30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Heike Göbel

Der Markt als Verbündeter im Klimaschutz - Essay

Theorie und Praxis

Ökonomen streiten noch darüber, welches Instrument effektiver ist, auch gibt es Vorschläge, Steuer und Zertifikatehandel zu kombinieren, um die Gefahr unerwünschter wirtschaftlicher und sozialer Nebenwirkungen zu bannen.[3] Das plant die Bundesregierung nun auch in ihrem Klimaschutzprogramm 2030. Denn dass ein CO2-Preis die gesamtwirtschaftlichen Klimaschutzkosten minimiert, heißt nicht, dass einzelne Branchen oder bestimmte Verbrauchergruppen nicht stärker als andere belastet werden können und Wohlstandsverluste erleiden. Um die aus dem CO2-Preis entstehenden Verteilungsfragen muss sich die Politik kümmern, um die Zustimmung für den Klimaschutz zu bewahren.

Die Krux liegt aber zunächst darin, den Preis oder die Menge so festzulegen, dass am Markt der gewünschte Effekt erzielt wird: den CO2-Ausstoß im Rahmen dessen zu halten, was zur Abwendung eines übermäßigen Temperaturanstiegs auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse geboten scheint. Diese Festlegung ist Aufgabe der Politik. Wie schwierig sie ist, zeigt die diskutierte Preisspanne für eine Tonne CO2: Der Klimaökonom William Nordhaus hat ausgerechnet, dass eine Tonne eigentlich rund 275 US-Dollar kosten müsste.[4] Im EU-Emissionshandel waren es 2019 rund 30 Euro. Die Bundesregierung will mit 10 Euro starten.

International hat sich Deutschland im Klimavertrag von Paris 2015 zu dem Ziel verpflichtet, die Erdtemperatur bis Ende des Jahrhunderts um höchstens zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit ansteigen zu lassen. Allerdings ist es politisch unrealistisch, die mehr als 190 Vertragsstaaten unter ein abgestimmtes Preisregime zu bringen. Das wäre am besten, um den Klimanutzen zu sichern, ohne den weltweiten Wohlstand zu gefährden; je besser die Arbeitsteilung funktioniert, desto effizienter und preisgünstiger der Klimaschutz.

Klimaschutz ist aber sehr anfällig für Trittbrettfahrer. Der Beitrag der meisten Länder ist für sich genommen zu gering, um die Erderwärmung zu beeinflussen. Auch Deutschland als viertstärkste Wirtschaftsmacht der Welt (gemessen am BIP) hat nur rund zwei Prozent Anteil an den jährlichen menschengemachten globalen Treibhausgasemissionen. Die größten Emittenten sind China (29 Prozent), die USA (14 Prozent) und Indien (7 Prozent).[5] Außerdem werden die befürchteten Folgen eines Temperaturanstiegs nicht überall gleichermaßen zu spüren sein. Es gibt also einen großen Anreiz, nicht mitzumachen und der eigenen Wirtschaft Kosten- und damit Wettbewerbsvorteile zu sichern.

Daher plädieren Klimaökonomen für Koalitionen der Willigen, die mit der CO2-Bepreisung vorangehen, in der Hoffnung, dass sich im Wettbewerb der Konzepte zeigt, was funktioniert und was nicht – und sich die unterschiedlichen Ansätze nach und nach zusammenführen lassen. Was den Emissionshandel angeht, liegt die EU vorne, die 2005 ein Emissionshandelssystem (ETS) eingerichtet hat, das den Ausstoß dreier Sektoren – Industrie, Energieversorger und innereuropäischer Flugverkehr – begrenzt. Es umfasst damit rund 40 Prozent (2017) der Treibhausgasemissionen der EU.[6] Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds testen mittlerweile schon 50 Länder Formen der CO2-Bepreisung, im Durchschnitt aber nur mit zwei US-Dollar je Tonne.[7]

Fußnoten

3.
Vgl. Christian Traeger et al., Das Flexcap – eine innovative CO2-Bepreisung für Deutschland, in: ifo-Schnelldienst 18/2019, S. 38–45.
4.
Vgl. Patrick Bernau, Wie teuer ist der Klimaschutz?, 2.6.2019, blogs.faz.net/fazit/2019/06/02/wie-teuer-ist-der-klimaschutz-10737.
5.
Vgl. Andreas Mihm, 53.500.000.000 Tonnen Kohlendioxid, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 29.11.2018, S. 28.
6.
Vgl. Wilfried Rickels/Sonja Peterson/Gabriel Felbermayr, Schrittweise zu einem umfassenden europäischen Emissionshandel, Institut für Weltwirtschaft, Policy Brief 127/2019.
7.
Vgl. Martin Lanz, Der Währungsfonds hat ein Rezept gegen den Klimawandel, in: Neue Zürcher Zeitung, 12.10.2019, S. 7.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Heike Göbel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.