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5.10.2007 | Von:
Matthias Richter
Klaus Hurrelmann

Warum die gesellschaftlichen Verhältnisse krank machen

Das Statussyndrom

"Weil du arm bist, musst du früher sterben." Wie oben bereits angerissen wurde, hat diese volkstümliche Redewendung bis heute ihren tieferen Sinn nicht verloren. Jedoch verschleiert sie eine wichtige Information: Die gesundheitliche Ungleichheit betrifft nicht nur eine benachteiligte soziale Unterschicht, die sich durch ihr besonders sichtbares "Maß der Verelendung" von der übrigen Bevölkerung unterscheidet. Die soziale Ungleichheit von Gesundheit und Krankheit durchzieht vielmehr die gesamte Sozialstruktur einer Gesellschaft. Der Zusammenhang ist in der Regel linear, weshalb man auch von einem sozialen Gradienten spricht: Mit jeder Stufe, die in der sozialen Hierarchie hinabgegangen wird, steigt das Risiko frühzeitiger Sterblichkeit und der Häufigkeit von Krankheit und Behinderung stufenweise an. Der renommierte britische Wissenschaftler Michael Marmot hat dies treffenderweise als "Statussyndrom" bezeichnet. Dieses Phänomen verweist auf Prozesse relativer sozialer Benachteiligung zwischen den einzelnen sozialen Statusgruppen, auf Faktoren also, die den gesellschaftlichen Differenzierungsprozess insgesamt - und nicht lediglich eine Teilgruppe - betreffen.[6] An einem Beispiel soll dies kurz verdeutlicht werden.

In Abbildung 1 (vgl. PDF-Version) ist die Selbsteinschätzung der Gesundheit in Abhängigkeit von der sozialen Schichtzugehörigkeit bei Männern und Frauen dargestellt. Derartige subjektive Informationen sind wertvoll, da sie den tatsächlichen objektiven Gesundheitszustand gut vorhersagen und in einem engen Zusammenhang zur Sterblichkeit stehen. Unabhängig von Geschlecht und Alter berichten Personen aus der unteren sozialen Schicht wesentlich seltener über einen sehr guten Gesundheitszustand als Personen aus der mittleren und insbesondere aus der höheren sozialen Schicht. Dies ist nur ein Beispiel unter vielen. Vergleichbare gesundheitliche Ungleichheiten finden sich für nahezu alle spezifischen Erkrankungen und Behinderungen.

Gesundheitliche Ungleichheiten sind aber alles andere als ein ausschließlich deutsches Phänomen. Bisher konnte für jedes Land, aus dem Daten vorliegen, nachgewiesen werden, dass die frühzeitige Sterblichkeit und gesundheitliche Beeinträchtigungen in Gruppen mit niedrigem beruflichen Status, Ausbildungsstand und Einkommen häufiger auftreten. Ein weiteres bemerkenswertes Ergebnis ist, dass gesundheitliche Ungleichheiten in der Sterblichkeit in den letzten 15 Jahren in Europa angestiegen sind.[7] Die Schere in der Gesundheit zwischen Arm und Reich geht also zunehmend auseinander. Besonders erschreckend erscheint, dass die gesundheitliche Lage der Ärmsten und Reichsten auch in den skandinavischen Ländern immer weiter auseinander klafft, galten diese Länder doch lange Zeit als vorbildliche sozialstaatliche Modelle, die in der Lage sind, den Einfluss sozialer Ungleichheiten abzufedern. Als Konsequenz sehen sich mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts alle hoch entwickelten Länder mit substanziellen gesundheitlichen Ungleichheiten konfrontiert, die einen deutlichen politischen Handlungsbedarf offenbaren, auch und gerade da es bislang keine Anzeichen einer Trendwende gibt.

Fußnoten

6.
Vgl. Johannes Siegrist, Soziale Krisen und Gesundheit, Göttingen 1996.
7.
Vgl. J. P. Mackenbach (Anm. 2).