Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Harald Welzer

Wissen wird überbewertet. Nachhaltigkeitstransformation ist eine Sache der Praxis - Essay

Konkrete Utopie: Die autofreie Stadt

Macht es tatsächlich Sinn, dass die sozialen Orte mit der größten Konzentration an Menschen, die sie bewohnen, ausgerechnet durch Infrastrukturen bestimmt sind, die weitgehend auf ein einziges Mobilitätsfeature, das im 19. Jahrhundert erfundene Automobil, ausgelegt sind? Oder wäre es nicht gerade angesichts des Wachsens der Städte und des steigenden Bedarfs an Wohnraum viel intelligenter, diese anachronistischen Verkehrsmittel einfach abzuschaffen? In einer extrem teuren Stadt wie München werden mehr als zwölf Prozent der Stadtfläche mit parkenden Autos belegt, die im Durchschnitt höchstens eine Stunde am Tag genutzt werden. Wenn sie allerdings genutzt werden, steigt der Flächenbedarf um ein Vielfaches, und dies, um in der Regel eine einzige Person irgendwohin zu transportieren. Rechnet man die Straßen zu den Parkflächen, die Parkhäuser, Tankstellen, Autohäuser und Drive-ins, bemerkt man sofort, wieviel teuerste Flächen dem fossilsten aller Verkehrsmittel ganz selbstverständlich zur Verfügung gestellt werden. Ampeln, Zebrastreifen, Unterführungen, Lärmschutzwände kanalisieren den Bewegungsraum in der Stadt, Feinstaub, Lärm, Abgas schädigen Gesundheit und Klima.

Vielleicht ist es nicht smart, aber dafür klug, über die analoge Stadt nachzudenken. Ein Effekt digitaler Kommunikation ist ja die zunehmende Atomisierung der Einzelnen durch Filterblasen. Das ist für Demokratie höchst problematisch, da diese auf den zwanglosen Zusammenhalt ihrer Bürgerinnen und Bürger baut, die dafür an etwas Gemeinsamem teilhaben müssen. Eine durchdigitalisierte Kommunikation ist, kurz gesagt, nicht demokratiefähig. Was wäre, wo digitale Kommunikation nun einmal in der Welt ist, eine geeignete Maßnahme gegen die zunehmende Vereinzelung? Die Schaffung analoger Räume. Wenn es hinreichend Orte und Gelegenheit des nicht virtuellen, sondern ganz und gar realen physischen Zusammenkommens gäbe, würde Demokratie wieder verlebendigt. Eine wesentliche Verunmöglichung zwangloser Begegnung in der Stadt von heute ist der Verkehr und die zugehörigen Infrastrukturen. Beides schickt die Bürgerinnen und Bürger, insbesondere Kinder, in beschränkte Areale, wo sie sich einzufinden haben, wenn sie nicht überfahren werden wollen: Bürgersteige, Unterführungen, Parkanlagen, Plätze, sofern sie autofrei sind.

Wie würde eine Stadt funktionieren, in der es weder Autos noch Autostraßen, Ampelanlagen, Zebrastreifen, Parkplätze und -häuser oder Verkehrsschilder gäbe? Zunächst einmal gäbe es weniger Tote und Verletzte sowie weniger Lärm, weniger Emissionen, weniger Feinstaub, weniger Aggressivität. Eine solche Stadt wäre auch eine der Wiederentdeckung des öffentlichen Raums als Ort der Begegnung. Wenn man auf Wegen frei flanieren, ja sogar Kinder unbesorgt herumlaufen lassen kann, wenn kostbare Flächen nicht mehr fürs Parken und Fahren reserviert werden müssen, ergibt sich die Chance auf Zurückeroberung des Gemeinguts "Boden" – alles, was bislang für die Autos und ihre Infrastrukturen vorgehalten wird, kann als Allmende im städtischen Besitz umgenutzt werden. Das nennt man "Bodenvorratspolitik" – endlich könnte eine Kommune wieder über Boden zur Bebauung mit Sozialwohnungen, Gebäuden mit Zweckbindung und ökologischen Standards verfügen.

Durch das Verschwinden der Autos haben wir eine wunderbare Verknüpfung von sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Das Leben wird besser und demokratischer mit weniger Aufwand und Verbrauch. Und noch etwas: Der öffentliche Verkehr, ein modulares System aus Fahrrad, Rufbus, Linienbus, Tram, S-Bahn, Regional- und Fernbahn kann mithilfe der Digitalisierung ein höchst fein abgestimmtes, benutzer- und umweltfreundliches Gewebe werden. Wenn man diesen Verkehr kostenlos macht, was durch den Wegfall der Subventionen für die Autoindustrie und die automobile Infrastruktur nicht einmal utopisch ist, ist neben dem kulturellen und dem Nachhaltigkeitsziel gleich noch eine sozialpolitische Utopie erreicht: die unterschiedslose Teilhabemöglichkeit an Mobilität. Die autofreie Stadt als konkrete Utopie ist also demokratischer, nachhaltiger und sozialer als die Autostadt. Auf diese Weise wird Klimaschutz praktisch etabliert, lebt sich als besserer Lebensstil, als Normalität ein. Um klimafreundlich zu leben, muss man das Klima nicht im Sinn haben.

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