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22.10.2007 | Von:
Abraham Ascher

Das revolutionäre Russland in der Welt

Ende des Experiments

Zum 50. Jahrestag der kommunistischen Machtübernahme in Russland im Jahr 1967 bezeichnete es der Universalhistoriker Arnold Toynbee als "erstaunlich und ungewöhnlich", dass "Lenins totalitäres Regime" derart lange überlebt habe. Hugh Seton-Watson prophezeite, bereits Ende des 20. Jahrhunderts müssten "Studenten, die sich mit dem Verlauf des Niedergangs und des Zusammenbruchs von Herrschaftssystemen beschäftigen", auch mit der Sowjetunion befassen, ein subtiler Hinweis darauf, dass die Sowjetunion keineswegs so stabil war wie allgemein angenommen.[16] Seton-Watson irrte sich nur um ungefähr zehn Jahre.

Historikern wird das 20. Jahrhundert als jenes Zeitalter gelten, in dem das revolutionäre Russland eine grundsätzlich neue gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische (Welt-)Ordnung zu errichten suchte. Diese war jedoch zu weltfremd und idealistisch, um von den wirtschaftlich entwickelteren Staaten angenommen zu werden, und zu ineffektiv und politisch unattraktiv, um selbst dort, wo sie umgesetzt wurde, lange zu überdauern. Das vielleicht bleibendste Erbe des Kommunismus sind die Verwüstungen, die er in den Volkswirtschaften, im gesellschaftlichen und im politischen System dieser Länder angerichtet hat. Es wird Jahrzehnte dauern, bis diese Verwüstungen überwunden sind.

Abraham Ascher arbeitet derzeit an einer Geschichte der Juden in Breslau während des Nationalsozialismus. Übersetzung aus dem Amerikanischen: Susanne Laux, Königswinter.

Fußnoten

16.
Vgl. Neill McInnes, The Impact of the Russian Revolution 1917 - 1967, London 1967, S. 29, S. 205.