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22.10.2007 | Von:
Abraham Ascher

Das revolutionäre Russland in der Welt

Attraktivität der Ideologie

Vor allem seine Ideologie machte den Kommunismus über Russlands Grenzen hinaus attraktiv. Seit seiner Bekehrung zum Marxismus im Jahr 1893 hatte Lenin die Ideen von Marx an die russischen Verhältnisse angepasst, und das von ihm entwickelte Gedankengebäude wurde zur Grundlage dessen, was man ab 1918 unter Kommunismus verstand. Zu den unverwechselbaren Grundzügen des Leninismus zählen sowohl die Ziele der Bewegung als auch die Mittel zur Erreichung derselben. Hinsichtlich der Ziele hatte sich Lenin nicht weit von Marx entfernt, doch formulierte er genauer. So sagte er voraus, das Proletariat werde nach seiner Machtübernahme durch eine gewaltsame Revolution den bourgeoisen Parlamentarismus zerstören und - nach dem Vorbild der Pariser Kommune von 1871 - eine "demokratische Republik" errichten.[4] Der Privatbesitz an Produktionsmitteln werde aufgehoben und das stehende Heer abgeschafft. Funktionäre würden nicht länger wie "Bürokraten" oder "Beamte" agieren und könnten jederzeit abberufen werden. Ihre Löhne lägen nicht über denen eines Durchschnittsarbeiters, und sobald der Widerstand der Kapitalisten gegen die neue Ordnung "vollständig gebrochen" und alle Klassenunterschiede beseitigt seien, werde der Staat "aufhören zu existieren". Erst dann sei es "möglich, von Freiheit zu sprechen". Immer häufiger sprachen die Führer der Sowjetunion von der Entstehung eines "neuen Menschen", der sich völlig selbstlos und ohne Einschränkung dem verschreibe, was vielen als utopische Ordnung erschien.

Dieses Ziel mochte unrealistisch sein, die Leidenschaft und Rücksichtslosigkeit jedoch, mit der es von Lenin und seinen Anhängern verfochten wurde, sicherte ihnen Gehör bei den Benachteiligten. Lange bevor Lenin von der Machtübernahme in Russland auch nur träumen konnte - im Jahr 1910 - wurde Pavel Akselrod, einer der Begründer des russischen Marxismus und Führer der Menschewiki, von einem russischen Radikalen gefragt, wie Lenin "all die Spaltungen, Streitereien und Skandale" innerhalb der Bewegung überleben und doch "so wirkungsvoll und gefährlich" sein könne. "Weil es niemanden sonst gibt, der sich 24 Stunden am Tag mit der Revolution beschäftigt, der an nichts anderes denkt als an die Revolution und selbst im Schlaf von nichts anderem träumt als von der Revolution", lautete die Antwort. "Versuchen Sie einmal, mit einem solchen Menschen umzugehen."[5] In seiner vielleicht einflussreichsten Schrift "Was tun?" (1902) argumentierte Lenin im Gegensatz zu Marx, dass die Arbeiterklasse von sich aus kein Klassenbewusstsein entwickeln könne. Sich selbst überlassen, würden sich Arbeiter zu Gewerkschaftlern wandeln und der bürgerlichen Ideologie zum Opfer fallen. Für die sozialistische Partei schlug Lenin eine Organisationsstruktur vor, die eine beharrliche Führung des Proletariats durch die radikale "Intelligenz" einschloss, die als "Berufsrevolutionäre" wirken sollten, Einzelpersonen, die gründlich im Marxismus geschult seien und sich keiner anderen Aufgabe als der Vorbereitung der Revolution verschrieben hätten. Massenorganisationen der Arbeiterbewegung wie etwa die Gewerkschaften könnten dieser revolutionären Partei durchaus nützlich sein, doch werde ihnen keine Mitgliedschaft zugestanden und bei der Festlegung der Parteipolitik keinerlei Mitsprache eingeräumt. Lenin offenbarte einen grenzenlosen Glauben an die Leistungsfähigkeit seines Organisationsgefüges: "Gebt uns eine Organisation von Revolutionären, und wir werden ganz Russland umstürzen." Diesehierarchische und elitäre Parteistruktur wurde nach der Revolution zum Modell für die staatlichen Institutionen in Russland.

Ein weiterer Wesenszug der politischen Haltung Lenins lag in seiner Vorliebe für gewaltsame Umsturzversuche. Mehrfach äußerte er, dass "wichtige Fragen im Leben der Nationen nur mit Gewalt zu lösen" seien.[6] Er empfahl die Anwendung von Gewalt nicht nur gegen die zaristischen und bürgerlichen Feinde der Massen. In einem Brief vom 11. Februar 1905 verurteilte er auch jene Genossen, die sich nur zögerlich an die Gründung revolutionärer Zirkel zur Beförderung der bolschewistischen Sache machten, und rief zu deren physischer Vernichtung auf: "Ich bin dafür, jeden standrechtlich zu erschießen, der es wagt zu behaupten, es seien nicht genug Leute zu finden. Die Menschen in Russland sind Legion, wir müssen die jungen Menschen nur umfassend und entschlossen rekrutieren, noch entschlossener und umfassender und immer noch umfassender und entschlossener ... Wir befinden uns im Krieg."[7]

Fußnoten

4.
So Lenin 1917 in: Staat und Revolution. Die marxistische Theorie des Staates und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution.
5.
Bertram D. Wolfe, Three Who Made A Revolution, New York 1948, S. 249.
6.
Wladimir I. Lenin, Collected Works, translated by Abraham Fineberg/Julius Katzer, Moskau 1977, Bd. 9, S. 132.
7.
Ebd., Bd. 8, S. 146.