APUZ Dossier Bild

5.10.2007 | Von:
Christine Hagen
Bärbel-Maria Kurth

Gesundheit von Kindern alleinerziehender Mütter

Folgen von Trennung und Scheidung

Ob und inwieweit die Trennung oder Scheidung der Eltern für die Kinder mit psychosozialen Belastungen und Stressreaktionen einhergehen, hängt entscheidend von der Beziehung zu dem Elternteil ab, bei dem die Kinder leben. Gelingt es den alleinerziehenden Eltern, ein stabiles und vertrauensbasiertes familiäres Umfeld zu erhalten oder neu zu schaffen, wirkt dies negativen Folgen für die Kinder entgegen.[4] Ein stabiles familiäres Umfeld nach einer Trennung aufzubauen, stellt für sich genommen für Alleinerziehende eine Herausforderung dar. Hinzu kommen häufig Konflikte unter anderem um das Sorgerecht, im Hinblick auf Unterhaltszahlungen und schlechte Erwerbschancen von vor allem alleinerziehenden Müttern. Auch bei guter beruflicher Qualifikation gestaltet sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schwierig, weil es oftmals keine Möglichkeiten der Kinderbetreuung und flexiblen Beschäftigung gibt. Entsprechend hoch ist der Anteil der alleinerziehenden Mütter, die geringfügig beschäftigt oder arbeitslos sind.[5] Die Folge ist häufig eine angespannte finanzielle Situation: Das Armutsrisiko alleinerziehender Frauen liegt mit 35 Prozent deutlich über dem des Bevölkerungsdurchschnitts (13,5 Prozent).[6]

Die hohen Anforderungen, denen sich alleinerziehende Mütter gegenübersehen, schränken ihren Handlungsspielraum massiv ein. Das hängt auch mit dem schwierigen Zeitmanagement zusammen, das sich häufig zu Ungunsten der Kinder gestaltet, die gerade in der ersten Zeit nach der Scheidung oder Trennung der Eltern ein hohes Maß an Zuwendung und Unterstützung benötigen. Diese Diskrepanz zwischen der starken Beanspruchung der Mutter und dem gesteigerten Unterstützungsbedürfnis der Kinder wird als die Hauptursache für Belastungen des Familien- und Erziehungsklimas angesehen.[7] Empirische Studien weisen vor allem in den ersten beiden Jahren nach der Scheidung oder Trennung der Eltern auf Stressreaktionen und Beeinträchtigungen der psychosozialen Gesundheit der Kinder hin. Diese äußern sich etwa in Verunsicherungen und Ängsten, psychischen und Verhaltensauffälligkeiten sowie in schulischen Problemen und Beziehungskonflikten.[8]

Die unterschiedlichen Entwicklungskontexte müssen überdies vor dem Hintergrund des Alters und Entwicklungsstandes der Kinder gesehen werden. Kinder im Alter bis zu zehn Jahren verstehen aufgrund ihrer noch nicht entwickelten kognitiven Fähigkeiten nicht, dass die elterlichen Konflikte allein in der Paarbeziehung ihrer Eltern begründet sein können und geben sich oft selbst die Schuld für die Trennung der Eltern. Gerade in dieser Altersgruppe, in der eine verständnisvolle Unterstützung der Eltern besonders wichtig für die Kinder wäre, berichten alleinerziehende Mütter häufiger über Erziehungsschwierigkeiten und beurteilen ihren Erziehungsstil eher als autoritär im Vergleich zu alleinerziehenden Müttern mit älteren Kindern.[9]

Das Aufwachsen mit einem alleinerziehenden Elternteil kann jedoch auch Entwicklungschancen für die Kinder eröffnen. Wenn die Konflikte zwischen den Partnern heftig sind, kann eine Trennung der Eltern ein Ausweg aus einer bereits längeren Phase psychischer Belastung der betroffenen Kinder sein. Werden Kinder aus Trennungsfamilien instrumentalisiert, so kann sich ein verminderter Kontakt zum abwesenden Elternteil für deren Belastungsempfinden günstig auswirken.[10] Entwicklungsgewinne zeigen sich vor allem bei jenen Kindern, die geringe Belastungen in der Vortrennungszeit erlebt haben, die gut sozial integriert sind und bei denen durch eine konstruktive Auseinandersetzung mit den trennungsbedingten Anforderungen die Kompetenzentwicklung befördert wird.

Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Lebenssituationen lässt sich festhalten, dass allgemeingültige Aussagen über den Gesundheitszustand von Kindern in Einelternfamilien nicht formuliert werden können. Es ist davon auszugehen, dass diese Kinder stärkeren Anforderungen und Belastungen ausgesetzt sind als jene in Paarbeziehungen. Ob und inwieweit es jedoch in Folge einer Trennung zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Kinder kommt, soll im Folgenden ein empirischer Vergleich der Gesundheitsrisiken von Kindern in Ein- und Zweielternfamilien auf Basis des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys zeigen.

Fußnoten

4.
Vgl. Sabine Walper, Einflüsse von Trennung und neuer Partnerschaft der Eltern. Ein Vergleich von Jungen und Mädchen in Ost- und Westdeutschland, in: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 22 (2002), S. 25 - 46; Valerie King/Juliana M. Sobolewski, Nonresident Fathers' Contributions to Adolscent Well-Being, in: Journal of Marriage and Family, 68 (2006), S. 537 - 557.
5.
Vgl. Norbert F. Schneider, Alleinerziehen - soziologische Betrachtungen zur Vielfalt und Dynamik einer Lebensform, in: Jörg M. Fegert/Ute Ziegenhain (Hrsg.), Hilfen für Alleinerziehende. Die Lebenssituation von Einelternfamilien in Deutschland, Weinheim-Basel-Berlin 2003.
6.
Vgl. Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS), Lebenslagen in Deutschland. 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin 2005.
7.
Vgl. Matthias Franz/Herbert Lensche, Allein erziehend - allein gelassen? Die psychosoziale Beeinträchtigung allein erziehender Mütter und ihrer Kinder in einer Bevölkerungsstichprobe, in: Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, 49 (2003), S. 115 - 138; Sabine Walper, Kontextmerkmale gelingender und misslingender Entwicklung von Kindern in Einelternfamilien, in: J. M. Fegert/U. Ziegenhain (Anm. 5).
8.
Vgl. Gabriele Gloger-Tippelt/Lilith König, Die Einelternfamilien aus der Perspektive von Kindern. Entwicklungspsychologisch relevante Befunde unter besonderer Berücksichtigung der Bindungsforschung, in: J. M. Fegert/U. Ziegenhain (Anm. 5); S. Walper (Anm. 4).
9.
Vgl. Olaf Reis/Bernhard Meyer-Probst, Scheidung der Eltern und Entwicklung der Kinder. Befunde der Rostocker Längsschnittstudie, in: Sabine Walper/Beate Schwarz (Hrsg.), Was wird aus den Kindern? Chancen und Risiken für die Entwicklung von Kindern aus Trennungs- und Stieffamilien, München 1999, S. 49 - 71.
10.
Vgl. S. Walper (Anm. 4); V. King et al. (Anm. 4).