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5.10.2007 | Von:
Matthias Richter
Klaus Hurrelmann

Warum die gesellschaftlichen Verhältnisse krank machen

Produktion und Reproduktion

Kritisch anzumerken ist, dass viele dieser Ansätze und Modelle die zeitliche Dimension und damit auch die Reproduktion gesundheitlicher Ungleichheiten weitgehend unberücksichtigt lassen. Im Rahmen einer Lebenslaufperspektive konnten in den letzten Jahren zahlreiche neue Erkenntnisse gewonnen werden.[17] Hier wird der zeitliche Rahmen der Betrachtung von Zusammenhängen zwischen sozialem Status, Risikofaktoren und Erkrankungen erweitert, womit Einflüsse in den frühen Lebensjahren für die Erklärung gesundheitlicher Ungleichheit im Erwachsenenalter einbezogen werden.[18] In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass die Menschen, deren sozioökonomischer Status während ihres gesamten Lebens niedrig ist, stärkere gesundheitliche Risiken haben als jene, die nur in einer Phase ihres Lebens diese Disposition aufweisen. Ähnliches gilt für die Gesundheit: Die meisten Krankheiten haben eine lange Entstehungsgeschichte, und eine beeinträchtigte Gesundheit im Erwachsenalter ist häufig auf die gesundheitliche Lage im Kindesalter zurückzuführen, also damit auf Determinanten, die in früheren Lebensphasen auftraten. Gesundheitliche Ungleichheiten können demnach auf eine Akkumulation von benachteiligenden Lebensbedingungen über den Lebenslauf zurückgeführt werden. Ein großer Vorteil des Lebenslaufansatzes ist, dass er die scharfe Trennung zwischen Selektions- und Verursachungsprozessen aufbricht und den dynamischen Charakter vieler dieser Prozesse verdeutlicht. Dieser Ansatz verweist auf eine kooperative Entstehung von Gesundheit und sozialer Stellung.

Hier setzt auch die Frage nach der Reproduktion gesundheitlicher Ungleichheiten an. Armut und soziale Benachteiligung bedingen in der Regel einen schlechten Start ins Leben, und sie vermindern zudem die Chancen auf eine gute Gesundheit im weiteren Lebenslauf. Kinder aus sozial benachteiligten Haushalten sind dementsprechend häufiger der Gefahr ausgesetzt, später selbst in Arbeitslosigkeit oder Armut zu geraten.[19] Eine Hauptursache für die "Vererbung von Armut", die sich häufig über mehrere Generationen hinweg beobachten lässt, wird in der engen Verknüpfung der sozialen Herkunft mit der Bildungsbeteiligung und dem Bildungserfolg gesehen (vgl. Abbildung 3 der PDF-Version). Bereits in Kindertagesstätten sind Kinder aus sozial benachteiligten Familien unterrepräsentiert, was die Möglichkeiten der Kompensation von sozialen Nachteilen und Defiziten durch eine gezielte Frühförderung von vornherein vermindert. Auch das deutsche Schulsystem trägt eher zu einer Verfestigung als zu einer Verringerung der Chancenungleichheit bei. Die relativ kurze Grundschulzeit reicht in der Regel nicht aus, um vorhandene Defizite auszugleichen und die Bildungsaspirationen von sozial benachteiligten Kindern und ihren Eltern soweit zu steigern, dass eine Empfehlung für eine weiterführende Schule erteilt wird.[20]

Im Kindes- und Jugendalter erfolgen zudem zentrale "Weichenstellungen" für die gesundheitliche Entwicklung im weiteren Lebenslauf, und diese sind maßgeblich durch die Lebensumstände geprägt. Beispielsweise lässt sich eine Beziehung zwischen materieller Deprivation in jungen Jahren und dem Auftreten verschiedener Erkrankungen im mittleren und höheren Lebensalter herstellen. Ebenso sind Auswirkungen auf die kognitive und geistige Entwicklung nachgewiesen, die wiederum in enger Beziehung zu den Bildungschancen und den daran geknüpften Gesundheitspotenzialen steht. Kommt es bereits in jungen Jahren zu Beeinträchtigungen der Gesundheit, dann setzen sich diese oftmals in späteren Lebensphasen fort, bisweilen mit einem progressiven Verlauf. Niedrige Bildungsabschlüsse bedingen zudem häufig eine vermehrte Bereitschaft für gesundheitsrelevantes Risikoverhalten. Durch Armut reduzierte Bildungs- und Gesundheitschancen stehen damit in einem engen, sich hochschaukelnden Wechselverhältnis.[21] Gesundheitliche Ungleichheiten können sich so leicht von Generation zu Generation reproduzieren.

Wie bereits aus diesem kurzen Überblick deutlich wird, sind die Ursachen gesundheitlicher Ungleichheit sehr komplex und vielschichtig. Mit keinem der zahlreichen Forschungsansätze lassen sich die beobachteten Ungleichheiten in der Gesundheit im Erwachsenenalter vollständig erklären. Es sind derzeit jeweils nur Teilerklärungen des Phänomens möglich. Der Lebenslaufansatz liefert hier sicher die umfassendste Erklärung, da er die Exposition gegenüber materiellen, verhaltensbezogenen und psychosozialen Faktoren von der Geburt bis ins hohe Alter und ebenso intergenerationale Prozesse berücksichtigt.

Fußnoten

17.
Vgl. Johan P. Mackenbach et al., Socioeconomic inequalities in health in Europe - An overview, in: ders./Martijntje J. Bakker (Eds.), Reducing inequalities in health: a European perspective, London 2002; Hilary Graham, Building an interdisciplinary science of health inequalities: the example of lifecourse research, in: Social Science and Medicine, 55 (2002), S. 2005 - 2016; John Lynch/George Davey Smith, A life course approach to chronic disease epidemiology, in: Annual Revue of Public Health, 26 (2005), S. 1 - 35.
18.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Nico Dragano in diesem Heft.
19.
Vgl. Thomas Lampert/Matthias Richter, Gesundheitliche Ungleichheit bei Kindern und Jugendlichen, in: M. Richter/K. Hurrelmann (Anm.1).
20.
Vgl. Wolfgang Edelstein, Bildung und Armut. Der Beitrag des Bildungssystems zur Vererbung und zur Bekämpfung von Armut, in: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 26 (2006), S. 120 - 134.
21.
Vgl. Thomas Altgeld, Gesundheitsförderung - Eine Strategie für mehr gesundheitliche Chancengleichheit jenseits von kassenfinanzierten Wellnessangeboten und wirkungslosen Kampagnen, in: M. Richter/K. Hurrelmann (Anm.1).