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5.10.2007 | Von:
Matthias Richter
Klaus Hurrelmann

Warum die gesellschaftlichen Verhältnisse krank machen

Gesundheitliche Ungleichheit

Im Laufe der vergangenen 25 Jahre hat die internationale Forschung unzählige Studien zum Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Gesundheit und damit eindeutige und überzeugende Belege dafür vorgelegt, dass die Sozialstruktur entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit ausübt.[2] Gesundheitliche Ungleichheiten finden sich in den unterschiedlichsten Ausprägungen von Gesundheit und Krankheit. Personen mit einer niedrigen Bildung, einer dementsprechenden beruflichen Stellung oder einem niedrigen Einkommen sterben in der Regel früher und leiden in ihrem ohnehin schon kürzeren Leben auch häufiger an gravierenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Diese Ergebnisse haben das Interesse der Wissenschaft nicht nur auf einen der mächtigsten Einflussfaktoren auf die Gesundheit gelenkt, sie repräsentieren zudem bedeutende gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, da ein breites Spektrum gesundheitlicher Ungleichheit nach den Konventionen des Sozialstaats nicht legitimiert sein dürfte.[3]

Die sozial ungleiche Verteilung von Krankheit und Tod ist dabei schon länger Gegenstand der Forschung, als vielleicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Seitdem empirische Dokumente vorliegen, lässt sich der Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit belegen. Gemeint ist die inverse Beziehung zwischen Schichtzugehörigkeit und Mortalität bzw. Morbidität: Je höher die soziale Schicht, desto geringer ist die Erkrankungs- bzw. Sterbewahrscheinlichkeit. Alfred Grotjahn, einer der Mitbegründer und wichtigster deutscher Vertreter der Sozialhygiene, fasste etwa bereits 1923 folgende Punkte zu einer sozialwissenschaftlichen Betrachtungsweise von Gesundheit und Krankheit zusammen:[4]
Die sozialen Verhältnisse

  • schaffen oder begünstigen die Krankheitsanlage;
  • sind die Träger der Krankheitsbedingungen;
  • vermitteln die Krankheitsursachen;
  • beeinflussen den Krankheitsverlauf.

    Nachdem diese Forschungstradition mit dem Ende des Ersten Weltkriegs abrupt abbrach, wurde das Thema erst ab Mitte der 1990er Jahre wieder stärker aufgegriffen, wobei der Impuls nicht aus der Medizin, sondern aus der Soziologie kam. Inzwischen liegen auch in Deutschland unzählige Arbeiten über die Art und das Ausmaß gesundheitlicher Ungleichheiten vor. Nach wie vor nimmt die politische und mediale Öffentlichkeit jedoch nur wenig Notiz davon. Bemerkenswert ist aber, dass die Thematik in den letzten beiden Jahren Eingang in das Gutachten des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen ebenso wie in den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung fand, womit eine neue (politische) Dimension erreicht wurde.[5]

    In den folgenden Kapiteln soll anhand einer exemplarischen Auswahl von Ergebnissen zunächst ein kurzer Überblick über den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit gegeben werden. Anschließend wird auf die bislang vorliegenden Kenntnisse über die Ursachen der beobachteten Ungleichheiten in der Sterblichkeit und Krankheitshäufigkeit eingegangen, um so einen Einstieg zum besseren Verständnis gesundheitlicher Ungleichheiten geben zu können. Der Beitrag schließt mit einem Fazit zur gesellschaftlichen Bedeutung gesundheitlicher Ungleichheiten und Möglichkeiten diesem gesamtgesellschaftlichen Problem zu begegnen.

  • Fußnoten

    2.
    Vgl. Matthias Richter/Klaus Hurrelmann, Gesundheitliche Ungleichheit: Ausgangsfragen und Herausforderungen, in: M. Richter/K. Hurrelmann (Anm.1); Andreas Mielck, Soziale Ungleichheit und Gesundheit. Einführung in die aktuelle Diskussion, Bern 2005; Johan P. Mackenbach, Health inequalities: Europe in profile. An independent expert report commissioned by the UK presidency of the EU, London 2006.
    3.
    Vgl. Richard G. Wilkinson/Michael G. Marmot, Social determinants of health: the solid facts, Copenhagen 2003.
    4.
    Vgl. Dieter Borgers/Günter Steinkamp, Sozialepidemiologie - Gesundheitsforschung zu Krankheit, Sozialstruktur und gesundheitsrelevanter Handlungsfähigkeit, in: Peter Schwenkmezger/Lothar R. Schmidt (Hrsg.), Lehrbuch der Gesundheitspsychologie, Stuttgart 1994.
    5.
    Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Koordination und Qualität im Gesundheitswesen. Kooperative Koordination und Wettbewerb, Sozioökonomischer Status und Gesundheit, Strategien der Primärprävention, Band I, Stuttgart 2005; Thomas Lampert u.a., Armut, soziale Ungleichheit und Gesundheit, Berlin 2005.