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22.10.2007 | Von:
Irina Scherbakowa

1917/1937 und das heutige Russland

Lehren von 1937

Von Anfang an waren Terror und Repression die wichtigsten Machtinstrumente für die kommunistische Partei. Bereits 1918 hatten die Kommunisten den "Roten Terror" ausgerufen; in den 1920er Jahren inhaftierten sie Vertreter der "feindlichen Klassen" oder schickten sie in die Verbannung - Geistliche, Intellektuelle, politische Gegner, Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre sowie Angehörige der linken und rechten Opposition. Sie verhafteten Ingenieure und Spezialisten und beschuldigten sie als "Volksschädlinge". Anfang der 1930er Jahre wurden Millionen von Bauern "entkulakisiert" und in ferne Regionen des Landes deportiert.

Allein von 1934 bis 1944 haben in der UdSSR zwölf bis 14 Millionen Menschen das System des Gulag, der Sondersiedlungen und anderer Formen der Zwangsarbeit erleiden müssen. Dennoch blieb das Jahr 1937 im Gedächtnis des Volkes als das Jahr besonders schwerer Verfolgungen haften. Obwohl aus der Masse von Geheimdokumenten, die mit den Repressionen zusammenhängen, bislang nur ein geringer Teil für Historiker zugänglich ist, haben wir vieles über den Mechanismus des Großen Terrors und über die Zahl der Opfer erfahren, die selbst für damalige Maßstäbe phantastisch war. In 14 Monaten der Jahre 1937/38 wurden 1,7 Millionen Bürger verhaftet und 700.000 erschossen. Zu Opfern wurden vor allem jene, von denen die Machthaber glaubten, dass sie tatsächlich oder potenziell unzufrieden waren mit der totalen Vernichtung der fähigsten Bauern in den Dörfern als Folge der Hungersnot von 1930/32 und mit den grausamen Methoden, mit denen die Industrialisierung des Landes durchgeführt wurde.

Bis heute sind im Zusammenhang mit dem Großen Terror Mythen verbreitet, und immer häufiger trifft man auf den Standpunkt, in diesen Jahren sei ausschließlich die Parteinomenklatur vernichtet worden (wie es in der berühmten Rede Chruschtschows 1956 auf dem XX. Parteitag der KPdSU hieß, als erstmals offen über die Repressionen gesprochen wurde). Viele berufen sich auf Aussagen von Solschenizyn, der die Repressionen der Jahre 1929/32 denen von 1937/38 entgegensetzt: Damals habe es eine das ganze Volk betreffende Tragödie der Bauern gegeben, später dagegen wurde die Parteielite vernichtet, also die Organisatoren und Verantwortlichen für die Repressionen. Heute kann man die "Stalin'schen Erschießungslisten" für 40.000 Personen - Sowjetfunktionäre, Parteiarbeiter und Kulturpolitiker - einsehen, die die Unterschrift Stalins und anderer Mitglieder des Politbüros tragen. Der Geheimbefehl des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD) Nr. 00447, der Anfang der 1990er Jahre zugänglich wurde und nach dem am 5. August 1937 die umfassendsten Verfolgungen einsetzten, enthält eine lange Liste der Kategorien von zu verhaftenden Personen. Es folgten Befehle zu den so genannten nationalen Operationen (der polnischen und der deutschen), denen Zehntausende einzig ihrer polnischen oder deutschen Herkunft wegen zum Opfer fielen.

Der Höhepunkt der Massenverhaftungen zur Zeit des Großen Terrors von 1937 fiel auf die Feiertage zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution. Viele von denen, die in jenen Tagen in Moskau oder anderen Großstädten verhaftet wurden, nahmen als letzte Erinnerung an das Leben außerhalb des Stacheldrahts die festlich illuminierten Straßen und die aus leuchtenden Lampen gebildete römische Ziffer XX zu Ehren des 20. Jahrestages mit. Das Land versank in einem blutigen Albtraum, den zu leugnen sogar denen schwer fällt, die heute versuchen, Stalin reinzuwaschen.

Das Bacchanal des Massenterrors ging mit einer Propagandakampagne gegen "Volksfeinde" einher, sie stimulierte und ermunterte Denunziantentum, Heuchelei, Doppeldenken und Opportunismus. Das Jahr 1937 bedeutete die massenhafte Anwendung außergerichtlicher Mechanismen. Urteile wurden in Abwesenheit und in beschleunigten Verfahren gefällt, ohne angefochten werden zu können, und zwar durch speziell geschaffene "Troikas" (die aus einem Vertreter des örtlichen NKWD, der Staatsanwaltschaft und der Parteiorgane bestanden). "1937" steht für den planmäßigen Charakter der Massenoperationen, die Festsetzung von "Limits", d.h. der Anzahl derer, die verhaftet werden sollten. Es steht für die Einteilung der Verhafteten in Kategorien: Die erste bedeutete die Erschießung, die zweite eine langjährige Inhaftierung im Gulag. 1937 brachte auch die massenhafte Anwendung von Folter während des Untersuchungsverfahrens. Überdies stellten die Ereignisse des Jahres 1937 die westliche linke Intelligenz vor die unmögliche und unsittliche Wahl zwischen Stalin und Hitler; ein krasses Beispiel hierfür ist Lion Feuchtwangers Buch "Moskau 1937", das die Schauprozesse gegen hohe Partei- und Regierungsfunktionäre rechtfertigte.

Nach den Männern wurden auf Befehl des NKWD ihre Frauen als Familienmitglieder von "Volksverrätern" verhaftet; die Kinder kamen in Heime. Rund 20.000 Frauen wurden unmittelbar nach der Verhaftung ihrer Männer festgenommen und in eigens für sie eingerichtete Lager verbracht. In den Städten leerten sich in großen Häusern ganze Stockwerke; die Menschen fürchteten nächtliches Türklingeln. In den freigewordenen Wohnungen und Zimmern (1937 wurden allein in Moskau über 10.000 Wohnungen frei) quartierten sich häufig Mitarbeiter des NKWD ein. Speicher brachen zusammen unter dem Gewicht der konfiszierten Gegenstände. Bücher und Artikel wurden vernichtet, Bilder verbrannt. Nachts fuhren "Raben" durch die Stadt, besondere Autos für den Transport von Verhafteten. Verwandte und Nahestehende reihten sich in stundenlange Schlangen, um in Sprechstunden beim NKWD etwas über das Schicksal ihrer Nächsten in Erfahrung bringen. Es folgte die langjährige Lüge der Behörden, die den Verwandten der Verhafteten zunächst etwas von "Lagern ohne das Recht auf Korrespondenz" erzählten, um die Erschießungsurteile zu bemänteln, und später gefälschte Todesurkunden über einen angeblichen "natürlichen" Tod im Lager ausstellten.