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22.10.2007 | Von:
Irina Scherbakowa

1917/1937 und das heutige Russland

Bewertungen der Revolution

Die Oktober-Ereignisse wurden bald nach dem Sieg im Bürgerkrieg (1921) von den Machthabern mythologisiert. Das Datum der Machtübernahme durch die Bolschewiki, der 7. November (wegen der Einführung des neuen Kalenders rückten alle Daten zwei Wochen vor), wurde zum wichtigsten Staatsfeiertag der UdSSR. Erst 1996 wurde der Tag umbenannt in "Tag der Versöhnung und Eintracht", um dann im Jahre 2005 abgeschafft zu werden.

Die Ereignisse des Oktober 1917 dienten zur Begründung der Ideologie, die vollständige Unterordnung unter die Staatsmacht und die Partei verlangte und sich im "großen Führer Stalin" verkörperte. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre kam es zum Verzicht auf die wesentlichen Ideen, die die Organisatoren des Oktober 1917 beseelt hatten - Weltrevolution, Internationalismus, weltweite proletarische Verbrüderung. Die Mythologie des revolutionären Umbruchs, der von den heldenhaften bolschewistischen Kommissaren durchgeführt worden war, die die Volksmassen in den Kampf gegen die "feindlichen Klassen" geführt hatten, wurde abgelöst durch die Ideologie einer industriell entwickelten, militarisierten Großmacht unter der Leitung einer militarisierten Führerfigur (in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges war Stalin erst Oberkommandierender, dann "Generalissimus"). Die Staatssymbolik (von der neuen Hymne, die die "Internationale" ersetzte, bis zur Einführung einer Militäruniform mit Schulterstücken, die an die zaristische erinnerte) entsprach der einer imperialistischen Großmacht. Der Sieg im Vaterländischen Krieg von 1941/1945 wurde sowohl im Gedächtnis des Volkes als auch für die staatliche Propagandamaschinerie zum Hauptereignis.

Indes hatte seit Ende der 1930er Jahre ein Teil der studentischen Jugend als Reaktion auf die grausamen Verfolgungen begonnen, die bolschewistische Revolution und ihre Protagonisten zu idealisieren, und zwar als Opposition gegen das Regime Stalins. Diese Tendenzen nahmen zu, als nach Stalins Tod das so genannte Tauwetter einsetzte (1953 - 1964). Die Epoche der Revolution und die 1920er Jahre kamen wieder "in Mode". Viele Namen tauchten wieder auf aus dem Nichtsein im Gulag. Die neue Generation wollte die revolutionären Ideale von den "Verfälschungen des Stalinismus" "befreien" und der Partei die "Leninschen Normen" zurückgeben. Die Zielsetzung der am weitesten fortgeschrittenen sozialen Gruppe entsprach der des "Prager Frühlings": dem Traum von einem Sozialismus "mit menschlichem Antlitz".

Als Nikita Chruschtschow seinen Posten als Erster Sekretär des ZK der KPdSU verlor, folgten lange Jahre der Breschnew'schen Stagnation (1964 - 1985), eine Epoche der Resignation angesichts unerfüllt gebliebener liberaler Hoffnungen. In diesen Jahren kam das oppositionelle Denken in Russland allmählich zur Erkenntnis, dass der bolschewistische Umsturz und die neue Ordnung ein Territorium des blutigen Fanatismus geschaffen hatten. Seit Ende der 1980er Jahre, unter dem Einfluss der Perestroika und des Zerfalls der UdSSR, wurde die Einstellung zum Oktober 1917 immer negativer. Man revidierte die Sicht auf den Bürgerkrieg und unterzog den von den Bolschewiki unmittelbar nach der Machtübernahme entfesselten Terror einer kritischen Beurteilung.

In den vergangenen Jahren sind bei der Bewertung dieser Ereignisse widersprüchliche Tendenzen zu beobachten. Einerseits demonstrieren den Machthabern nahestehende Ideologen ihre grundsätzlich negative Einstellung zu allen Revolutionen, sei es nun die Februar- oder die bolschewistische Oktoberrevolution, da ihnen jeder Aufruf zur Systemveränderung und zur Destabilisierung verdächtig erscheint. Politische Opposition schadet in ihren Augen nur einem starken Staat, Orthodoxie, Autokratie und Volksverbundenheit gelten als Grundlagen für eine starke Macht. Die Ideologen bedienen sich der Texte eines so renommierten Autors wie Alexander Solschenizyn, der die revolutionären Geschehnisse von 1917 immer wieder scharf abgelehnt hat, und zwar vom Standpunkt der Erhaltung der vorrevolutionären Gesellschaftsordnung. Dabei spricht man wenig davon, was das Land in die revolutionäre Katastrophe geführt hatte - der Unwille der Autokratie zu einschneidenden Veränderungen, zu politischen und ökonomischen Reformen, die Unfähigkeit der zaristischen Regierung zur Überwindung der ausufernden Korruption, das Streben, Feinde unter Andersgläubigen zu suchen, die Aufstachelung so genannter patriotischer Kräfte, die zu Beginn der Revolution grausame Pogrome gegen Juden verübten. Zu dieser antihistorischen Sicht trägt Nostalgie nach einem zaristischen Russland bei, die sich in den 1990er Jahren zu einem Kult um die erschossene Zarenfamilie und den letzten Zaren entwickelt hat.

Andererseits gewinnen linksradikale Kräfte Zuwachs, die bei Parlamentswahlen die KP unterstützen und die meist den älteren Teil des russischen Elektorats stellen. Neobolschewistische Stimmungen breiten sich auch bei einem Teil der oppositionellen Jugend aus.