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Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Heike Göbel

Der Markt als Verbündeter im Klimaschutz - Essay

Klimaschutzpotenzial des Marktes

Dazu muss man kurz die ökonomische Theorie bemühen. Angebot und Nachfrage werden in einer Marktwirtschaft über Preise koordiniert. Ein steigender Preis liefert den Marktteilnehmern den Hinweis, dass ein Gut knapp ist. Produzenten können das zum Anlass nehmen, von der begehrten Ware mehr herzustellen, Kunden überlegen, ob sie auf günstigere Alternativen ausweichen. Das hat den enormen Vorteil, dass es keine zentrale Planungsinstanz braucht, um die Wünsche der Menschen zu erkunden und sie mit dem Angebot der Wirtschaft zusammenzubringen. Ein Marktsystem ist überdies sehr flexibel. Es basiert tagtäglich auf unzähligen freien Entscheidungen aller Teilnehmer, die diese natürlich im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten treffen.

In den Marktpreisen sind aber etwaige Kosten für unerwünschte Folgen der Produktion oder des Gebrauchs eines Gutes für die Allgemeinheit nicht automatisch enthalten. Volkswirte sprechen von negativen externen Effekten.[1] Sie haben Modelle entwickelt, wie sich diese Schäden an Umwelt, Natur und Gesundheit in den Preis einbeziehen lassen. Hersteller und Verbraucher tragen dann als Verursacher die Kosten, und so entsteht ein Anreiz, schonendere Produkte anzubieten beziehungsweise zu kaufen.

Ökonomen sind sich schon länger weithin einig, dass nach diesem Prinzip auch Klimaschutz erfolgen sollte. Da übermäßiger Ausstoß von Kohlendioxid nach Erkenntnissen der Klimaforschung zum unerwünschten Anstieg der Erdtemperatur beiträgt, sollen die Emittenten dafür zahlen. Bekommt der Ausstoß klimaschädigender Treibhausgase, allen voran des Kohlendioxids, einen Preis, werden Waren und Dienstleistungen, die viel CO2 ausstoßen, teurer. Das dämpft die Nachfrage, denn Nutzer und Anbieter suchen nach Wegen, die zusätzlichen Kosten zu vermeiden.

Zwei Lösungskonzepte stellt die ökonomische Theorie für eine solche Bepreisung zur Verfügung: eine CO2-Steuer auf Schadstoffemissionen oder einen Emissionshandel. Im Fall der Steuer legt die Politik den Preis für jede ausgestoßene Tonne Kohlendioxid fest – mit dem Ziel, dass die höheren Kosten nach und nach zur gewünschten CO2-Senkung führen. Wie hoch die Steuer sein muss, damit sie in der Volkswirtschaft genügend Wirkung entfaltet, ohne die Konjunktur abzuwürgen, ist vorab schwer zu sagen. Die Schmerzgrenze des Verbrauchers hängt von seinen Präferenzen und finanziellen Möglichkeiten ab. Wie hoch die "Strafe" sein muss, damit ein Pendler auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigt oder ein Elektroauto kauft, weiß die Regierung nicht. Sie muss sich auf eine Phase von Versuch und Irrtum einstellen.

Das zweite Modell funktioniert, indem eine Regierung eine Obergrenze für den noch zulässigen Ausstoß an Treibhausgasen auf ihrem Gebiet definiert. In diesem Umfang gibt sie "Verschmutzungsrechte" aus, die die CO2-verursachenden Unternehmen für jede Tonne ersteigern müssen. Über diese Auktionen bildet sich ebenfalls ein Preis. Hier hat die Politik die Reduktion fest in der Hand, allerdings weiß sie nicht, welche wirtschaftlichen Risiken ein fester CO2-Deckel birgt, der Branchen und Konsumenten ganz unterschiedlich treffen kann.

Entscheidender Vorteil beider Modelle: Der Ausstoß an Treibhausgasen wird zunächst dort gesenkt, wo volkswirtschaftlich die geringsten Kosten entstehen. Klimaschutz erfolgt dann im Idealfall dort, wo er am wirtschaftlichsten ist und den Wohlstand der beteiligten Länder insgesamt am wenigsten dämpft.[2] Weitere Eingriffe der Politik braucht es der Theorie nach nicht. Wo die Tonne CO2 eingespart wird, ist für den Klimaschutzeffekt unerheblich.

Fußnoten

1.
Vgl. Hans-Werner Sinn, Das grüne Paradoxon, Berlin 2008.
2.
Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Aufbruch zu einer neuen Klimapolitik, Sondergutachten – Kurzfassung, Wiesbaden 2019, S. 1ff.
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