Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Reiner Grundmann

Die Wissenschaften in der Klimadebatte - Essay

Ausblick

Politiker benutzen viele verschiedene Arten von Information als Grundlage für ihre Entscheidungen, nicht nur wissenschaftliche. Die von ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen müssen potenzielle Wähler ansprechen. Daraus folgt, dass eine Klientel, die auf ambitionierte Klimapolitik drängt, die wichtigste Komponente der Entscheidungsfindung sein kann, egal ob die Wissenschaft von sich meint, sie hätte gesicherte Erkenntnisse oder nicht. In diesem Sinne hat die Präsenz der Grünen in der deutschen Politik vermutlich mehr erreicht als die Klimawissenschaft. Deren Einzug ins Parlament 1983 signalisierte den etablierten Parteien, dass Umweltpolitik zum Mainstream wird.[31] Ähnliches könnte durch die Bewegung Fridays for Future angestoßen werden.

Doch es gibt auch andere Klientelen, zum Beispiel wirtschaftliche Interessengruppen oder Wähler, die durch Klimapolitik verursachte höhere Kosten ablehnen.[32] Der Protest der französischen "Gelbwesten" zeigte die problematischen sozio-ökonomischen Aspekte der Klimapolitik auf. Regierungen versuchen, beiden Perspektiven, den ökologischen und ökonomischen, Rechnung zu tragen. Das Klimaproblem ist kein allein technisches Problem, für das es eine klare Lösung gibt.[33]

Aufgrund der globalen Dimension des Problems sind internationale Abkommen erforderlich. Die Geschichte der internationalen Klimapolitik zeigt eine unterschiedliche Bereitschaft von Staaten zu effektiver Klimapolitik. Es ist im Interesse jedes Landes, Treibhausgasemissionen global zu begrenzen und gleichzeitig die Kosten dafür so weit wie möglich auf andere abzuwälzen.[34] Im Pariser Abkommen von 2015 verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten, Maßnahmen der Klimapolitik zu entwickeln. Diese werden verifiziert und in einem Fünfjahresrhythmus evaluiert. Es gibt keinen Sanktionsmechanismus beim Verfehlen der Ziele. Länder, die ihre selbst gesteckten Ziele verfehlen oder zu wenig ambitioniert sind, werden wahrscheinlich an den Pranger gestellt werden. Klimaaktivisten und engagierte Klimawissenschaftler sehen hier ihre Aufgabe, die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Damit dreht sich die Spirale der Dramatisierung weiter.

Fußnoten

31.
Vgl. Reiner Grundmann, Transnationale Umweltpolitik zum Schutz der Ozonschicht: USA und Deutschland im Vergleich, Frankfurt/M. 1999.
32.
Vgl. Martin L. Weitzman, A Review of the Stern Review on the Economics of Climate Change, in: Journal of Economic Literature 3/2007, S. 703–724.
33.
Vgl. Reiner Grundmann, Climate Change as a Wicked Social Problem, in: Nature Geosciences 9/2016, 562–563; Steve Rayner, Wicked Problems, in: International Encyclopedia of Geography: People, the Earth, Environment and Technology, Oxford 2017, S. 1f.
34.
Vgl. Robert Falkner, The Paris Agreement and the New Logic of International Climate Politics, in: International Affairs 5/2016, S. 1107–1125.
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