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5.10.2007 | Von:
Christine Hagen
Bärbel-Maria Kurth

Gesundheit von Kindern alleinerziehender Mütter

Ausgewählte Ergebnisse der KiGGS-Studie

Die Ergebnisse zeigen zunächst, dass sowohl in Zwei- als auch in Einelternfamilien ein Großteil der Eltern den allgemeinen Gesundheitszustand ihrer Kinder als sehr gut oder gut bewertet. Nach Einschätzung der Eltern haben 95 Prozent der Kinder in Zweielternfamilien eine gute und sehr gute Gesundheit; in Einelternfamilien wird der Gesundheitszustand der Kinder zu 93 Prozent als gut und sehr gut bewertet.

Wesentlich größere Unterschiede zwischen Kindern in Ein- und Zweielternfamilien sind festzustellen, wenn die Eltern nach psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder befragt werden. In der KiGGS-Studie wurde mit dem Strength and Difficulties Questionnaire (SDQ) ein Instrument eingesetzt, das Hinweise auf emotionale Probleme, Verhaltensprobleme, Hyperaktivität und Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen liefert.[15]

Es zeigt sich, dass Alleinerziehende die Probleme ihrer Kinder in allen vier Problembereichen signifikant häufiger als auffällig einstufen als Eltern in partnerschaftlichen Familien (vgl. Tabelle 1 der PDF-Version).[16] Hervorzuheben ist darüber hinaus, dass Jungen im Vergleich zu Mädchen nach Beurteilung ihrer Eltern größere Probleme in allen genannten Bereichen aufweisen, und zwar sowohl in Ein- als auch in Zweielternfamilien. Betrachtet man allerdings das Chancenverhältnis für das Auftreten der Probleme der Kinder zwischen Ein- und Zweielternfamilien, stellt sich das Geschlechterverhältnis anders dar. Diesbezüglich lässt sich festhalten, dass die Differenz zwischen Mädchen in Ein- und Zweielternfamilien in allen Problembereichen größer eingeschätzt wird als bei Jungen. Aus Sicht der Eltern haben Mädchen zwar insgesamt weniger häufig psychische Probleme oder weisen Verhaltensauffälligkeiten auf, der Zusammenhang zwischen der familiären Lebensform und dem Vorkommen der Auffälligkeiten ist jedoch ausgeprägter als bei Jungen.

Zur Verbreitung von Übergewicht bei Kindern konnten für Deutschland bislang keine verlässlichen Angaben gemacht werden. In der KiGGS-Studie ist dies auf Basis von Messwerten zu Körpergewicht und Körpergröße möglich.[17] Demnach sind knapp 18 Prozent der Drei- bis Zehnjährigen in Einelternfamilien und nahezu 12 Prozent der Kinder in Zweielternfamilien übergewichtig oder adipös. Auffällig sind hier wiederum die geschlechtsspezifischen Unterschiede (vgl. Abbildung der PDF-Version): Während in Familien mit partnerschaftlicher Lebensform Übergewicht bei Jungen und Mädchen mit einem Anteil von rund 12 Prozent gleich stark verbreitet ist, sind Jungen in alleinerziehenden Haushalten mit 20 Prozent im Vergleich zu Mädchen mit 15 Prozent besonders stark betroffen. Dieser Befund deutet darauf hin, dass Jungen in Einelternfamilien signifikant häufiger übergewichtig oder adipös sind und auch der Zusammenhang zwischen der familiären Lebensform und Übergewicht stärker ausgeprägt ist als bei Mädchen.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Kinder aus Einelternfamilien seltener Sport treiben (vgl. Abbildung der PDF-Version). Bei Mädchen ist dieser Unterschied noch deutlicher ausgeprägt als bei Jungen. Eine altersdifferenzierte Betrachtung weist ferner auf deutliche Unterschiede bei den sieben- bis zehnjährigen Jungen hin: 25 Prozent der Jungen in alleinerziehenden im Vergleich zu 14 Prozent der Jungen in partnerschaftlichen Haushalten treiben seltener als einmal in der Woche Sport. Diese Unterschiede zeigen sich vor allem beim Vereinssport, während sich die sportliche Betätigung außerhalb eines Vereins bei Kindern in Ein- und Zweielternfamilien ähnlich darstellt. Eine Erklärungsmöglichkeit hierfür könnten geringe materielle und zeitliche Ressourcen der Ein- im Vergleich zu Zweielternfamilien sein.

