Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Harald Welzer

Wissen wird überbewertet. Nachhaltigkeitstransformation ist eine Sache der Praxis - Essay

Reaktanz

Sozialpsychologisch bedeutsame historische Sachverhalte wie diese bringen schlechte Nachrichten, etwa aus den Klimawissenschaften, in ein eigentümliches Spannungsverhältnis zur gelebten Wirklichkeit. Denn jedes Datum, jedes Diagramm, jede flammende Rede von Klimaforschern wie Mojib Latif oder Hans Joachim Schellnhuber werden als Bedrohung der gewohnten Lebensweise interpretiert. Je ernster sie genommen werden, desto weniger gleichgültig wirken sie. Paradoxerweise entfalten schlechte Nachrichten aus der Wissenschaft das Gegenteil der gewünschten Wirkung: Angst und Verlustaversion führen nicht zur Veränderung von Lebensstilen und Kulturmodellen, sondern zu einem umso intensiveren Festhalten an ihnen – gerade dann gilt es, noch das Maximale herauszuholen! Wie anders wäre zu erklären, dass etwa Autos seit Bekanntwerden der Klimaproblematik nicht etwa kleiner und sparsamer, sondern immer größer und ressourcenbedürftiger geworden sind? Dasselbe gilt mutatis mutandis für die Tourismusformen, die in ihren Spielarten vom E-Mountain-Bike bis zur Arktis-Kreuzfahrt expansiv und eskapistisch wie niemals zuvor sind. Psychologisch gesprochen: Die datengestützte Aufforderung zur Änderung des hyperkonsumistischen Lebensstils erzeugt Reaktanz, die Leute machen das exakte Gegenteil des Erwünschten.

Damit hat die einzige wissenschaftsgläubige Gruppierung der Gesellschaft nicht gerechnet. Denn es sind ja ausschließlich Angehörige des Betriebssystems Wissenschaft, die infolge einer déformation professionnelle glauben, dass Wissen Handeln anleite – und diesen Glauben leicht an der eigenen Praxis widerlegt sehen könnten, denn sie sind ja in der Regel Vielflieger und als Besserverdienende routinierte Praktiker ressourcenintensiver Lebensstile.

Es wäre mithin dringend an der Zeit, mit dem Mahnen und Warnen aufzuhören. Nicht nur, weil es habituell und biografisch bei jenen längst eingepreist ist, die seit mehreren Jahrzehnten denselben Mahnungen und Warnungen ausgesetzt sind, ohne dass sich am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Betriebssystem in der Entwicklungsrichtung auch nur das Geringste geändert hätte. Sondern auch, weil der Wille zum Weltverbrauch mit der Intensität der Mahnungen und Warnungen nicht ab-, sondern zunimmt.

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