkehr der Entwicklungshilfe mit der Gießkanne.

Das größte Problem der Klimaforschung bleibt freilich die Kluft zwischen Wissen und Handeln. Das Schneckentempo der Politik ist immer schwerer zu ertragen, von den reaktionären Zumutungen eines Donald Trump oder Jair Bolsonaro einmal ganz zu schweigen, und am Ende lockt die Versuchung der rhetorischen Eskalation. Wenn alle Metaphern ausgelaugt und die moralischen Ressourcen erschöpfend zitiert sind, bleibt nur noch die Flucht in Visionen, bei denen auch dem aufgeklärten Zeitgenossen ein wenig mulmig wird. Rich spricht in seinem Buch von "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" und internationalen Tribunalen, von Wahrheitskommissionen, Reparationen und Verstaatlichung der Energieindustrien und fügt hinzu, dass all dies natürlich nicht genug wäre, um den moralischen Makel wieder gut zu machen.[11] Es spricht nur wenig dafür, dass eine Politik, die vor allem eine kollektive Schuld abarbeiten möchte, dem klassischen Politikstil westlicher Gesellschaften überlegen ist. Eine Politik ohne Augenmaß und Effizienzkalküle ist nicht ohne Risiko, und das erst recht, wenn es trägen Konsumbürgern an den Kragen geht. Außerdem gibt es eine Menge Menschen, die durchaus umweltbewusst und zu Selbstkritik fähig, aber gerade so gar nicht in Kreuzzugsstimmung sind.

Schluss

So ist die populäre Erzählung des Nathaniel Rich nicht nur ein Beispiel für schlechte Geschichtsschreibung. Sie dokumentiert auch eine fatale Zweiteilung, die sich in der Klimadebatte mit zunehmender Schärfe abzeichnet. Da gibt es auf der einen Seite das Heer der Berater und Kommentatoren, die sich mit der realen Politik mit all ihren Halbherzigkeiten und Problemen herumschlagen. Auf der anderen Seite gibt es die moralische Klarheit einer imaginierten Klimapolitik, wie sie sein sollte oder hätte sein sollen. Es ist eine warme Vision, frei von mächtigen Interessen, trägen Konsumenten und kognitiven Zweifeln. Sie liefert das gute Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Aber vielleicht ist eine solche Vision nicht unbedingt das, was wir im globalen Treibhaus brauchen?

Das Basteln mit Modellen gehört zur Klimaforschung, aber in der Klimageschichte läuft Modellieren leicht auf Teleologien à la Nathaniel Rich hinaus, die alles, was irgendwie nicht den Erwartungen entspricht, aus der historischen Erzählung herausbügeln. So könnte der Nutzen der Klimageschichte nicht zuletzt darin bestehen, ein Stachel gegen Vereinfachungen und trügerische Gewissheiten zu sein. Die Klimaforschung baut auf Vorarbeiten von Menschen auf, die noch keine globale Erwärmung kannten. Klimapolitik setzt in einer Weise auf nationalstaatliche Regierungen, die letztlich nur historisch zu erklären ist, während wohlmeinende Moralisten ein Eigentor nach dem anderen schießen. Zusammengehalten wird das Ganze von einer globalen Vision, die sich im Kalten Krieg neben lokale und regionale Wahrnehmungsmuster drängte, die freilich nicht verschwanden. Und vielleicht erleben wir gerade einen erneuten Perspektivwechsel, weil mit der Klimaadaption verstärkt die regionalen Spezifika in den Fokus rücken. Es wäre nicht die erste unerwartete Wendung in der Geschichte der globalen Klimadebatte.

Fußnoten

9.
Vgl. John Weier, John Martin (1935–1993), 10.7.2001, https://earthobservatory.nasa.gov/features/Martin«.
10.
Vgl. Anita Engels, Die geteilte Umwelt, Weilerswist 2003.
11.
Vgl. Rich (Anm. 5), S. 195f.
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