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22.10.2007 | Von:
Irina Scherbakowa

1917/1937 und das heutige Russland

Lenin im Mausoleum

Das wichtigste Indiz für das, was sich im kulturellen Gedächtnis in Russland abspielt, ist nicht nur die Erhaltung der Denkmäler, die die Hauptperson des Oktober 1917 darstellen - der Lenin-Denkmäler -, sondern vor allem die Tatsache, dass bis heute auf dem zentralen Platz des Landes das Mausoleum mit seinem nicht bestatteten Leichnam existiert, ungeachtet aller Forderungen, Lenin endlich der Erde zu übergeben. Das Mausoleum war zunächst als Provisorium gedacht, es sollte denen, die nicht zur Beisetzung nach Moskau kommen konnten, die Möglichkeit geben, vom geliebten Führer Abschied zu nehmen. In den 1930er Jahren wurde das provisorische Mausoleum aus Holz durch eines aus Stein ersetzt, das für die Ewigkeit konzipiert war. Der Rote Platz wie auch das Bild Lenins machten mit der Zeit charakteristische Veränderungen durch.

Der Erfolg der Bolschewiki hing unmittelbar mit Lenin zusammen, mit seinen taktischen Fähigkeiten und der Entschlossenheit, mit der er die Schwächen der Provisorischen Regierung ausnutzte: ihre Zögerlichkeit, ihre Art, alle drängenden Probleme aufzuschieben, sowie die antibürgerliche Stimmung der Massen, die bereitwillig die populistischen Losungen der Bolschewiki unterstützten. Mit Lenin ist die Entstehung des Führerkults verbunden. Seine Beisetzung 1924 wurde zum symbolischen Abschied des gesamten Volkes. Seine Mitkämpfer, die den Machtkampf schon begonnen hatten, als er noch lebte, rissen sich buchstäblich darum, den Sarg zu tragen. Den Sieg trug Stalin davon, der schon zu Lenins Lebzeiten eine immense Machtfülle in seinen Händen konzentriert hatte und schneller als alle anderen erkannte, dass eine Epoche der Sekretäre und Apparatschiks bevorstand. Um seine Macht zu legitimieren, kam Stalin die Sakralisierung des Toten äußerst gelegen. Lenin blieb, unbestattet, eine Geisel des von ihm kreierten Systems und der von ihm konstituierten Mythologie. Das Mausoleum wurde zum zentralen sakralen Ort des Landes. Hier sollten Stalin und seine Nachfolger jahrzehntelang die Massen jubelnder Bürger begrüßen sowie Militär- und Sportparaden abnehmen, die den Mobilisierungscharakter des sowjetischen Systems symbolisierten.

Lenin blieb für die nächsten 50 Jahre ein Symbol, dem Henker und Opfer sowie jene Henker, die später selbst zu Opfern wurden, ihren Eid leisteten, Oppositionelle wie Stalinisten. Für die linke und rechte Opposition in der Partei symbolisierte Lenin Ende der 1920er Jahre die Reinheit der revolutionären Ideale, die von Stalin entstellt und usurpiert worden seien. Bis zum Tod Stalins sollten sich viele auf den "guten Lenin" im Gegensatz zu seinem grausamen Antipoden Stalin berufen. Mit Hilfe von Schriftstellern, Künstlern und Regisseuren wurde ein mythologisches Bild des "menschlichsten aller Menschen" geschaffen. Dieses Lenin-Bild diente der ideologischen Rechtfertigung nicht mehr nur für das Häuflein seiner rasch verschwindenden Mitkämpfer, sondern auch für Millionen Sowjetbürger, die als Stütze des Regimes dienten, das in den 1930er Jahren entstand.

Das Bild des guten und weisen Lenin existierte lange und lebt in geringem Maße noch heute fort. Die Veränderungen, die nach Stalins Tod 1953 stattfanden - Verzicht auf den Terror, Abschaffung des Gulag-Systems, Rehabilitierung von Millionen von Opfern - erhielten in der offiziellen Sprache die mythologische Bezeichnung "Rückkehr zu den Lenin'schen Normen". Diese Formel passte sehr gut in das Schema der Liberalisierung und der Entlarvung des "Personenkults". Allerdings bewirkten die während der Breschnew-Zeit zum Stillstand gekommene Demokratisierung der Gesellschaft und die Versuche, die Figur Lenins zu nutzen, um die Hilflosigkeit der Partei bei der hoffnungslosen Aufgabe, den Kommunismus aufzubauen, zu verschleiern, dass zu Lenins 100. Geburtstag 1970 als Reaktion auf den immensen Propagandalärm um dieses Datum eine Unmenge von Witzen im Volk die Runde machte, die das Bild des humanen Führers der proletarischen Revolution endgültig zunichte machten.

Mit dem Beginn der Perestroika belegten veröffentlichte deklassifizierte Dokumente aus den Archiven die unglaubliche Grausamkeit sowie den Pragmatismus, mit dem Lenin seit der Machtübernahme und im Bürgerkrieg vorgegangen war, und welche Grundlagen auf diese Weise für den Stalinismus geschaffen worden waren. Das Mausoleum mit seinem Leichnam wurde in den 1990er Jahren zu einem absurden Kulturobjekt. Die Ehrenwache wurde abgeschafft, die Staatsführer nutzen es nicht mehr als Tribüne. Die an Touristen verkauften traditionellen russischen Matrjoschki bekamen eine neue Gestalt - aus Lenin erscheint Stalin, aus ihm Breschnew, dann Gorbatschow, Jelzin usw. Auf dem Roten Platz finden sich Gestalten, die als Hauptpersonen der russischen Geschichte der 1920er Jahre maskiert sind. Wer will, kann sich mit dem letzten russischen Zaren sowie mit Lenin und Stalin photographieren lassen. Im Winter richtet man auf dem Roten Platz eine große Eisbahn ein, im Sommer finden Rockkonzerte statt.

Zum nächsten Schritt, zur Bestattung seines Leichnams, ist es noch nicht gekommen. Nicht nur die Angst vor Protesten der kommunistischen Wähler ist der Grund dafür. Im Zuge der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen erwachte die sowjetische und dann auch die leninistisch-stalinistische Tradition wieder zum Leben. Die Ursachen und Formen dieser Nostalgie waren unterschiedlich - Unzufriedenheit mit den Reformen und ihren sozialen und politischen Folgen, aber auch mit dem kommerziellen und politischen Erfolg von Personen aus der früheren sowjetischen Elite. Schrittweise gaben die Machthaber das westliche Demokratiemodell wieder auf und suchten nach einem "eigenen" Weg, vor allem nach einer nationalen Idee. Dabei griffen sie immer intensiver auf die sowjetischen Mythen und die alten Propagandamethoden zurück.