Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Harald Welzer

Wissen wird überbewertet. Nachhaltigkeitstransformation ist eine Sache der Praxis - Essay

Bedingungen des Pfadwechsels

Solange dieses Betriebssystem, nennen wir es das expansive Kulturmodell, ungebrochen vorherrscht, kann und wird es keinen Pfadwechsel hin zu nachhaltigen und klimaschützenden Wirtschafts- und Lebensformen geben. Worüber wir bei all dem sprechen, sind nicht Wille und Vorstellung, sondern Praxisformen, die Welt gebrauchen, gestalten und Weltverständnisse anleiten. Gut marxistisch formuliert: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Um die Herausforderungen durch einen drohenden gefährlichen Klimawandel und auch aller anderen gleichermaßen dringlichen ökologischen Krisenerscheinungen anzunehmen und zu bewältigen, ist ein Pfadwechsel hin zu einem reduktiven Kulturmodell unabdingbar. Das geht nicht idealistisch per Bewusstseinsbildung, sondern durch die sich verändernde Praxis selbst. Auch wenn es sich tautologisch anhört, die Diffusionsforschung zeigt genau das: Wenn man ein Nutzungsangebot macht, dass besser als das konventionelle Angebot ist, entscheiden sich die Menschen dafür – und zwar ohne, dass der Aspekt der Nachhaltigkeit für diese Entscheidung eine Rolle spielen müsste. Das beste Beispiel dafür ist die Schweizer Bahn, die von den Bürgerinnen und Bürgern intensiv genutzt wird und zur relativ geringsten Pkw-Nutzung in Europa führt, weil sie hinsichtlich Komfort, Service und Zuverlässigkeit das beste Mobilitätsangebot darstellt. Dass es das klimafreundlichste ist, stellt für die Nutzer einen Kollateralnutzen dar, den sie begrüßen können oder der ihnen egal ist.[1]

Die Nachhaltigkeitstransformation ist eine Kombinatorik aus gelungenen und gelingenden Praktiken solcher Art, eine heterotopische Transformation – schließlich bauen wir ja auf vielen Elementen auf, die wie die Gewaltenteilung, das Wahlrecht oder die Rechtsstaatlichkeit bewahrt und gerade nicht verändert oder gar aufgegeben werden sollen. Deshalb geht es auch um keine "große Transformation", sondern um ein modulares Projekt aus sehr vielen kleinen Transformationen, die im Idealfall zusammenwirken und konkrete Utopien bilden. Zudem haben uns das 20. Jahrhundert genauso wie technische Großutopien wie die gefahrlose Nutzung der Atomenergie darüber belehrt, dass Masterpläne zur Beglückung der Menschheit in der Regel tödliche Folgen haben. Das zivilisatorische Projekt ist nicht geschlossen, sondern offen, und es hat weder ein vorab fixiertes Endziel noch gar eine endgültige Lösung. Es muss unter sich verändernden Bedingungen und Anforderungen flexibel weiterbaubar sein, mit Fehlern und Kollateralschäden rechnen, also korrigierbar sein.

Daher darf es, im Unterschied zur alten Moderne, kein Expertenprojekt sein, das technische und wissenschaftliche Eliten entwerfen und das die Politik dann über die Lebenswelt legt, sondern es muss in den Lebenswelten entworfen und erprobt werden. Nie gab es in den westlichen Gesellschaften mehr Gruppen, Initiativen, Genossenschaften, Kollektive, die sich anderen Wirtschafts- und Lebensstilen verschrieben haben, als heute – aber eben nicht in Gestalt großer Theoriegebäude, Manifeste und Symbole, sondern in praktischer Arbeit vor Ort. "Transition Towns" als Spielfelder neuer lokaler Wirtschaftsweisen gibt es weltweit genauso wie "Urban Gardening", beides Formen der Rückeroberung des öffentlichen Raums zu sozialen und ökologischen Zwecken. Hinzu kommen Repair-Cafés, Bürgergenossenschaften, Unverpackt-Läden, solidarische Landwirtschaften, Gemeinwohlökonomie-Unternehmen, Wohnprojekte und Ökodörfer – sämtlich Experimente in konkreter Utopie. Sie überzeugen nicht dadurch, dass es schön wäre, wenn es sie gäbe, sondern dadurch, dass es sie gibt, dass man sie anschauen, ausprobieren, erleben kann.[2] Solche Labore künftigen Wirtschaftens und Lebens haben den großen Vorteil der Anschaulichkeit. Mit Erik Olin Wright geht es darum, "in den Räumen und Rissen innerhalb kapitalistischer Wirtschaften emanzipatorische Alternativen" aufzubauen und um ihre Verbreitung zu kämpfen.[3]

Fußnoten

1.
Für weitere Beispiele vgl. Michael Kopatz, Ökoroutine, München 2017; ders., Schluss mit der Ökomoral, München 2019.
2.
Die Stiftung Futurzwei hat darüber eine Fülle von Geschichten des Gelingens publiziert, siehe futurzwei.org.
3.
Erik Olin Wright, Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus, Berlin 2017, S. 12.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Harald Welzer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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