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5.10.2007 | Von:
Christine Hagen
Bärbel-Maria Kurth

Gesundheit von Kindern alleinerziehender Mütter

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) haben gezeigt, dass sich bereits im Kindesalter ein Zusammenhang zwischen der gesundheitlichen und der sozialen Situation feststellen lässt. Vor allem die psychosoziale Situation der Kinder wird von alleinerziehenden Müttern in vielen Bereichen als problematischer eingeschätzt als von Eltern in partnerschaftlichen Beziehungen. Auffällig sind insbesondere geschlechtsspezifische Unterschiede: Es wurde deutlich, dass Jungen in fast allen untersuchten Bereichen nach Einschätzung der Eltern größere Probleme haben als Mädchen. Obgleich die Mädchen bezüglich der psychischen und Verhaltensprobleme eine niedrigere Betroffenheit aufweisen, sind die Differenzen zwischen den Mädchen in Ein- und Zweielternfamilien größer als bei den Jungen. Insofern scheint hier die soziale Situation vor allem bei Mädchen einen größeren Effekt zu haben. Diese Ergebnisse erweitern den Blick auf geschlechtsspezifische Unterschiede, da in bisherigen Untersuchungen insbesondere bei Jungen auf den Zusammenhang zwischen Ein-Elternschaft und kindlichen Verhaltensauffälligkeiten verwiesen wurde.[19] Als moderierende Einflüsse wirken bei psychischen und Verhaltensproblemen der Kinder vor allem die Schulbildung der Mutter sowie die Wohnregion.

Vor dem Hintergrund der vor allem psychosozialen Ungleichheiten von Kindern in unterschiedlichen Lebensformen sollten politische Interventionen nicht nur auf die Stärkung der familiären Ressourcen gerichtet sein, sondern es sollten auch direkte Unterstützungsangebote für belastete Kinder geschaffen werden. Alleinerziehende können meist weniger familieninterne Ressourcen mobilisieren als partnerschaftliche Familien. Sinnvoll wäre eine Unterstützung, nicht allein durch vermehrte finanzielle staatliche Transferzahlungen oder steuerrechtliche Entlastungen, sondern insbesondere auch durch ein bedarfsgerechtes Angebot flexibler Arbeitsverhältnisse und Karrieremodelle in Verbindung mit einem dichten Netz alltagserleichternder Betreuungs- und Versorgungsinfrastruktur. Eine "nachhaltige Familienpolitik"[20] funktioniert allerdings nur, wenn die Bedürfnisse und die Anliegen der einzelnen Familienmitglieder als Ausgangspunkt genommen werden. Zukunftsweisend sind hier beispielsweise multifunktionale Ansätze integrierter Dienstleistungszentren für Familien, die neben institutioneller Betreuung und Tagespflegevermittlung etc. auch andere haushaltsnahe Dienstleistungen und zum Teil berufsqualifizierende Angebote anbieten.[21] Zusätzlich wird hier eine enge Kooperation mit den betrieblichen Akteuren empfohlen. Zum Beispiel kann betriebsnahe qualifizierte Kinderbetreuung betriebliche Flexibilitätsanforderungen an die Beschäftigten und die Betreuung der Kinder von insbesondere alleinerziehenden Beschäftigten am ehesten in Übereinstimmung bringen.

Eine direkte Unterstützung von Kindern aus belasteten Trennungsfamilien ermöglichen Gruppeninterventionsprogramme, in denen die persönlichen Ressourcen für die Bewältigung der familiären Belastungen gefördert werden. Ziel entsprechender Interventionsmaßnahmen ist es unter anderem, eine elternunabhängige Perspektive der Kinder zu stärken.[22] Um betroffene Kinder zu erreichen, sollten Konzepte und spezifische Zugangswege erprobt und entwickelt werden, die mögliche Ängste, Unsicherheiten und Überforderungen der Kinder berücksichtigen. Der Ausbildung niedrigschwelliger Angebote, die in das alltägliche Leben von Kindern integriert werden, kommt dabei eine übergeordnete Bedeutung zu. Die Förderung solcher gezielter Präventions- und Unterstützungsmaßnahmen kann nicht nur Leid von den betroffenen Kindern abwenden, sondern sich gleichzeitig hinsichtlich der psychosozialen Folgekosten massiv kostensparend auswirken. Schließlich sind gesunde und selbstbewusste Kinder die Zukunft unserer Gesellschaft.

Fußnoten

19.
Vgl. M. Franz/H. Lensche (Anm. 7); G. Gloger-Tippelt/L. König (Anm. 8).
20.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik. Siebter Familienbericht, Berlin 2006.
21.
Vgl. z.B. das Landesprojekt "Familienzentren" in NRW.
22.
Vgl. Wassilios E. Fthenakis, Gruppeninterventionsprogramm für Kinder mit getrennt lebenden oder geschiedenen Eltern, Weinheim 1995.