Zur Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität wurde im Rahmen von KiGGS der KINDL-R-Fragebogen eingesetzt, der sich in epidemiologischen Untersuchungen bereits als Lebensqualitäts-Screening-Instrument bewährt hat. Im Rahmen der Untersuchung sind den Eltern 24 Fragen zur Lebensqualität ihrer Kinder gestellt worden. Insgesamt wurden sechs Dimensionen der Lebensqualität berücksichtigt, die in Form von ausgewählten Items in Tabelle 2 (vgl. PDF-Version) abgebildet sind.[18]

Auf Basis der Einschätzung der Eltern zeigen sich in fast allen Lebensbereichen erhebliche Differenzen zwischen Kindern in Ein- und Zweielternfamilien, allein die Unterschiede der elterlichen Aussagen zum körperlichen Wohlbefinden ihrer Kinder fallen vergleichsweise gering aus und sind nicht signifikant. Im Geschlechtervergleich zeigen den Elternangaben zufolge Jungen in fast allen Bereichen höhere Anteile als Mädchen. Lediglich der emotionale Bereich wird von alleinerziehenden Müttern bei ihren Töchtern als vergleichsweise problematisch eingeschätzt: 21 Prozent der Mädchen und 16 Prozent der Jungen in Einelternfamilien fühlen sich nach Einschätzung ihrer Mütter mindestens manchmal alleine. Bei Jungen in Einelternfamilien ist besonders das Selbstwertgefühl belastet. Auch die familiären Probleme sowie die Probleme mit Aufgaben in der Kita oder Schule scheinen aus Sicht der alleinerziehenden Mütter bei Söhnen stärker als bei Töchtern ins Gewicht zu fallen. Probleme mit Gleichaltrigen werden von den Alleinerziehenden hingegen sowohl bei ihren Söhnen als auch bei ihren Töchtern als vergleichsweise hoch eingeschätzt.

Vor dem Hintergrund unterschiedlicher Lebensbedingungen der Ein- als auch der Zweielternfamilien stellt sich die Frage, ob bzw. wie die gesundheitliche Situation der Kinder durch weitere Merkmale der Lebenslage beeinflusst wird. Hinsichtlich psychischer und Verhaltensprobleme lassen sich auf der Grundlage der KiGGS-Daten vor allem für die Schulbildung der Mutter und die Wohnregion bedeutsame Effekte feststellen. Bei Müttern mit niedriger Schulbildung sind die Unterschiede zwischen Kindern aus Ein- und Zweielternfamilien größer als bei Müttern mit einem höheren Schulabschluss. Bemerkenswert sind darüber hinaus die geringen und nicht signifikanten Unterschiede bezüglich der Einschätzung psychischer Probleme und Verhaltensauffälligkeiten zwischen Ein- und Zweielternfamilien in den ostdeutschen im Vergleich zu westdeutschen Bundesländern. Diese Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland sind nicht zuletzt vor dem unterschiedlichen Selbstverständnis und Erfahrungshintergrund der Mütter und deren Belastungserfahrungen zu interpretieren.

Fußnoten

15.
Die Eltern beantworteten insgesamt 25 Fragen zu den genannten Bereichen sowie zu prosozialem Verhalten ihrer Kinder. Durch die Addition der vier Problemskalenwerte kann ein Gesamtproblemwert berechnet werden. Für den Gesamtproblemwert und die einzelnen Skalen wurden anhand von Cutt-Off-Werten die Kinder als "unauffällig", "grenzwertig" oder "auffällig" klassifiziert. Vgl. Heike Hölling et al., Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen: Erste Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS), in: Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 50 (2007), S. 784 - 793.
16.
Multivariate Analysen zeigen, dass der Einfluss der Lebensform in den dargestellten Ergebnissen auch unter Berücksichtigung des Alters der Kinder gleich signifikant bleibt.
17.
Vgl. Bärbel-Maria Kurth/Angelika Schaffrath-Rosario, Die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland - Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys, in: Bundesgesundheitsblatt (Anm.15), S. 736 - 743.
18.
Vgl. Ulrike Ravens-Sieberer/Ute Ellert/Michael Erhart, Gesundheitsbezogene Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Eine Normstichprobe für Deutschland aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS), in: ebd., S. 810 - 818.