APUZ Dossier Bild

22.10.2007 | Von:
Abraham Ascher

Das revolutionäre Russland in der Welt

Ausbreitung des Kommunismus

Angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs in den 1930er Jahren und des Anspruchs der Kommunisten, der einzige kompromisslose Gegner der Naziherrschaft zu sein, betrachteten eine wachsende Zahl von Intellektuellen im Westen und Aktivisten der Arbeiterbewegung das sozialistische Experiment in Russland als höchst erfolgreich und human. Nicht alle dieser so genannten Fellow Travelers waren für ein Loblied auf das sowjetische Gemeinwesen so wenig qualifiziert wie der amerikanische Journalist Lincoln Steffens, der 1921 nach einem kurzen Besuch in Russland erklärte: "Ich bin in der Zukunft gewesen, und sie funktioniert."[15] Für Intellektuelle war es nicht ungewöhnlich, Entschuldigungen für die brutale Wirklichkeit des sowjetischen Alltags vorzubringen oder diese gar zu verleugnen - selbst die gewaltsame Vertreibung von Millionen Bauern, die Zwangskollektivierung, die "Säuberungen" in der Partei und die Hinrichtung von tausenden Parteifunktionären und Armeeoffizieren, die Errichtung von Arbeitslagern für Millionen unschuldiger Bürger und den abgrundtief niedrigen Lebensstandard.

Die wohlwollende Einschätzung des an der Macht befindlichen Kommunismus wurde im August 1939 schwer erschüttert, als Stalin einen Nichtangriffspakt mit Hitler unterzeichnete, der einen regen Handel zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich vorsah, eine Aufteilung Polens und die sowjetische Besetzung Estlands, Lettland und Litauens. Dieser Pakt gab Hitler freie Hand für den Angriff auf Polen und den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Schockiert kehrten viele westliche Kommunisten der Partei den Rücken, und viele Mitläufer revidierten ihr Bild von der stalinistischen Herrschaft.

Doch mit Hitlers Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 änderte sich die Stimmung. Der heftige Widerstand gegen die Invasoren und der enorme Beitrag der Sowjetunion zum Sieg über Nazideutschland stärkte nicht nur Stalins Prestige, sondern auch das der gesamten sozialen und politischen Ordnung der Sowjetunion. Am Ende des Krieges hatten sich die sowjetischen Streitkräfte in Osteuropa festgesetzt, und bald danach gerieten die baltischen Staaten, Polen, Ungarn, Ostdeutschland, Rumänien, Jugoslawien, Bulgarien und am Ende auch die Tschechoslowakei unter die Knute des Kommunismus. In Frankreich und Italien konnten die kommunistischen Parteien, denen eine Führungsrolle im Kampf gegen den Nationalsozialismus beigemessen wurde, große Wahlerfolge erzielen und wurden zur Massenbewegung. 1949 übernahmen die Kommunisten die Macht in China; damit lebte nahezu ein Drittel der Weltbevölkerung unter kommunistischer Herrschaft.

Die Vorhersagen aus dem Jahr 1919 über die unaufhaltsame Ausbreitung des Sowjetsozialismus schienen sich zu bestätigen. Einige Jahre lang hing die Zukunft Europas trotz der großen Unterstützung der USA für die europäische Wirtschaft und für nichtkommunistische Parteien in der Schwebe. Der Vormarsch des Kommunismus in Europa war jedoch (mit Ausnahme Jugoslawiens) nicht das Resultat von Volksrevolutionen, sondern wurde mit sowjetischen Bajonetten erzwungen. Die sowjetische Herrschaft bzw. der Sozialismus sowjetischer Prägung wurde in den neuen "Volksdemokratien" keineswegs begrüßt. Zwischen 1948 und den frühen 1980er Jahren verzeichnete Osteuropa nicht weniger als fünf große Erhebungen gegen die Sowjetherrschaft. Zudem begann die Volksrepublik China 1957, sich von der Sowjetunion zu lösen.

Von den 1950er Jahren an stand der Weltkommunismus im Innern unter beträchtlichem Druck. Doch vier Jahrzehnte lang neigten die meisten politischen Beobachter dazu, vor diesen Anzeichen von Schwäche die Augen zu verschließen. Im 1947 einsetzenden Kalten Krieg trugen zwei Supermächte eine Schlacht aus, die jeden Kontinent der Erde berührte, und viele befürchteten einen neuen Weltkrieg oder die weitere Ausbreitung des Kommunismus. Die Auffassung, die Sowjetherrscher könnten ihre immense Militärmacht - eine Armee, die zwischen drei und fünf Millionen Soldaten zählte - zur Niederschlagung jeder Opposition in ihrem Einflussbereich einsetzen, war weit verbreitet.

Selbst weit entfernt von ihren Grenzen schien die Sowjetunion auf dem Vormarsch zu sein. 1959 übernahm eine von Fidel Castro angeführte Rebellenbewegung die Macht auf Kuba, 90 Meilen entfernt von der Küste Floridas. Zwei Jahre später bekannte sich Castro zum Marxismus-Leninismus und erklärte, in seinem Land den Kommunismus einführen zu wollen. Seit den 1950er Jahren hatten die Kommunisten zudem ihren Einfluss in den neuen Staaten Asiens und Afrikas ausgebaut, die nach dem Rückzug der westlichen Kolonialmächte entstanden waren - etwa in Indonesien, Indien, Burma und den Philippinen. Zahlreiche Angehörige der Intelligenzia in diesen Ländern hatten in London, Paris und an amerikanischen Universitäten studiert und waren dort mit dem Marxismus in Kontakt gekommen. Zusätzlich verstärkte die Sowjetunion ihre wirtschaftliche und militärische Unterstützung für die Länder im Nahen Osten, vor allem für Ägypten und Syrien.

Doch es dauerte nicht lange, bis die Länder in den unterentwickelten Regionen ihre Illusionen über den neuen Verbündeten verloren. Zum einen waren die in den früheren Kolonialstaaten an die Macht gelangten gesellschaftlichen Gruppen zwar an ihrer Unabhängigkeit interessiert, aber wenig angetan von der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Revolution, die 1917 in Russland stattgefunden hatte. Häufig erwies sich die von den sowjetischen Freunden bereitgestellte militärische Hilfe als den Waffen des Westens unterlegen, wie etwa Ägypten und Syrien 1967 im Sechstagekrieg gegen Israel erkennen mussten. Afrikanische Studenten, die zum Studium in sowjetische Städte und auf den Balkan strömten, waren nicht selten entsetzt über die rassistischen Beleidigungen, denen sie dort ausgesetzt waren. Und zum anderen mussten die Regierungen in den Entwicklungsländern nur allzu oft feststellen, dass die sowjetischen "Berater" nicht weniger herablassend auftraten als ihre westlichen Vorgänger. Die Beziehungen zwischen den Regierungen der entkolonialisierten Staaten und den sowjetischen Machthabern wurden angespannter.

Fußnoten

15.
Lincoln Steffens, The Autobiography, New York 1931, S. 799.